Oktoberfest 2014: Wenn die Wiesn zu nerven beginnt - DER SPIEGEL
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Oktoberfest Selfies vom Kotzhügel

Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Der Wiesn-Blues schlägt zu, wenn man eigentlich gern einen Tag aussetzen würde, weil man es die letzten Tage ein bisschen übertrieben hat. Und dann trotzdem hin muss, beruflich oder wegen einer Reservierung. Wenn man sich dabei erwischt, bei "Atemlos" automatisch die Hände zu heben wie ein Klatschaffe, obwohl man den Song nicht leiden kann. Auf der Couch liegen, das wär's, aber nein, es ist wieder nur eine harte Bierbank unterm Hintern.

Der Wiesn-Blues überkommt einen in verschiedenen Ausprägungen, manchmal schleichend, oft plötzlich. Ebenso unterschiedlich ist er zu kurieren. Jeden Abend Bier trinken, das ist nicht jedermanns Sache, meine sowieso nicht. Ich bin grundsätzlich eher Weintrinkerin. Wenn also das Wiesnbier nicht mehr schmeckt, dann tut es oft schon ein Abend in einem Zelt, das auch Weinschorle serviert. Ich setze mich dann gern in den Biergarten der Fischer Vroni. Weinschorle hat außerdem den Vorteil, dass sie nicht lack wird, kann also ruhigen Gewissens auch langsamer konsumiert werden.

Diese abscheulichen Pseudo-Trachten, die Billig-Dirndl vom Hauptbahnhof und die quietschgelben Stofflatzhosen - nach ein paar Tagen wächst der Unmut, sich das eigene Dirndl überzustreifen, mag es noch so nett aussehen. Wenn sich das Dirndl also wie eine Uniform anfühlt, gehe ich im Trachtenrock. Oder in Jeans, mit kariertem Hemd oder Trachtentuch.

Einen Hauch Wiesn-Schick braucht's schon, dem Anlass entsprechend eben. Aber ich mag nicht jeden Tag das Gleiche tragen. Vor allem nicht das Gleiche wie alle anderen um mich herum. In ein paar Jahren, da bin ich mir sicher, geht der Münchner wieder in Jeans auf die Wiesn, genervt vom internationalen Trachtenfasching.

Mein Freund, der Baum: Der Wiesn-Blues breitet sich aus

Mein Freund, der Baum: Der Wiesn-Blues breitet sich aus

Foto: Marc M¸ller/ picture alliance / dpa

Gerülpste Hymne

Manchmal macht sich der Wiesn-Blues auch in Form von genereller Langeweile bemerkbar. Nicht jeder Abend im Zelt oder im Biergarten wird witzig. Die Freunde zu betrunken, selbst zu nüchtern. Die Freunde zu nüchtern, selbst zu betrunken. Schotten, die einem ihre Hymne ins Ohr rülpsen und Italiener, die ihre Finger nicht bei sich behalten wollen. Kann einem alles auch auf die Nerven gehen.

Dankenswerterweise ist die Wiesn eine riesige Entertainment-Maschine, und wer sich langweilt, ist selbst schuld. Dafür gibt es Fahrgeschäfte. Vorausgesetzt, es ist nicht so bitterkalt wie letzte Woche am Abend, als die unterbeschäftigten Biergarten-Bedienungen schon blaue Lippen hatten. Und es regnet nicht, wie gestern, was der Wiesn einen Großteil ihres Charmes raubt und die Leute noch dichter in den Festzelten zusammen drängt. Dann drehen auch die Achterbahnen leer ihre Runden.

Ein eindeutiger Fall von Wiesn-Blues: Wenn das Oktoberfest nicht mehr nach gebrannten Mandeln und Steckerlfisch riecht, sondern nach Urin und Erbrochenem; wenn dich die erste Lache schon vor der Haustür begrüßt und dich der Gedanke an sofortigen Rückzug übermannt. Schwierig wird es, wenn der Wiesn-Blues in generelle Menschenscheu umschlägt. Wenn ich hintenrum an den Zelten vorbeigehe, statt mich durch die Wirtsbudenstraße zu drängeln. Vorbei am Kotzhügel, an dem die, die mit letzter Kraft aus dem Zelt getorkelt sind, ihren Rausch ausschlafen, pieseln, kotzen, heulen. Hier wälzt sich das Elend der Wiesn im Gras. Und wenn sich dann noch einer dazu schmeißt, um ein feixendes Selfie mit einem Bewusstlosen zu machen, dann überkommt mich eine Scham, zur gleichen Spezies zu gehören.

Gegen diese härteste Form des Wiesn-Blues hilft nur Aussetzen. Ein Abend auf der Couch. Gute Musik, guter Film, gute Serie. Morgens weckt einen vielleicht das Gebimmel eines Brauereigespanns, das unten auf der Straße vorbeirollt, das Klacken der Hufe auf dem Asphalt. Wenn mich dieses Geräusch wieder zum Lächeln bringt, dann ist der Wiesn-Blues ausgestanden.