Learjet-Kollision mit "Eurofighter" Tödliche "Renegade"-Übung
Hamburg - Ein Routine-Manöver der Luftwaffe endete am Montag in einem Desaster: Bei einer Übung kollidierte über dem Sauerland ein Learjet mit einem "Eurofighter" und stürzte ab. In den Flammen starb mindestens ein Mensch, der zweite Insasse des Learjets wurde noch nicht gefunden. Der "Eurofighter" konnte nach dem Zusammenstoß stark beschädigt landen.
Inzwischen haben Experten den Datenrekorder des Learjets gefunden, die Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung (BFU) hat ihre Arbeit aufgenommen. Zur Unglücksursache gibt es derzeit allenfalls Hypothesen. Ersten Erkenntnissen der Luftwaffe zufolge krachte der Learjet in einer Linkskurve in eines der beiden ihn begleitenden Kampfflugzeuge und riss dabei unter anderem einen Außentank ab.
Wie läuft ein solches "Renegade"-Manöver ab, bei dem Kampfjets im Fall von Entführungen oder Terrorangriffen Flugzeuge zur Landung zwingen? Gibt es Vorschriften dafür, wie groß der Abstand zwischen den Flugzeugen bei einer Übung sein darf? Fragen und Antworten zum Flugunglück über dem Sauerland.
Learjet kollidiert mit "Eurofighter": "Solche Übungen sind Routine"
Wie oft werden Abfangübungen in der Luft durchgeführt?
"Solche luftpolizeilichen Übungen sind Routine, sie werden bundesweit mehrfach in der Woche durchgeführt", sagt Oberst Michael Kötting von der Luftwaffe. Es gebe klare Vorschriften und international abgesprochene Verfahren, die dabei zum Tragen kämen. Sichtzeichen wie etwa das Wackeln mit den Flügeln des Flugzeugs dienen der Verständigung. Die Piloten kommunizieren außerdem von Cockpit zu Cockpit per Handzeichen, die durch internationale Standards festgelegt sind.
Wann werden Abfangflüge im Ernstfall geflogen?
Es gibt mehrere Situationen, in denen Abfangjäger in den Einsatz geschickt werden: Ein Flugzeug ist beschädigt oder weicht vom Kurs ab, es verliert Funkkontakt oder wird entführt. Auch bei Verletzungen des Luftraums steigt gegebenenfalls eine Alarmrotte auf. So bezeichnet man eine Gruppe von zwei Jagdflugzeugen oder Abfangjägern, die eine Sichtidentifizierung des verdächtigen Flugzeugs vornehmen und es gegebenenfalls zur Landung zwingen. Früher flogen Kampfflugzeuge des Typs F-4 Phantom II, seit April 2013 ausschließlich "Eurofighter".
Wie läuft ein sogenanntes "Renegade"-Manöver ab?
"Die Alarmrotten und die militärische Luftraumüberwachung werden alarmiert. Innerhalb von 15 Minuten müssen die Kampfjets in der Luft sein", erklärt Thomas Wassmann vom "Verband der Besatzungen strahlgetriebener Kampfflugzeuge der Deutschen Bundeswehr". Damit die Kampfjets möglichst schnell ihr Ziel erreichen, wird wenn nötig der Luftraum freigehalten. "Am Zielobjekt angekommen positioniert sich ein Kampfjet an der linken Seite des Flugzeugs, das andere dahinter", sagt Wassmann.
"Der Pilot, der seitlich fliegt, nimmt Blickkontakt zur Besatzung des anderen Flugzeugs auf." Dann beginnt die Kommunikation per Handzeichen. "Der Kampfjet-Pilot teilt zum Beispiel mit, dass kein Funkkontakt besteht, dass man die Frequenz prüfen soll. Wenn das nicht funktioniert und die Besatzung nicht kooperiert, versuchen die Kampfjets, das Flugzeug abzudrängen."
