Oktoberfest Die Wiesn-Zombies
Teufelsrad: Wer bleibt, gewinnt
Foto: Laura KaufmannTodesangst ist mir keine 4,50 Euro wert. Aber hinterher ist man immer schlauer, oder, wie in meinem Fall, mittendrin. Ich hänge kopfüber in der Luft, mein Leben hängt an zwei Bügeln, die mich in den Sitz pressen. Immer hatte ich mich geweigert, "Top Spin" zu fahren. Jetzt weiß ich auch verdammt genau, warum. Wenn ich noch lauter schreie, stülpt sich meine Lunge aus dem Körper.
Das Einzige, was mich jetzt noch rettet, ist der Trick, den ich mir als Fünfjährige auf der Wiesn angewöhnt habe: Die Augen ganz fest zukneifen. So fand ich Geisterbahnfahren toll. Meine Eltern fanden das weniger toll. Als sie dahinter kamen, war Schluss mit Geisterbahnfahren.
Fahrgeschäfte gehören zur Wiesn wie das Bier. Aber ich bin leider ein echtes Weichei. Wenn ich den Kopf in den Nacken legen muss, um die Fahrt vom Boden aus zu sehen: No way. Höhenangst. Im Kettenkarussell - beliebt bei Kindern - verbringe ich jede Sekunde damit, mir auszurechnen, wo genau ich mit meinem Sitz lande, falls die Ketten reißen. Und was ich mir dabei alles brechen würde. Und nein, mir ist kein Fall bekannt, in dem jemals ein Sitz vom Kettenkarussell abgerissen wäre.
Halte dich von Zombies fern
Aus einer "Scheiß drauf, wurscht"-Stimmung heraus habe ich mich trotzdem mit in die "Top Spin"-Schlange gestellt, frisch euphorisiert vom "Breakdancer"-Fahren. "Breakdancer" ist wie gemacht für Schisser wie mich: Vier Gondelkreuze auf einer Drehscheibe, die Kreuze drehen sich und die Gondeln auch, laute Beats und blinkende Lichter dazu. Schön schnell, kreischtauglich und ohne Todesangst.
Fahrgeschäfte bringen Augen noch zum Leuchten, wenn der Bierzelt-Abend zu fad oder zu kurz war. Irgendjemand kommt dann immer auf die Idee, man könnte noch was fahren. Stellt sich nur die Frage, was. Manche Fahrgeschäfte sind so teuer wie eine Maß und sehr viel schneller vorbei, als ein Bier leergetrunken ist. Die Wahl will also sorgfältig getroffen werden. Und wenn schon zu viel Bier getrunken ist, sollte man den Magen besser nicht fünfmal kopfüber wirbeln, aber das fällt einem meistens erst hinterher ein.
Wilde Fahrgeschäfte nach zu viel Bier bringen im schlimmsten Fall mit dem Mageninhalt auch den Zombie-Walk zutage. Man kann ihn spätabends öfter auf der Festwiese beobachten. Taumelnder Schritt, schlackern mit den Armen, um das Gleichgewicht zu halten, der nächste Schritt. Es gilt, den Zombies schön viel Platz zu lassen, um nicht involviert zu werden, falls sie ihren Mageninhalt noch loswerden müssen.
Endlich Wasser im Gesicht
Für einen Lacher vor der Heimfahrt ist das Teufelsrad immer gut. Das Teufelsrad ist eine sich drehende Scheibe, und wer es bis zuletzt auf der Scheibe aushält, ohne von der Fliehkraft, einem Schaumstoffball oder einem Seil heruntergewischt zu werden, der hat gewonnen. Es hat Wiesngängern schon vor über hundert Jahren Spaß gemacht und tut es heute noch, und für vier Euro darf man so lange im Zelt bleiben, wie man möchte.
Das Publikum kreischt vor Schadenfreude über die derben Scherze, die der Ansager reißt: "Brauchst di ned zudecka, des sehma schon noch, was da drunter is', hättst a längeres Dirndl o'zian müssen!", ruft er einer jungen Frau zu. Gratis dazu gibt's aufgeschlagene Knie und dröhnende Schädel.
Ich wünschte, ich würde über derbe Scherze lachen, aber ich schreie immer noch. Die Gondel überschlägt und überschlägt sich, als wäre ich auf einer Waschtrommel festgeschnallt. Oben, unten, hoch, runter. Mit zugekniffenen Augen ist das wie einer dieser Albträume, in denen man ewig in die Tiefe fällt. Endlich wird mir Wasser ins Gesicht gespuckt, Wasserfontänen gehören zum Finale, wie ich vom Zuschauen weiß.
Zurück auf dem sicheren Boden lege ich eine Art Zombie-Walk hin. Nur weil meine Knie so zittern, selbstverständlich. Ich wünsche mir ein "I survived the Top Spin"-Shirt. Die Teenies um mich herum machen völlig unbeeindruckte Gesichter.