»Serenade of the Seas«: Neun Monate Influencer-Kreuzfahrt - wir sind zugestiegen - DER SPIEGEL
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Längste Kreuzfahrt der Welt »Es wird eine Meuterei geben. Es wird Blut fließen. Jemand wird über Bord gehen. Und ich will zuschauen!«

Im Dezember brachen 650 Menschen auf zur längsten Kreuzfahrt der Welt: Neun Monate leben sie auf der »Serenade of the Seas« und übertragen ihr Leben über TikTok wie in einer Soap. Unsere Reporter sind zugestiegen.
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Elliott Kreyenberg / DER SPIEGEL

Eine Reportage von Julia Kopatzki und Jonah Lemm
• aus DER SPIEGEL 36/2024

Auf dem Mittelmeer schwimmt ein Dorf. In dem Dorf gibt es zehn Bars, sechs Restaurants, ein Casino, ein Kino mit 40 Sitzen, ein Theater, in dem Zauberer und Orchester auftreten, ein Café, ein Schmuckgeschäft, ein Fitnessstudio, einen Helikopterlandeplatz, eine Minigolfanlage, ein Basketballfeld, eine Bibliothek, einen Friseursalon, ein Spa, drei Pools, drei Shuffleboardfelder und sehr viele Balkons.

Den Bewohnern des Dorfs geht es gut, zumindest soll es das, sie kommen aus den USA, aus Australien, Kanada, Südafrika. Sie sind Paare, Eltern, Kinder, Alleinstehende, Rentnerinnen, Witwer. Manche sagen, das Dorf sei ihr Zuhause, obwohl es darin fast alles gibt, nur keine Häuser.

DER SPIEGEL 36/2024
Foto: Peter Rigaud / DER SPIEGEL

Innere Unsicherheit

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Wie in jedem Dorf gibt es Feindschaften und Freundschaften, es gibt Streit, Gewalt und Tod. Und es gibt Gerüchte, viele Gerüchte.

Das Dorf ist aus Glas und Stahl, so lang, wie der Eiffelturm hoch ist, es hat 13 Decks und heißt »Serenade of the Seas«, Serenade der Meere. Ein Schiff, das am 10. Dezember 2023 in Miami zur längsten Kreuzfahrt der Welt aufgebrochen ist. Neun Monate, so lange wie noch keine Kreuzfahrt zuvor.

274 Nächte, mehr als 60 Länder, alle sieben Kontinente.

»The Ultimate World Cruise« nennt das die Reederei, ultimative Weltkreuzfahrt.

An einem Julinachmittag, dem 204. Tag der ultimativen Weltkreuzfahrt, liegt die »Serenade« im Hafen von Civitavecchia, nicht weit von Rom, und sieht mit ihren Antennen und ihrem weißen Blech aus, als hätte ein Kleinkind versucht, ein Raumschiff aus »Star Wars« nachzumalen. Die ersten Vonbordgänger schlurfen wieder die Brücke zu ihrem Dorf hinauf, unten glitzert das Meer in der Sonne, am Eingang warten Mitarbeiter in hellblauen Hemden. Sie begrüßen die Menschen mit einem Betonlächeln und den immer selben Worten: »Welcome home!« Willkommen zu Hause.

Das Schiff ist ein Labyrinth aus niedrigen Teppichboden-Gängen. Die Wege führen alle in den Dorfkern, der hier Centrum heißt, acht Stockwerke hoch. Baumkuchengleich kreiseln sich Balkons nach oben. Aufzüge aus Glas verbinden die Etagen. In ihre Böden sind Platten eingelassen, auf denen der Wochentag steht. Eine Frau tritt in den Fahrstuhl und schaut auf die silbernen Buchstaben neben ihren Füßen.

Sie ist eine der Bewohnerinnen dieses Dorfs. Sie nennen sich Ultimate World Cruisers, ultimative Weltkreuzfahrer. Seit mehr als einem halben Jahr leben sie zusammen auf dem Schiff. Eine Schicksalsgemeinschaft aus 650 Fremden, die nun Nachbarn sind, in holzig eingerichteten Kabinen, nicht wenige davon fensterlos. Sie waren in Curaçao und Nicaragua, in Neuseeland, China, Indien, Südafrika und Slowenien.

Dabei haben sie auf dem Schiff unabsichtlich ihre eigene Parallelwelt geschaffen. Es ist eine, in der erwachsene Menschen mit ihren Ellenbogen darum rangeln, wer zuerst von Bord gehen darf, um Königspinguine zu sehen, und andere vor Wäscheräumen Wache halten, als wären darin Diamanten versteckt. Es ist eine Welt, in der man beobachten kann, was aus Leuten wird, die keinen Alltag mehr kennen. Wenn alles im Überfluss da ist: Geld, Alkohol, Zeit und Hummer am Buffet.

