Oktoberfest 2014: One, two, g'suffa
Wiesn-Blog One, two, g'suffa!
Rosa kariertes Dirndl, hellblau kariertes Dirndl und hellblaues Dirndl haben beim Brotzeitstand eine Lederhose umzingelt und tun das, was Teenie-Mädels am liebsten tun: Kichern. "Puerto Rico!", sagt die Rosafarbene, da scheint der junge Lederhosenträger herzukommen. "Nice to meet you!", und dann, belehrend zu Hellblau-kariert: "Das heißt: Schön, dich kennenzulernen."
Wenn ich eine Teenie-Tochter hätte, ich würde sie sofort auf die Wiesn gehen lassen. Mit Keuschheitsgürtel und nur tagsüber, versteht sich. Das spart teure Nachhilfestunden. Nirgends lassen sich Fremdsprachen-Kenntnisse so leicht auffrischen wie hier.
Und kein Zelt zieht derart Briten und Japaner, Australier und Italiener an wie das Hofbräu-Festzelt, die größte Festhalle auf der Wiesn. Zehntausend Krüge knallen hier beim "G'suffa!" aneinander. Tagsüber schon stehen Gäste auf der Bank und leeren unter dem Gejohle der Menge eine Maß auf ex.
"Hassen die Deutschen Amerikaner?"
Ich stehe hinter dem Zelt und schimpfe mit einer aufgekratzten Bedienung über das Wetter, eisig ist es, und sie stellt mir Sam vor, der mit seiner echten Lederhose und dem Hipsterbart auch aus dem Münchner Glockenbachviertel hierherspaziert sein könnte. Tatsächlich aber kommt er aus Los Angeles.
Touristen lassen sich schon lange nicht mehr daran erkennen, dass sie keine oder nur eine besonders billige Tracht tragen. "Ich bin zwar Amerikaner, aber das muss schon sein", sagt Sam. Es ist sein letzter Tag in München und er ist alleine hier. Seine Freundin ist vor vier Wochen mit ihrem Chef durchgebrannt, da hat er sich einen Flug nach Europa gebucht.
"Hassen die Deutschen Amerikaner?", fragt er mich. Überall auf seiner Reise habe er nette Leute kennengelernt, nur hier sei ihm das noch nicht gelungen. Ich beschließe, das sofort zu ändern. Das Hofbräuzelt ist das einzige mit einem Stehbereich direkt vor der Kapelle, da ziehe ich ihn hin. Mit so einem grantigen München-Bild kann ich ihn nicht gehen lassen.
Zwei frische Maß stehen vor uns und plötzlich nur noch eine, weil ein breiter Mann mit rundem Gesicht die andere mit seinem Ellenbogen vom Tisch geschoben hat. "Ach komm, wir haben noch nicht einen Schluck davon getrunken", sage ich. "Ich war's nicht", sagt er und streitet seine Schuld in Deutsch-Englisch-Kauderwelsch ab. Ganz sicher scheint er sich aber doch nicht zu sein, er drückt mir einen Zehneuroschein in die Hand, immerhin. Ich lade ihn ein, mit uns zu trinken. Aber er will zurück zu seinen Freunden.
Die Tipps zur Maß
Sam hat schon drei Maß intus, so sagt er, und ich bin schwer beeindruckt. Ein Amerikaner, der drei Maß trinken kann, ohne dass man ihm das anmerkt - selten! "Ich habe einen Tipp bekommen: Die erste Maß ganz langsam und viel dazu essen, dann geht's danach." Am Tisch hinter uns kichern Asiaten wie die Teenie-Mädels vor dem Brotzeitstand, sie wirken ein bisschen so, als hätte ihnen niemand einen guten Tipp gegeben.
Vor mir baut sich ein zierliches Wesen mit dunklen Zöpfen auf. "Mein bester Freund ist so traurig wegen dir, er ist so ein guter Mensch und er hat dir überhaupt nichts getan", schimpft sie in Maschinenpistolen-Englisch und deutet ununterbrochen mit dem Finger auf mich. "Zehn Euro hast du ihm abgenommen, und jetzt ist er furchtbar traurig!" Ach, der Maß-Umschmeißer. Herrjeh.
Es dauert, die Aufgebrachte zu beruhigen, die, wie sich herausstellt, Finnin ist, und sich kurz darauf ebenso ausgiebig entschuldigt, wie sie mich beschimpft hat. Die Finnin bringt mir bei, auf Finnisch "Ich heiße Laura" zu sagen, was ich zwei Minuten später wieder verlernt habe, und der Mann mit dem runden Gesicht gesellt sich doch noch zu uns, Janne heißt er und ist Schwede.
Sam will wissen, warum die Kapelle so viel amerikanische Musik spielt, Tausende Menschen haben gerade "I Need a Heeeero" gebrüllt. Da gehen die Lichter schon aus, ein Ordner nimmt mir die Zigarette ab, die ich fast versehentlich unter dem Stehtisch angezündet habe und schiebt uns Richtung Ausgang. Janne spricht nicht perfekt, aber akzentfrei Deutsch, Zugfahrer sei er, ein guter Job in Schweden, "ich mache 25 Euro im Monat". Aha.
Ich zeige Sam auf seinem Stadtplan den Weg zum Hotel. Er drückt mich. "Solltest du jemals nach Kalifornien kommen, ich hole dich vom Flughafen ab und zeige dir alles und helfe dir bei allem." Und ich weiß, dass er das so meint. Aber, um mein Englisch aufzufrischen, werde ich nicht nach Kalifornien müssen.