Italiens "Vogue"-Chefin: "Elegant, extravagant, einmalig" - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Italiens "Vogue"-Chefin "Elegant, extravagant, einmalig"

Sie ist die mächtige Chefin der italienischen "Vogue". Sie setzt Trends. Sie entscheidet, was "in" ist: zum Beispiel elegante Deutsche. Franca Sozzani spricht mit SPIEGEL ONLINE über Klischees der Mode made in Germany, Berlin als Fashion-Metropole - und die Kluft zwischen Models und normalen Frauen.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?
Fotostrecke

Franca Sozzani: Models, Macht und Mode

SPIEGEL ONLINE: Frau Sozzani, schreiben Sie Ihren Leserinnen vor, wie sie sich anziehen sollen?

Sozzani: Nein, "Vogue Italia" unterscheidet sich von einem herkömmlichen Frauenmagazin dadurch, dass es dem Leser nichts beibringen will. Wir sagen den Leuten nicht, wie sie einen Rock mit einem Pullover und Stiefeln kombinieren können. Figur und Alter der Leserinnen stimmen ja auch selten mit denen der Models überein.

SPIEGEL ONLINE: Die "Vogue" hat ein hehreres Ziel?

Sozzani: Wir bieten einen Traum an, und das mit Shootings, die überzeichnen - mal ironisch, mal dramatisch, als sähe man Szenenbilder eines Films. Es liegt dann am Einzelnen, sich diesen Look zu eigen zu machen und ihn ins Tragbare zu übersetzen.

SPIEGEL ONLINE: Was muss ein Kleidungsstück haben, um Sie wirklich zu begeistern?

Sozzani: Ich begeistere mich selten für ein bestimmtes Kleid, einen Mantel, eine Hose. Dazu muss man ein "Fashionista" und wirklich besessen sein vom modischen Endprodukt. Was mich dagegen mitreißt, ist das Konzept einer Modenschau, die Idee, die dahinter steckt.

SPIEGEL ONLINE: Ein Beispiel?

Sozzani: Nehmen wir einen Designer wie Alexander McQueen. Man kann ihn mögen oder nicht, doch niemand wird je aus einer seiner Schauen kommen und sagen, der Mann habe keine Visionen, sei kein kreativer Kopf. Was er macht, ist nie banal, wenngleich auch manchmal nicht leicht zu entziffern.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben "Vogue Italia" zur Modebibel gemacht, das Blatt ist fester Bestandteil des internationalen Modebetriebs. War das Ihr Ziel, als Sie 1988 die Chefredaktion übernahmen?

Sozzani: Damals war die "Vogue" eher ein Modekatalog als eine Zeitschrift im herkömmlichen Sinn. Ein hundertprozentig italienisches Produkt, gedacht für ein italienisches Publikum und italienische Designer, eine werkgetreue Abbildung ihrer Schauen. Ich wollte aber, dass sich das Heft international etabliert. Und da Italienisch zwar eine sehr schöne Sprache, jedoch nicht international ist, galt es dies durch ein neues Image zu erreichen.

Helmut Newton

SPIEGEL ONLINE: Um den modischen "Traum", von dem Sie eben sprachen, in Szene zu setzen, haben Sie von Anfang an Starfotografen wie , Steven Meisel, Bruce Weber, Peter Lindbergh, Ellen von Unwerth, Herb Ritts engagiert. Ist es Zufall, dass mehrere Deutsche in dieser Riege vertreten sind?

Sozzani: Auch Jürgen Teller gehört in die Liste. Die Fotografie hat in Deutschland eine solide Tradition. Und es ist das einzige Land, in dem eine sogenannte Schule der Kunstfotografie entstanden ist. Leute wie Andreas Gursky, Thomas Struth, Candida Höfer, Thomas Ruff haben nicht nur eine internationale Resonanz, sondern sind die Einzigen, die weltweit als Kunstfotografen anerkannt werden.

SPIEGEL ONLINE: Die Eleganz, die Sie suchen, würde man eher bei Italienern und Franzosen vermuten.

Karl Lagerfeld

Sozzani: Warum? Gerade die deutschen Fotografen haben in der Vergangenheit ein neues Bild der Frau vermittelt. Man müsste sich halt endlich von den Klischees verabschieden. Es heißt noch immer, die Deutschen hätten keinen Geschmack, ich sage aber, genau das Gegenteil trifft zu. Wenn eine deutsche Frau elegant ist, dann ist sie sehr elegant. Denken Sie nur an - die Eleganz und Extravaganz, die seine Kreationen einmalig machen, leitet er von einem gewissen Frauenbild ab, das er selbst gesehen und erlebt hat.

SPIEGEL ONLINE: Kann man bei Lagerfeld oder Jil Sander, Joop oder Gabriele Strehle eine deutsche Handschrift erkennen?

Sozzani: Das würde ich nicht sagen. So wie wir Italiener nicht mehr an der Renaissance gemessen werden wollen, hat es keinen Sinn, die Deutschen auf ihre Rationalität, auf ihren Ordnungssinn zu reduzieren. Noch dazu in einer Zeit, in der man sich problemlos per Flieger oder Internet von einem Kontinent zum anderen bewegen kann.