Die Frau im Fahrstuhl sagt: »Oh, Montag!«

Manche der Dorfbewohner sind auf ihrer letzten Reise. Manche auf ihrer ersten. Manche haben für diese Kreuzfahrt über Jahre gespart. Und manche sind so reich, dass sie über die 120.000 Dollar, die eine Kabine mindestens kostete, weniger als eine Stunde nachgedacht haben.

Angie Linderman, Kabinennummer 8591, Ende dreißig, deren Eltern beide an Krebs gestorben sind und die ihr Erbe für diese Kreuzfahrt ausgegeben hat, weil auch sie mittlerweile weiß, dass sie wohl nicht alt werden wird.

Joe Thompson, Kabinennummer 8584, ein Veteran, der im Irak und in Afghanistan gekämpft hat und seinen Alltag auf dem Schiff mit einer Disziplin organisiert, dass man glauben könnte, es wäre seine nächste militärische Operation.

Bobbi Waterman, Kabinennummer 9561, eine trans Frau, die bis kurz vor Abfahrt noch als Mann lebte und zu viele Sommerkleider in ihrem Koffer gestopft hat, weil sie noch nicht wusste, welche Frauenkleidung sie an sich selbst mögen würde.

Und Adita Larson, Kabinennummer 8500, eine kleine Texanerin mit kurzen Haaren. Sie ist die Chefin der Facebook-Gruppe der World Cruisers, 599 Mitglieder. Manchmal postet sie dort Fotos, von Transportern, die neue Cornflakes für das Frühstück anliefern, als würde damit eine lebensnotwendige Versorgung sichergestellt. Manchmal wiederholt sie dort die Durchsagen auf dem Schiff: »Alle können jetzt ihre Pässe abholen.« Manche nennen Adita »die Zarin«. Die Zarin, sagen sie, stolziere mit ihrem Mann Lee über das Schiff, als gehöre es ihr.

Sie selbst sagt: »Ich liebe diesen Namen.«

An diesem Nachmittag sitzt die Zarin in einem gelben Sessel wie auf einem Thron. Sie trägt Seesternohrringe, eine Seesternkette und ein Kleid mit einem Korallenmuster. Neben ihr drängen sich Menschen um den Marmortresen des Vintages, Deck 6, der Weinbar des Schiffs. Die Zarin wartet ruhig darauf, bedient zu werden. Aber es kommt keine Kellnerin.

Ihr Mann Lee, hager und mit einer dickglasigen Brille im Gesicht, hockt ihr gegenüber und sieht aus, als wartete er auf Anweisungen. Sie sagt zu ihm: »Kannst du bitte mal die Aufmerksamkeit von jemandem bekommen und zwei Gläser Wein bestellen?« Lee steht auf, drückt sich zwischen die anderen Wartenden, streckt den Barkeepern seine Schlüsselkarte entgegen, die hier »Seapass«, Meerespass, heißt und kommt mit zwei Gläsern Wein in der Hand zurück.

Sie nimmt einen Schluck, ihr roter Lippenstift hinterlässt einen Abdruck am Glas. Die Zarin sagt über sich selbst: »Alle kennen mich. Alle wissen, wenn sie eine Frage haben, dann weiß ich die Antwort. Oder ich kann sie herausfinden. Ich habe viele Kontakte.« Sie spricht, als wäre sie das Oberhaupt des Dorfs.

Sie regiert aus einer Kabine an Deck 8, ganz vorn, am Bug des Schiffs. Von dort sehe sie alles zuerst, sagt sie. An der Tür stehen ihre Namen. Lee drückt die Klinke hinunter. Es ist ein kleiner Raum mit einem runden Fenster und einer engen Dusche.

An den weißen Wänden hängen magnetische Regale, magnetische Körbchen, magnetische Haken, Beutel baumeln daran, gefüllt mit Ohrringen, Cremes, Handtaschen. T-Shirts liegen, in Drittel gefaltet, in vollgestopften Schubladen. Acht Koffer und zwei Reisetaschen haben sie auf die Weltkreuzfahrt mitgeschleppt. Und irgendwie haben sie es geschafft, alles so zu verstauen, dass zwischen all ihre Klamotten immer noch ein Zimmer mit Bett, Couch, Sessel und Beistelltisch passt.