Das Manöver am Montag, bei dem sich das Unglück ereignete, sah laut Wassmann vor, dass sich der Pilot kooperativ verhält.
Wo darf so ein Manöver zur Übung geflogen werden?
Abfang-Manöver können über der gesamten Bundesrepublik geflogen werden. Es gibt keine speziellen Mindesthöhen, in denen sie stattfinden müssen. "Sie finden ohnehin in normalen Flughöhen statt, da man ja annehmen muss, dass sich dort auch der Ernstfall abspielen würde", so Wassmann. Die Kollision über dem Sauerland geschah offenbar in einer Höhe von rund 2500 Metern.
Wie oft kommen Kollisionen in der Luft vor?
Die Kollision im Sauerland ist das erste Unglück dieser Art im deutschen Luftraum seit zehn Jahren. Im April 2004 waren nahe St. Peter-Ording zwei Tornado-Jets der Luftwaffe während eines Formationsflugs zusammengestoßen und abgestürzt. Die Besatzung des einen Flugzeugs konnte sich per Schleudersitz retten, die Insassen des zweiten starben. "Bei Abfangübungsflügen wird nie so eng geflogen wie bei Formationsflügen", betont Oberst Kötting von der Luftwaffe.
Klare Grenzwerte für den einzuhaltenden Abstand gebe es nicht. "Die Piloten nähern sich nur so weit, wie es sicher für alle Beteiligten ist." Auch Wassmann sagt: "Die Nähe zwischen den Flugzeugen ist überhaupt kein Problem, das ist Flugroutine."
Am Montag wurden zwei Flugzeugtypen mit einer ähnlichen Größe eingesetzt: "Eurofighter" haben eine Spannweite von rund elf Metern, beim Learjet beträgt sie etwa einen Meter mehr. Die Learjets sind mit einer Länge von rund 15 Metern nur etwa einen Meter kürzer als die Kampfflugzeuge.
Warum ist der stark beschädigte "Eurofighter" zum Fliegerhorst Nörvenich geflogen und nicht zu einem näher gelegenen Flughafen?
Ersten Erkenntnissen zufolge krachte der Learjet während einer Linkskurve von unten in den Eurofighter und riss dabei unter anderem einen Tank ab. Der stark beschädigte Kampfjet flog rund 180 Kilometer zum Fliegerhorst Nörvenich, anstatt etwa auf dem nur 50 Kilometer entfernten Flughafen Paderborn/Lippstadt um Landeerlaubnis zu bitten. "Paderborn/Lippstadt ist ein ziviler Flughafen", sagt der ehemalige Waffensystemoffizier Wassmann. "Der Bund müsste dem zivilen Betreiber ein Vermögen allein an Landegebühren bezahlen. Zudem müsste der gesamte Flughafen zum militärischen Sicherheitsbereich erklärt und abgesperrt werden, was extrem aufwendig ist." Dasselbe gelte für den ebenfalls zivilen Flughafen Dortmund.
Warum wurde mit der Gesellschaft für Flugzieldarstellung (GFD) ein privates Unternehmen als Partner für die Übungsflüge gewählt?
"Die Luftwaffe beauftragt private Unternehmen wie die GFD, weil sie selbst keine Learjets für solche Manöver bereithält", erklärt Wassmann. Zudem sei es sinnvoll, wenn sich externe Piloten beteiligen, da so der reale Fall besser simuliert werden könne. "Wir arbeiten seit zehn Jahren sehr erfolgreich und ohne Zwischenfälle mit der GFD zusammen", sagt Oberst Kötting von der Luftwaffe. "Soweit es mir bekannt ist, hatten wir noch nie Probleme mit dem Unternehmen." Generell sei es kostengünstiger, mit Privatanbietern zusammenzuarbeiten. "Eine Flugstunde im 'Eurofighter' ist sehr teuer, und für die Übungsflüge brauchen wir keine hochagilen Flugzeuge, die eine Passagiermaschine darstellen. Da reicht ein Learjet."