Fashion Week

SPIEGEL ONLINE: In Berlin findet seit einigen Jahren die statt. Hat die Stadt, was es braucht, um sich früher oder später auch unter den Modemetropolen zu etablieren?

Sozzani: Ich bin von Berlin sehr angetan. Architektonisch ist dort Grandioses geschaffen worden. Es gibt eine Vielzahl einmaliger Museen, von denen Mailand nur träumen kann. Berlin ist aber nicht die Stadt, die einen zu etwas inspirieren kann, man muss selbstie Anregung suchen.

"Wegen der Kultur kaufen Leute die Kleider nicht. Sie wollen auffallen."

SPIEGEL ONLINE: Werden Sie zur Fashion Week dort sein?

Sozzani: Ich persönlich bin der Ansicht, dass diese Multiplikation der Modeschauen eher für Verwirrung sorgt. Freilich verstehe ich, dass jedes Land seine Modewoche haben will, da stecken auch kommerzielle Gründe dahinter. Würde ich an allen Schauen teilnehmen müssen, wäre ich nur noch auf Reisen.

SPIEGEL ONLINE: In Italien hat sich eine für die Modebranche enorm wertvolle Infrastruktur über Jahrhunderte entwickelt, das scheint kaum kopierbar.

Sozzani: In den Marche erzeugt man Schuhe, in der Gegend von Carpi - eine Stadt in der Nähe von Modena - Strickwaren. Im Piemont um Biella Stoffe, in der Gegend von Como Seide, im Veneto Leder. Wo immer man in Italien ist, trifft man auf diese Unternehmen. Und wir produzieren nicht nur für den Binnenmarkt. Wobei mittlerweile Teile der Industrie nach China gewandert sind, sonst wären die fertigen Produkte kaum noch erschwinglich.

SPIEGEL ONLINE: Mailand galt in den siebziger und achtziger Jahren als Modemetropole schlechthin. Wie ist der Status heute?

Sozzani: Es gibt keine andere Stadt auf der Welt, in der so viele und berühmte Designer angesiedelt sind. Prada, Armani, Gucci, Fendi, Versace, Trussardi, Dolce & Gabbana, Krizia, Marni, Etro, Ferré. Allerdings verkaufen wir uns schlecht. Paris besitzt eindeutig mehr Charme und gilt deshalb auch als die weitaus glamourösere Stadt.

SPIEGEL ONLINE: Als im September die Frühjahr- und Sommerkollektionen vorgestellt wurden, schrieb die gefürchtete Modekritikerin Suzy Menkes, die Mailänder Mode sei nur mehr für "Berlusconis Flittchen" gedacht.

Sozzani: Wir leben heute in einer sehr chaotischen Zeit. Unsere Beziehungspunkte haben immer weniger mit Kultur zu tun. Was wir im Fernsehen sehen, sind Shows wie Big Brother und Frauen, die immer weniger anhaben und ausgesprochen vulgär sind. Die Mode passt sich dem an. Mode ist zwar ein Stück Kultur, aber deswegen kaufen die Leute die Kleider nicht. Sie wollen auffallen.

SPIEGEL ONLINE: Verlieren die großen Modehäuser heute eigentlich an Nimbus, geht zumindest ein bisschen Romantik verloren? Große Marken wie Trussardi, Moschino, Ferré, sind eben das: ein Label, unter dessen Namen Designer arbeiten, die dem Verbraucher kaum mehr bekannt sind.

Sozzani: Eine Modemarke steht heute nicht mehr nur für Kleider, sondern auch für Accessoires - Sonnenbrillen, Taschen, Uhren und so weiter, die in einem nicht unrelevanten Maß zum Profit beitragen. Gäbe es das Label nicht mehr, würde man auch keine Parfums mehr verkaufen.

Tom Ford

SPIEGEL ONLINE: Der Amerikaner hat jahrelang für Gucci gezeichnet, bevor er sein Label gegründet hat. Warum verstecken sich auch talentierte Stilisten hinter anerkannten und traditionsreichen Marken?

Sozzani: Verstecken ist das falsche Wort. Um ein Label aufzubauen braucht man finanzielle Mittel, es geht ja nicht nur ums Entwerfen und Zeichnen, sondern auch ums Produzieren. Erst wenn einer genug verdient und Erfahrung gesammelt hat, kann er den Sprung in die Eigenständigkeit wagen.

Mode

SPIEGEL ONLINE: Hat gesellschaftliche Relevanz?

Sozzani: Mode gehört zu unserem Alltag, ist ein Teil von uns. Mode spiegelt den Zustand unserer Gesellschaft wider, unseren Zeitgeist. Denken wir nur an die Punks. Die kamen von der Straße und gaben vor, was man heute Streetstyle nennt. Mode verlangt Erfindungssinn, Mode zu entwerfen ist ein kreativer, wertvoller Prozess - wie das Schreiben eines Buchs oder das Malen eines Bildes.

SPIEGEL ONLINE: Was kommt von diesem spannenden Schaffensprozess noch beim Käufern an?

Sozzani: Da liegt der Unterschied zum Buch. Mode lehrt nichts. Ein Kleid zieht man an, verwendet es, verbraucht es. Und basta.

Das Interview führte Andrea Affaticati