Es war diese Kabine, die die Zarin ein bisschen berühmt machte. Am 14. Tag der Kreuzfahrt, die »Serenade« hatte gerade die Teufelsinseln verlassen, lud sie ein Video bei TikTok hoch, in dem sie ihr neues Zuhause filmte. Es bekam 4,5 Millionen Aufrufe. Ihre Tochter habe sie angerufen und gesagt: »Mama, du gehst viral!«

Viele der World Cruisers stellen täglich Videos ins Internet. Und Millionen Menschen auf der ganzen Welt sehen sie sich an. Fragt man herum, wie das angefangen hat, erinnert sich keiner mehr so recht. Mit Angie, die, zwei Wochen bevor die World Cruise losging, ihre Übungskreuzfahrt mit einem Countdown postete? Mit Brandee, einer schwarzen Passagierin, die nach zwei Wochen an Bord müde erzählte, dass sie und ihre Schwester Shannon von den anderen World Cruisers ständig für eine Angestellte gehalten werde? Mit Anthony, der seinen Ehemann verloren hat, den dafür aber 70.000 Follower auf das Schiff begleiteten? Oder mit Cruisedad-Joe, einem ehemaligen Manager, der im Hawaiihemd von seinem Balkon winkte und in eine Kamera sprach: »Hey Kids, wisst ihr noch, als ihr dachtet, ihr würdet etwas erben? Nun, eure Mutter und ich sind auf einer neunmonatigen Kreuzfahrt.«

Die »Serenade« war plötzlich ein TikTok-Trend und mit ihr ihre Bewohner. Nutzer begannen von den Menschen auf dem Schiff als »Charaktere« zu sprechen. Einer forderte: »Installiert sofort Kameras auf dem Schiff … Es wird eine Meuterei geben. Es wird Blut fließen. Jemand wird über Bord gehen. Ich will zuschauen!«

Es brauchte keine installierten Kameras. Immer mehr World Cruisers luden sich TikTok und Instagram herunter. Die Jungen erklärten den Alten, wie die Apps funktionieren, aber da scheinen nicht alle aufgepasst zu haben. Denn, während die Jungen filmten, was sie an einem Tag auf dem Schiff essen, oder Highlights aus Brasilien zusammenschnitten, hielten die Alten sich ihr Handy vors Gesicht und lästerten, als wäre es ein Telefonat mit der Familie oder ein Statement im Reality-TV.

Aus der Weltkreuzfahrt wurde eine Soap, irgendwo zwischen »Titanic«, »Triangle of Sadness« und »Traumschiff«.

In den nächsten Videos der Zarin Adita ging es um Dramen. Um einen Sturm, der ein Deck geflutet hatte; ein vermeintliches Erdbeben in Japan, dem die »Serenade« gerade so entkam; einen angeblichen Beinahe-Zusammenstoß mit einem anderen Schiff; einen Feuerwehreinsatz; Mozzarella- und Milchknappheit in den Küchen. Und um das Gerücht, dass Swinger an Bord seien.

Wenn die Zarin so ein Video postete, meldeten sich besorgte Kinder und Enkel bei den anderen Dorfbewohnern. Sinkt das Schiff? Brennt es wirklich? Lebst du noch? Zwei Menschen starben an Bord der »Serenade«. Adita teilte die Neuigkeit mit ihren 65.000 Followern: Sie habe genau gesehen, wie ein Leichensack aus der Kabine getragen wurde.

In einer Lounge des Schiffs stellten einige World Cruisers die Zarin. Sie solle das lassen, sagten sie ihr, vor allem die Lügen. Aber die Zarin sagt: »Es ist meine Seite. Wem die nicht gefällt, der muss sie sich ja nicht anschauen.«

Eigentlich wohnen Adita und ihr Mann in Houston, Texas, er ein Ingenieur im Ruhestand, der einst Unterwasserraketen für Texas Instruments entwickelte, sie Hausfrau. Noch eigentlicher aber wohnen sie schon lange auf Schiffen. Das hier, sagen sie, sei ihre 105. Kreuzfahrt. Mittlerweile haben Adita und ihr Mann jeweils 1400 Schiffsnächte im Treueprogramm von Royal Caribbean, der Reederei, gesammelt. Das sind vier Jahre.

An der Wand ihrer Kabine hängt auch ein orangefarbenes Schild. »Obsessive Cruise Disorder« steht darauf. Zwanghafte Kreuzfahrtstörung.

»Man muss nicht kochen, man muss nicht sauber machen, es ist sicher«, sagt sie. »Es ist perfekt.«

Kreuzfahrtschiffe wollen kein Zuhause sein, sondern das Gegenteil. Sie tragen ihre Gäste möglichst weit hinfort von der echten Erde. Sie sind ein All-inclusive-Resort auf dem Meer. Es gibt in dem Dorf wenig, das an ein Leben an Land erinnert. Es gibt fünf Flügel, zwei goldene Riesenelefantenstatuen, einen künstlichen Wasserfall, aber keine lebende Pflanze und keinen Supermarkt. Nur einen Shop, der Hämorrhoiden-Creme und Mau-Mau und Ladekabel verkauft, aber kein Brot.

Für die World Cruisers sind alle Getränke auf dem Schiff inklusive, auch die mit Alkohol, das Essen auch. Die Bewohner haben auch 120.000 Dollar bezahlt, um neun Monate lang an nichts denken zu müssen, wenn sie nicht denken wollen.

