Vaterschaftsklage gegen Albert II.: Plötzlich Prinzessin
Vaterschaftsklage gegen Albert II. Delphine Boëls Kampf um die königliche DNA
Mario Danneels war 18 Jahre alt, als er - möglicherweise - eine Prinzessin schuf. Der junge Journalist hatte recherchiert, veröffentlichte 1999 eine Biografie über die damalige belgische Königin Paola und schrieb darin nur einen vagen Satz: dass es neben Paola eine weitere Frau an König Alberts Seite gegeben habe.
Aus der Affäre soll eine Tochter hervorgegangen sein: Delphine Boël.
14 Jahre ist die Enthüllung nun her, seither kämpft Delphine Boël, 45, um die Anerkennung als Tochter Alberts und als Prinzessin. Bisher war sie erfolglos, das Königshaus stellte sich taub, stumm und blind. Im Juli aber dankte Albert ab und verlor damit seine Immunität als König. Jetzt soll ein neuer Gerichtsprozess beginnen, um den früheren König zu einem Vaterschaftstest zu zwingen. Chronik einer schrägen Geschichte aus dem Königshaus, die Stoff für eine Fernseh-Soap böte.
Bis zum Jahr 1999, als die Biografie erschien, kannten nur wenige den Namen Delphine Boëls, die Künstlerin und ihre vielfarbigen Collagen und Pappmaché-Skulpturen. Heute ist sie in Belgien als uneheliche Prinzessin bekannt.
Geboren wurde Delphine Boël 1968. Ihre Mutter ist Sybille de Sélys Longchamps, eine Baronin, die damals mit Jaques Boël verheiratet war. Er hat die Vaterschaft nie angezweifelt, von ihm hat Tochter Delphine auch ihren Nachnamen. Er gilt bisher als ihr Vater.
Belgiens "Prinz Leichtfuß"
In den sechziger und siebziger Jahren soll - so die Gerüchte - Sybille de Sélys eine zehn oder mehr Jahre andauernde Affäre mit Albert gehabt haben. Der war damals noch belgischer Prinz, und die Ehe mit seiner Frau Paola stand offenbar kurz vor der Scheidung. In Belgien nannte man ihn wegen seinem Hang zu Motorrädern, Frauen und Autos "Prinz Leichtfuß".
1993 wurde Albert König von Belgien. Deshalb schützte ihn Artikel 88 der Verfassung, der dem König Immunität gewährt. Ein Gerichtsverfahren gegen ihn hätte keine Aussicht auf Erfolg gehabt.
Trotzdem begann Delphine Boël im Juni dieses Jahres einen Prozess: Sie forderte von König Albert II. und von zweien seiner Kinder einen DNA-Test. Im Juni wurde der Prozess vertagt, heute hätte es weitergehen sollen. Doch die Geschichte nahm eine Wende.
Albert dankte im Juli ab. Damit hat er auch seine königliche Immunität verloren. "Er ist jetzt ein Bürger wie jeder andere", sagt Delphine Boëls Anwalt, Alain de Jonge, SPIEGEL ONLINE. Die Situation sei nun eine völlig andere. "Wir mussten deshalb die Strategie ändern."
Den Prozess gegen Albert und zwei seiner Kinder will de Jonge bei einem Gerichtstermin am Dienstag beenden. Dafür soll nächste Woche, am 9. September, ein neues Verfahren eingeleitet werden. "Frau Boël fordert von Albert eine DNA-Probe", sagt Anwalt de Jonge. Mit dem Vaterschaftstest erhoffe sich seine Mandantin Klarheit über ihre Identität.
Ein bis anderthalb Jahre könnte der Prozess dauern, so de Jonge. Über die Erfolgsaussichten gibt es unterschiedliche Einschätzungen. Frederik Swennen, Professor für Familienrecht in Antwerpen, sagte im Juni einer belgischen Zeitung, Boëls Chancen seien gleich null . Zwar würde ein Richter fast immer einen DNA-Test anordnen. "Niemand kann aber dazu verpflichtet werden, tatsächlich einen Test zu machen."
Das Königshaus schweigt zu der Geschichte
Andere Juristen argumentieren mit dem europäischen Recht: Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte und verschiedene nationale Gerichte entschieden in den vergangenen Jahren, dass jeder ein Recht habe, seine Herkunft zu kennen. Meist geht es in diesen Fällen um Kinder von anonymen Samenspendern oder Kinder, die in Babyklappen abgelegt wurden. Diesen Urteilen liegt der Gedanke zugrunde, dass zur Entwicklung und Gesundheit eines Menschen auch die Identität und das Wissen über seine Herkunft gehört.
Auch die Belgierin Delphine Boël sagt, sie leide seelisch darunter, nicht zu wissen, wer ihr Vater ist. Wiederholt erklärte sie, es gehe ihr nicht um finanzielle Vorteile oder gar den Anspruch auf einen Platz in der Thronfolge. Boël hat Medienberichten zufolge am Dienstag angekündigt, dem Richter Fotos und persönliche Briefe vorzulegen, um damit die Vaterschaft Alberts zu beweisen.
Das Königshaus schweigt zu der Geschichte. Nur einmal, in der Weihnachtsansprache 1999 nach der Enthüllung, sagte Albert, seine Ehe habe vor dreißig Jahren "eine Krise" erlebt. In Belgien wurde das als Bekenntnis gewertet, Delphine gilt in der Bevölkerung als Prinzessin.
Delphine Boëls Mutter gab bisher nur ein Interview . In der französischsprachigen Zeitung "Le Soir" sagte sie vor einigen Monaten, sie verstehe nicht, warum Albert sich weigere, Delphine zu akzeptieren. Er sei inzwischen wohl überzeugt, dass sie nicht seine Tochter ist. "Das ist eine psychologische Weigerung."
Die Mutter verspricht, alle Fragen in einem TV-Interview zu beantworten: wie sie Albert kennengelernt habe, wie er im Kreißsaal dabeigestanden habe, wie sie mit seiner Frau Paola stritt. Ausgestrahlt wird der erste Teil am Dienstagabend im belgischen Fernsehen, am Tag des Prozesses. Der Titel: "Unsere Tochter heißt Delphine".