Mysteriöser Seenotfall Was wir über die in der Nordsee gesunkene Jacht wissen
Flammen überall: In der Nacht zu Mittwoch meldet ein Wartungsschiff einen brennenden Segler
Foto: Die Seenotretter - DGzRS, EsvagtIn der niederländischen Nordsee brennt eine Segeljacht. Einsatzkräfte können nicht verhindern, dass das Boot sinkt. Die Crew wird vermisst. Der Fall wirft Fragen auf.
Was ist passiert?
Gegen 22.40 Uhr am Dienstag meldete ein Serviceschiff des Windparks Deutsche Bucht eine brennende Segeljacht. Schiffe vor Ort eilten zu Hilfe, doch kurz vor Mitternacht sank das Boot rund 50 Seemeilen nordwestlich der Insel Borkum, südwestlich des Offshore-Parks, zwischen dem Windpark und dem Verkehrstrennungsgebiet, in dem die großen Frachter fahren. Das teilte die Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger mit , die ebenfalls mit drei Seenotkreuzern an den Maßnahmen beteiligt war.
Von der Besatzung fehlte bereits zum Zeitpunkt des vom Wartungsschiff abgesetzten Notsignals jede Spur. »Keine der Einheiten vor Ort – weder die Windpark-Serviceschiffe, die sich an der Suche beteiligt haben, noch das von der niederländischen Küstenwache eingesetzte Flugzeug, die drei SAR-Hubschrauber sowie die niederländischen und deutschen Seenotretter konnten irgendwelche Personen oder Lebenszeichen ausmachen«, sagt DGzRS-Sprecher Nils Sander dem SPIEGEL. Keine Bewegungen also, weder an Bord noch im Wasser, keine Lichter von Rettungswesten oder -Inseln.
Was ist über Boot und Crew bekannt?
Wenig. Bei dem Schiff handelt es sich um eine zehn Meter lange Segeljacht. Das gesunkene Wrack konnte inzwischen geortet werden, in 40 Meter Tiefe.
Die niederländische Polizei bestätigte dem SPIEGEL, dass es sich bei der Jacht um ein deutsches Boot handelt. Bilder von Tauchrobotern hätten eine deutsche Flagge gezeigt. Den Besitzer kenne man bisher nicht.
Für Freizeitskipper besteht in deutschen Häfen keine An- oder Abmeldepflicht.
Am Freitag habe man Taucher zum Wrack hinunterschicken wollen, das ließen die Bedingungen aber bisher nicht zu, hieß es weiter.
»Das Wichtigste für uns ist im Moment die Frage: Sind Menschen an Bord oder nicht?«, hieß es von der Polizei. Wie viele Menschen an Bord waren, ist unklar. Die niederländische Polizei geht derzeit von einer vermissten Person aus.
Hatte die Jacht ein Ortungssystem – war es abgeschaltet?
Zum jetzigen Zeitpunkt ist unklar, ob die Jacht ein Ortungssystem an Bord hatte. Dieses sogenannte Automatic Identification System (AIS), das laufend ein Funksignal sendet und damit Positionen nachvollziehbar macht, ist im Freizeitbereich nicht verpflichtend. »Abseits der Berufsschiffahrt ist es auf Booten, die Offshore unterwegs sind, häufig an Bord. Bei küstennah segelnden Jachten aber auch oft nicht«, sagt DGzRS-Sprecher Sander.
Was laut Sander zwar auch nicht vorgeschrieben, aber eher erwartbar gewesen wäre: ein Funkgerät. Jachten sind angehalten, ihr Funkgerät auf UKW-Kanal 16 gestellt zu haben und mitzuhören, falls ein »Mayday« abgesetzt wird. Auch ein Funksignal können die Seenotretter orten und im Optimalfall via Triangulation den genauen Standort des in Not geratenen Schiffs bestimmen.»In diesem Fall ist das Serviceschiff vor Ort geblieben, wir konnten also anhand der Strömungsdaten und Windverhältnisse ein Suchgebiet berechnen«, sagt Sander.
Ob die Jacht AIS oder ein Funkgerät an Bord hatte und wenn ja, warum dann kein Notruf abgesetzt wurde, muss nun geklärt werden. Die Ermittlungen stehen der Polizei zufolge auch wegen der Wetterbedingungen noch am Anfang.
Dafür, dass womöglich ein Angriff auf den Windpark geplant gewesen sein könnte, gibt es dem Sprecher zufolge keine Anhaltspunkte. Geht die niederländische Polizei also von einem Unglück aus? »Es gibt aktuell keine Erkenntnisse, die etwas anderes sagen.«