Am Boden des Aufzugs steht »Tuesday«, als die »Serenade« durch das dunkle Mittelmeer gleitet. Im Safari Club dreht sich Angie Linderman, deren Eltern gestorben sind, im Kreis. Sie trägt Kopfhörer, schwarze Shorts und Flipflops, ihre blonden Haare hat sie in einen Dutt geknüddelt. Die Scheinwerfer strahlen blau auf die fast leere Tanzfläche. Angie reckt ihre Arme und singt: »Live your life with arms wide open, today is where your book begins.« Heute ist Silent Disco, es läuft »Unwritten« von Natasha Bedingfield. Ein Paar wiegt sich langsam im Foxtrott durch den Raum.

Angie streicht sich eine verschwitzte Haarsträhne aus dem Gesicht. Silent Disco ist die einzige Veranstaltung, die sie nach sechs Monaten ultimativer Kreuzfahrt noch mag.

Am Anfang habe sie keine Zaubershow und keinen Karaokeabend verpasst. Sie holte sich einen dritten Nachschlag am Buffet und bestellte Drinks so sorglos wie im Urlaub. Aber sie habe gemerkt: »Das ist jetzt mein Leben«, und in diesem Leben sitzt sie nicht jeden Abend an der Bar.

Zu Beginn hörte sie eine Frage besonders oft: »Wie kannst du dir das leisten?«

Sie ist mit 38 Jahren halb so alt wie viele ihrer Nachbarn, und sie lebt allein in einer Balkonkabine auf Deck 8. Alle wissen, dass Balkonkabinen teurer sind und dass, wer allein reist, für zwei Personen zahlen muss.

Angie findet, dass es die Leute nichts angehe. Aber in diesem Dorf beantwortet man die Fragen besser, sonst denken sich die anderen eine Antwort. Über den Witwer Anthony raunten sie, dass er trockener Alkoholiker sei, weil man ihn nie trinken sehe und dass er sein Geld beim Militär gemacht habe. Wie sollte sich ein schwarzer Mann eine solche Reise sonst leisten? Angie antwortete also: »Meine Eltern sind tot und das hier ist mein Erbe.«

Ihre Eltern starben beide mit 65 Jahren. Erst ihr Vater an Prostatakrebs, dann ihre Mutter an Brustkrebs. Seit dem Tod der Mutter weiß Angie, dass auch sie ein Gen in sich trägt, das es sehr wahrscheinlich macht, dass sie an Brustkrebs erkrankt, an Eierstock- oder Bauchspeicheldrüsenkrebs. Sie hat ihre Brüste durch Implantate ersetzen lassen.

Als sie die World Cruise buchte, hatte sie noch nie zuvor in ihrem Leben eine Kreuzfahrt gemacht.

Angie will unbedingt die Welt sehen, aber das Schiff strengt sie an. Die laute Musik, die niemals verstummt. Die Kellner, die jedes Glas eilig nachfüllen wollen, noch bevor man ausgetrunken hat. Die ständig wechselnden Passagiere, die nur einen Abschnitt der Weltreise gebucht haben und die leeren Kabinen auffüllen auf dem Schiff, das insgesamt Platz für 2476 Gäste hat. Sie wirken auf die World Cruisers wie Hunderte Touristen, die durch ihr Dorf rennen. Und dann sind da noch diese Muster, überall Muster in den Teppichböden und auf den Wänden, in Farben, die man vorher noch nicht mal gekannt zu haben glaubte. Die »Serenade« sieht aus, als hätte man Harald Glööckler gebeten, ein Hotel einzurichten. »Das Schiff überreizt komplett«, sagt Angie und rollt genervt die Augen.

Wenn die »Serenade« fährt, ist Angie meistens in ihrer Kabine. Sie liest, sie strickt und guckt Serien. Wenn eine neue Folge von »House of the Dragon« erscheint, weiß sie, es ist Sonntag. Sie arbeitet von ihrer Kabine aus. Onlinemarketing, ein paar Stunden die Woche. Das Erbe hat die Kreuzfahrt bezahlt, aber da sind auch noch die Kosten für ihr Haus in Portland und diese teure Krankenversicherung.

Sie hat einen Strickklub, die »Ladies«, die ihre Großmütter sein könnten, mit denen sie an Seetagen auf Deck 6 sitzt und sich den Tratsch erzählen lässt. Und den »Dead Dad Club«, sie und drei Freunde, alle in ihren Zwanzigern, die ihre Väter verloren haben. Sie treffen sich zum Strandtag, um Süßigkeiten aus den ganzen unbekannten Supermärkten zu probieren, oder wenn das Gefühl zu stark wird, dass in ihrem Leben jemand fehlt. »Wir Jungen machen die Reise alle aus einem sehr speziellen Grund genau jetzt«, sagt sie.

Angie will auf nichts mehr warten. Sie kann nicht.

