meinung •Krisen zu Jahresbeginn Fasst mehr schlechte Vorsätze!
Illustration: Mario Wagner / DER SPIEGEL
Am ersten Tag des neuen Jahres feierte ich Geburtstag in einem Restaurant am Stadtrand von Berlin. Mein Vater wurde 92 Jahre alt, und vermutlich saßen wir schon in diesem Restaurant, als mein Vater 72 Jahre alt wurde. Und an all seinen Geburtstagen danach. Vielleicht hat jede Familie so ein Restaurant. In dem man zusammenkommt und irgendwann niemand mehr die Frage stellt: warum eigentlich immer hier? Sondern nur noch: um wie viel Uhr?
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Jedes Jahr sagt mein Vater, dass er gern die Lasagne essen würde. Jedes Jahr sagt meine Schwester, dass ihm die Lasagne hier noch nie geschmeckt habe. Woraufhin mein Vater sagt, dass er trotzdem gern die Lasagne essen würde. Woraufhin ich sage, dass er nur wieder enttäuscht sein wird, wenn er nicht mal etwas anderes äße als Lasagne. Woraufhin mein Vater einlenkt und die Hühnerleber »Toskana-Art« bestellt. Später ist er aber trotzdem enttäuscht und sagt, dass er nächstes Jahr unbedingt wieder die Lasagne essen würde. Woraufhin meine Schwester sagt … Es ist, als würden wir jedes Jahr einen Loriot-Sketch aufführen.
Mehr Alkohol. Mehr Fleisch. Weniger Sport.
Ich kann mich nicht erinnern, dass meinem Vater jemals etwas gut geschmeckt hat in diesem Restaurant am Stadtrand. Trotzdem besteht er darauf, dass wir jedes Jahr dort hingehen. Und mittlerweile bestehe ich auch darauf. Jedes Jahr mache ich hier ein Foto: der gleiche Tag, der gleiche Tisch, der gleiche Anlass. Und eines Tages, wenn ich alle Fotos zusammenlege, sehe ich unsere Familie wie im Zeitraffer. Sehe, wie aus Kindern Erwachsene wurden, aus Erwachsenen Greise, sehe den leeren Platz am Tisch, wo immer meine Mutter saß.
Am ersten Tag des Jahres hat man natürlich Wünsche, Hoffnungen und fragt sich, was das Jahr wohl bringen mag. Tja. Ich wäre schon zufrieden, wenn mein Vater auch am 1. Januar 2027 wieder nach der verdammten Lasagne fragt.
Am zweiten Tag des neuen Jahres fuhr ich in eine Brandenburger Therme. Im Autoradio sprachen sie über gute Vorsätze, und ich fand das sehr beruhigend. Wenn am Anfang eines Jahres irgendwann nicht mehr über gute Vorsätze geredet wird, dann ist die Welt endgültig aus den Fugen. Wobei ich mich frage, warum es so wenig schlechte Vorsätze gibt. Mehr Alkohol trinken. Keinen Sport treiben. Mehr Fleisch essen. Psychologisch erscheint mir das vernünftiger. Weshalb ich jedes Jahr einen schlechten Vorsatz fasse. Diesmal: weniger Bücher lesen. Stelle ich am Jahresende fest, dass ich meinen Vorsatz nur ungenügend umgesetzt habe, werde ich mich aber kaum grämen oder als Versager fühlen, sondern stolz von mir denken: Um weniger Bücher zu lesen, bin ich leider zu intellektuell und gebildet.
An schlechten Vorsätzen kann man nie scheitern.
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Am Eingang der Therme bekam ich ein Armband für die Umkleidekabine. Die Nummer lautete: 999. Ich dachte, sieh an, eine Schnapszahl. Was mag das wohl für das neue Jahr bedeuten? Nun, gar nichts. Ich hatte verkehrt herum draufgeschaut. Die Zahl lautete nämlich: 666. Wenn dir am zweiten Tag des Jahres jemand eine 666 in die Hand drückt, dann kommt man schon ins Grübeln.
Im Internet steht: »Die Zahl 666, bekannt als ›Zahl des Tieres‹ oder ›Zahl des Teufels‹«, stammt aus der biblischen Offenbarung und symbolisiert das Böse, den Antichristen oder römische Kaiser wie Nero.«
Ich bin nicht abergläubisch. Ich stelle nur fest: In der Nacht zum dritten Tag des neuen Jahres griffen die USA plötzlich Venezuela an. Und am Morgen des dritten Tages im neuen Jahr fiel in Berlin auch noch der Strom aus. Zehntausende Haushalte waren betroffen.
Es ist sicher alles nur Zufall und nicht der Antichrist – denkt zweifelnd der Mann mit der 666.
Worte statt Werte
Am Abend des dritten Tages im neuen Jahr sah ich Armin Laschet im ZDF. Auf die Frage, ob der Angriff der USA völkerrechtswidrig sei, überraschte Laschet mit der Einschätzung, dass die Rechtslage kompliziert sei, und man alles erst mal prüfen müsste. Ich bin sicher, die Einschätzung wäre sehr viel eindeutiger ausgefallen, hätte – ganz hypothetisch, man soll ja nichts vergleichen – China Taiwan angegriffen, den taiwanischen Präsidenten entführt und gesagt: Erst mal regieren wir in Taiwan, und wir schauen auch gleich mal, was wir an Rohstoffen hier Hübsches finden.
Ich bin oft gefragt worden, warum einige Ostdeutsche trotz des Krieges in der Ukraine mit Russland sympathisieren. Oder mit China. Ich habe darauf keine Antwort. Genauso wenig vermag ich zu erklären, warum Westdeutsche außenpolitisch oft mit den USA sympathisieren. Was das imperiale Machtstreben betrifft, sehe ich keinen Unterschied. Nur, dass ich mir von den USA mehr erhoffe. Stichwort: regelbasierte Ordnung. Stichwort: Völkerrecht. Stichwort: westliche Werte. Aber am Ende hat man das Gefühl, es sind alles nur Worte, auf die man sich so lange beruft, wie sie einem nicht im Wege stehen.
2026? Kann jetzt nur noch besser werden
In der Nacht zum fünften Tag des neuen Jahres bekam ich Zahnschmerzen. Am Vormittag saß ich auf dem Zahnarztstuhl, der Arzt kratzte mürrisch an meinem Zahn herum, ich jaulte auf und dachte: Beschissener hat selten ein neues Jahr begonnen. Da hatte ich aber noch gar nicht die Nachricht der Fluggesellschaft gelesen, wonach es am siebten Tag des neuen Jahres – der Tag, an dem ich in den Urlaub fliege – witterungsbedingt zu Flugausfällen kommen wird.
Alles, wirklich alles kann jetzt eigentlich nur besser werden. Ich meine, das sind doch gute Aussichten, oder? Frohes Neues!