Diese Reise macht sie nur für sich. Manchmal scheint sie genau das zu zerreißen: Die Mutter einer Freundin starb, als Angie auf dem Schiff war. »Ich wäre so gern für sie da gewesen«, sagt sie und blinzelt die Tränen weg.

Sie hat eine Liste geschrieben, was sie auf dieser Reise erleben will: eine Übernachtungsparty mit allen Freunden in einer Kabine. Sterne gucken auf dem Ozean. Am meisten habe sie sich auf Machu Picchu und die Felsenstadt Petra in Jordanien gefreut.

Beide Male kam den Weltkreuzfahrern die Welt dazwischen. Nicht zum ersten und nicht zum letzten Mal.

Das begann, bevor das Schiff überhaupt losgefahren war. Als die Reederei die Ultimate World Cruise und ihre Route ankündigte, im November 2021, sollte die »Serenade« in Odessa anlegen und in Sankt Petersburg. Dann kam der russische Angriffskrieg.

Am 57. Tag, als die World Cruisers zum Machu Picchu aufbrechen sollten, demonstrierten Peruaner vor dem Zugang gegen eine Privatisierung der Ruinenstadt und ließen Touristen weder rein noch raus.

Einige der World Cruisers sollen sich bei Royal Caribbean darüber beschwert haben, dass die Stufen der Chinesischen Mauer zu uneben gewesen seien. Andere ärgerten sich, dass die Taxifahrer in Sri Lanka kaum Englisch sprachen. Wieder andere waren enttäuscht, dass sie in Indien, dem Land der heiligen Kühe, bei McDonald’s keinen Cheeseburger mit Rindfleisch essen konnten.

Es wirkt, als lebten die World Cruisers in ihrer eigenen »Truman Show«. Auch sie stoßen regelmäßig mit ihrem Schiff an den Rand ihrer Kuppel. Doch sie erschrecken nicht davor, dass ihre Welt eine Kulisse ist. Sie erschrecken davor, dass die Kulisse ihrer Bootsfahrt die echte Welt ist.

Außenpool auf Deck 11: Die Rettungsschwimmer stehen immer bereit – sogar wenn niemand schwimmt

Außenpool auf Deck 11: Die Rettungsschwimmer stehen immer bereit – sogar wenn niemand schwimmt

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[M] IMAGO

Auf Deck 3 staut sich die Hitze. 100 Menschen drängeln zum Ausgang. Die Zarin Adita drückt sich an den anderen vorbei, steigt in einen Bus und setzt sich in die erste Reihe. Der Bus holpert über die Straße, vorbei an Hoteltürmen und Segeljachten, bis er vor einer hellen Kathedrale auf einer Anhöhe parkt. Adita spannt einen Knirps auf und läuft durch die Sonne. Ihr Mann Lee folgt ihr. »Gut«, bemerkt Adita, als sie drei Polizisten sieht, »sie beschützen uns.« Wenn sie von Bord gehe, trage sie niemals teuren Schmuck oder gute Kleidung. Heute trägt sie eine Radlerhose, ein weites Shirt mit Zitronendruck und Ananasohrstecker. »Pass auf dein Telefon auf«, sagt sie und hält ihres ein bisschen fester.

Die »Serenade« hält an diesem Tag in Palma de Mallorca.

Im Schatten der Kathedrale trippelt ein Mensch in einem Pandakostüm auf der Stelle. Adita steuert auf ihn zu und macht ein Foto. Hinter ihr steht Lee und fotografiert, wie Adita den Panda fotografiert.

In einem Geschäft ruft ein Mann ihren Namen. »Oh, hi«, flötet sie. Sie plaudern kurz, wie man es tut, wenn man einen Bekannten zufällig trifft. »Auch ein World Cruiser«, sagt sie im Weitergehen. Die World Cruisers sagen, egal wo sie seien auf der Welt, sie fühlten sich nie fremd. Ihr Dorf reist mit.

Es klingt fast harmonisch. Als hätte es all die Streite, all die Eskalationen auf der »Serenade« nie gegeben.

Da war diese Sache, als die World Cruisers über die Reiseroute abstimmen sollten. Die »Serenade« war in Südamerika, als die Angriffe der Huthis auf Schiffe im Suezkanal eskalierten. Die Reise nach Jerusalem war seit dem Beginn des Kriegs in Gaza abgesagt, nun gab es Gerüchte auf dem Schiff, dass die Weltreise in Dubai enden würde.

Royal bestellte die Bewohner ins Tropical Theater, am 69. Tag hielt das Dorf einen Bürgerrat ab.

Das Unternehmen präsentierte zwei mögliche Routen: Die eine führte um Afrika herum mit Stopps in Südafrika, Angola und Ghana, die andere Route würde in Südafrika halten und Kurs auf Teneriffa, Griechenland und die Türkei machen.

Auf der »Serenade« brach Wahlkampf aus. Die einen warben für Option eins, die anderen für Option zwei. Sie wünschten sich »Africa« von Toto beim Mann, der jeden Abend in der Schooner Bar, Deck 6, Klavier spielt und sehr laut singt. Manche sollen gesagt haben, sie wollten keine »Shitholes« besuchen. Andere sollen sich besorgt an den Kreuzfahrtdirektor gewandt haben: In Ghana drohe queeren Menschen Gefängnis, und man müsse doch an die trans Frau Bobbi denken. Bobbi sagt, diese Leute hätten noch nie mit ihr gesprochen.

Als am 86. Tag über die Lautsprecher des Schiffes Option eins verkündet wurde, kreischten und klatschten die World Cruisers, als hätten sie einen Boxkampf nach Punkten gewonnen. Andere verließen das Schiff in Dubai, und als sie nach sechs Wochen, nach den Stopps in Afrika, zurückkamen, raunten manche: »Die Rassisten sind wieder da.«

Im Morgengrauen des 206. Tages dümpelt das Dorf vor Portofino. Um 6.20 Uhr wacht ein breiter Mann in grünen Cargoshorts und grauem Longsleeve vor der Tür des Tropical Theaters, Deck 5. Er springt auf, als die Türen sich öffnen, eilt die Stufen zur Bühne hinunter. Die World Cruisers werden hier den Reisebussen zugeteilt, wenn sie Exkursionen gebucht haben. An der Bühne wartet eine Frau mit Papieren und Klebenummern. Sie reicht ihm einen blauen Sticker mit einer 1. »Mr Joe ist immer Nummer eins«, sagt sie.

Er läuft zu einem Hocker, schnell und wankend, wie jemand, der sein ganzes Leben lang marschiert ist und noch immer marschieren will, nur macht der Körper nicht mehr mit. Er lässt sich fallen und klebt sich die 1 auf das silberne Namensschild auf seiner Brust. Es prangt dort wie ein Abzeichen.

Mr Joe, wie ihn die Crew nennt, heißt eigentlich Joseph Thompson. In seinem Leben vor der Kreuzfahrt war Mr Joe Soldat in der U.S. Army, 33 Jahre lang.

Zur Vorbereitung auf die Kreuzfahrt, sagt Mr Joe, habe er sich zu Hause eine Art militärischen Operationsplan gezeichnet. Er habe eine Probekreuzfahrt auf der »Serenade« gemacht, nach Kanada, obwohl er nicht nach Kanada gewollt habe. Aber er hatte dieselbe Kabine gebucht, und er wollte ausmessen, wie breit sein Zimmer für die neun Monate sein würde. Er habe sein Gepäck nach Kofferfarben aufgeteilt. Im blauen Koffer die Winterkleidung, im roten Koffer die Sommerkleidung, im grauen Koffer seine Medikamente. Er sagt: »Der Großteil der Koffer hier an Bord ist voll mit Medikamenten.«

Die Frau von Mr Joe ist zu Hause geblieben in Virginia. Sie hasse Kreuzfahrten, sagt er. Er müsse immer wieder mit ihr diskutieren, sie sage, er sei im Urlaub. Er entgegne: Das ist kein Urlaub, das ist ein Abenteuer.

Ein sehr durchgeplantes Abenteuer. Auf seinem Handy, in seinem Kalender, hat er die Tage der Kreuzfahrt markiert. »Summer of Joe« steht da, Joes Sommer.

Mr Joe isst jeden Abend in einem der Menürestaurants an Bord. Entweder in Chops Grille, dem Steakrestaurant, oder im italienischen Restaurant Giovanni’s oder dem Sushi-Restaurant Izumi. Manchmal bringen die Kellner ihm Getränke, bevor er bestellt hat, weil sie längst wissen, was er trinken wird.

Auf seiner Kabine nimmt er sein Tablet und schickt an die Reederei Rezensionen für die Mitarbeiter, die aus Ländern kommen wie Simbabwe, den Philippinen oder Peru.

Er schreibt Dinge wie: »In dem Moment, in dem ich das Spa betrat, gab mir Cocos warmes und freundliches Auftreten sofort das Gefühl, willkommen zu sein, mich wohlzufühlen und die Voraussetzungen für ein Serviceerlebnis zu schaffen, das alle meine Erwartungen übertraf.« Coco ist der Friseur an Bord. Mr Joe hat eine Glatze.

Als Soldat hat Mr Joe im Irak gekämpft, Kuwait und Afghanistan, er hat vier Tage lang in der Wüste Bomben explodieren und Menschen sterben sehen. Vielleicht ist das der Grund, warum er an Bord dieses Schiffs ist. Um sich selbst davon zu überzeugen, dass die Welt auch schön sein kann.

Einmal steht er in einem Aufzug auf der »Serenade«. Als die metallenen Türen zugehen, schließt er plötzlich die Augen, atmet schnell ein und aus und beginnt, die Melodie eines Kinderliedes zu summen.

Haben Sie PTBS, Mr Joe?

»Meine Frau sagt Ja. Ich sage Nein.«

Sicher?

Er sagt: »Ich glaube, es ist ungefähr so mit dem Leben: Du gehst eine Straße entlang, und plötzlich siehst du diese dunkle Gasse. Du kannst in die Gasse hineingehen, und dort lauert ein Monster, das dich tötet. Oder du findest darin einen Topf mit Gold. Aber ich glaube, es gibt noch eine weitere Möglichkeit: Du gehst einfach an der Gasse vorbei, die Straße weiter entlang.«

Es gibt wenige Menschen, die man sich so gut dabei vorstellen kann, wie sie stur und geradeaus eine Straße entlangstapfen, wie Mr Joe.

Es ist noch Nacht in Italien, 3.30 Uhr, da sitzt eine Frau an einem Tisch, der schon für das Frühstück gedeckt ist. Vor ihr liegen 70 Zimmerkarten, Seapasses, auf der weißen Tischdecke, gestapelt wie Pokerchips. Die Frau will sie eintauschen, für sich, für ihren Mann und für ihre Freunde an Bord. Gegen Tenderboot-Tickets.

Tenderboote sind kleine Beiboote, die die Menschen an Land bringen, wenn die riesige »Serenade« nicht ins Hafenbecken passt. Die Boote sind, vielleicht als einzige Sache auf dem Schiff, begrenzt. 50 Menschen passen auf eins. Die World Cruisers reden viel über Tenderboot. Sie erzählen vom Tenderfluch, der auf dem Schiff liege. Sie haben Ecuador verpasst, die Seychellen und Madagaskar, weil das Meer zu unruhig war für die kleinen Boote. Und irgendwann, sagen sie, sei es mit den Tenderbooten außer Kontrolle geraten. Weil alle gern als Erste von Bord gehen würden. Oder zumindest nicht wollen, dass andere vor ihnen die Möglichkeit haben.

Deswegen sitzt diese Frau um 3.30 Uhr stellvertretend für 70 andere Bewohner an dem Tisch. Drei Stunden bevor die Crew beginnen wird, die Tickets zu verteilen.

Der Speisesaal füllt sich, je näher der Morgen kommt. Männer in Polohemden, Frauen mit Kappen. Sie starren ins Leere, als würden sie mit offenen Augen schlafen. Als es losgeht, reicht die Schlange durch den Frühstücksraum.

Verschlafen stellt Lee, der Ehemann der Zarin, sich an. »Ultimate World Cruise« steht in Glitzerbuchstaben auf seinem T-Shirt. »Hat Adita gemacht«, sagt er. Langsam schieben sich die Menschen vorwärts. Als er dran ist, zeigt er Aditas und seinen Pass vor und bekommt um 6.44 Uhr die Tickets. Sie sind in Boot Nummer 4.

Als das Boot 4 um 7.35 Uhr aufgerufen wird, sitzt Lee beim Frühstück. Adita schläft noch.

Viele der World Cruisers waren CEOs, Bosse und Manager, bevor sie ihre Weltreise antraten. Geld ist genauso im Überfluss da wie das Selbstbewusstsein, es verdient zu haben. Vielleicht macht auch das ihr Zusammenleben schwierig: Alle sind es gewohnt, der oder die Erste zu sein.

Royal Caribbean, das Unternehmen, das die Ultimate World Cruise veranstaltet, ist eine Reederei der Superlative. Royal, wie alle an Bord sagen, ist mit 29 Schiffen eine der größten Kreuzfahrtflotten der Welt. Die sechs größten Kreuzfahrtschiffe der Welt fahren unter dem Banner von Royal.

Auf den Bahamas hat Royal eine Insel gepachtet. Sie nennen sie Coco Cay, wo täglich Tausende Passagiere einen Freizeitpark mit Sand und Salzwasser besuchen. Die World Cruisers hielten dort am 2. Tag, und sie werden dort am 273. Tag noch einmal halten. Coco Cay ist der einzige Ort, den sie zweimal besuchen.

Als im Herbst 2021 die ersten Gerüchte laut wurden, dass Royal eine solche Weltreise plane, hieß es: »Das werden sie niemals organisieren können.« Sie konnten. Und machten diese Weltreise zum nächsten Superlativ. Kein Kreuzfahrtschiff fuhr länger, keins hielt öfter.

Vor Beginn der Neun-Monats-Reise hat Royal die World Cruisers gefragt, was sie bräuchten, das es nicht ohnehin auf dem Schiff gibt. Sie stellten die Betten höher, damit mehr Koffer darunter passen, erneuerten Matratzen und Duschköpfe, organisierten eine Zahnärztin und einen Chiropraktiker, die mitfahren, und stellten Waschmaschinen in die Kühllager. An Bord gibt es einen Bibelkreis und eine Gruppe Anonymer Alkoholiker. Nur eine Sache, scherzte der Chef von Royal einmal, hätten sie vergessen: einen Eheberater.

Und vielleicht das: Menschen lassen sich, anders als Schiffe, nicht steuern. Viele der Videos zwangen Royal zu einer Reaktion. Mal bestellte der Kreuzfahrtdirektor sie ein, mal gab die Pressestelle ein Statement heraus: Nein, die World Cruise endet nicht. Ja, es ist tatsächlich jemand gestorben.

Auf Deck 13 sitzen zwei Frauen in roten abgewetzten Sesseln. Laut Schiffsplan ist das hier die Viking Bar und ab 22 Uhr auch der Nachtklub Vortex, aber Bobbi Waterman und ihre Frau Tam nennen den Raum ihr Wohnzimmer.

Ihr Wohnzimmer, ganz oben im Schiff, ist rund und verglast wie der Tower eines Flughafens. Sie sitzen immer hier, immer am selben Tisch, immer einander gegenüber. Tam sieht das Meer und heute den Mann, der auf Deck 12 in der Mittagshitze Runden joggt. Bobbi kann die Rettungsschwimmer am Pool beobachten, die dort stehen, auch wenn niemand schwimmt, und sieht, wer sich schon am Mittag einen Drink an der Poolbar bestellt. Hier oben ist es meistens ruhig. »Wir sind die Anführer der Anti-Social-Gang«, sagt Bobbi. Am Sessel lehnt ihr Gehstock. »Wir schauen dem Niedergang Amerikas zu«, sagt Tam. Man ist sich nicht sicher, ob sie das Land oder die anderen World Cruisers meint.

Es gibt eine unausgesprochene Regel auf dem Schiff: Über Politik wird nicht geredet. Der Shop ihres Dorfs führt keine Zeitungen, stattdessen bekommen sie jeden Morgen den vierseitigen »Cruise Compass«, in dem »Topdeals« und »Daily Highlights« beworben werden und die Kreuzfahrtgesellschaft die Menschen an Bord an ein Mindestmaß menschlichen Respekts erinnert. Seid nett zueinander, steht da, geratet nicht in einen Streit, der Wäscheraum ist nur für Ultimate World Cruisers da. Die Kabinenfernseher empfangen zwar BBC und Fox News, aber auf dem ersten Kanal liest der Kreuzfahrtdirektor die Geburtstage der Gäste vor.

Mr Joe, der Veteran, sagt: »Keiner hier will ernsthafte Meinungsverschiedenheiten. Die Leute könnten auf deiner Exkursion sein.«

Bobbi sagt: »An Bord sind 60 Prozent Demokraten. Und wir haben Freunde gefunden, die Republikaner sind, aber keine Trump-Wähler.«

Adita, die Zarin, sagt: »Die Mehrheit ist über 50. Das heißt, sie sind konservativ. An meinem Tisch im Dining Room lieben alle Trump!«

Bobbi Waterman ist eine trans Frau. Als sie die World Cruise buchte, stellte sie sich noch als Bob vor. Bob arbeitete als Ingenieur bei der Nasa, auf Geschäftsreisen trug er im Hotel Kleider. »Ich dachte immer, es wäre für mich schon zu spät«, sagt Bobbi.

Vergangenen Sommer sprach Bobbi, 61 Jahre alt, mit der Familie, sie postete ein »Life Update Video« auf Facebook und packte die vielen Kleider in den Koffer. Kurz vor der Abfahrt nahm sie zum ersten Mal Testosteronblocker und brachte einen Vorrat für neun Monate mit aufs Schiff.

Als sie am ersten Tag ihren Seapass erhielt, stand darauf: Bobbi Waterman.

»Die meisten waren cool«, sagt sie. Aber es habe auch den gegeben, der zu Bobbi kam und sagte, dass er so etwas nicht ertragen könne und deswegen nicht mehr mit ihr reden werde. Am 132. Tag habe ein Mann Bobbi in der Schlange im Schiffscafé geschubst. Sie meldete den Mann dem Sicherheitschef, aber es sei nichts passiert.

Als die »Serenade« Kurs auf Korsika nimmt, haben Bobbi und Tam Besuch in ihrem Wohnzimmer. Bobbi trinkt Sauvignon Blanc, Tam einen Cider, den es nicht auf dem Schiff gab, bis sie oft genug danach gefragt hatte. Im Sessel neben Tam sitzt ihr Nachbar auf Deck 9: Joe, der sich auf TikTok Cruisedad nennt. Er bestellt ein Bier und seine Frau, Cruisemom-Audrey, einen Bacardi, »in einem kleinen Glas mit zwei Eiswürfeln und Sprite Zero«.

Acht Häfen hat die »Serenade« in Italien angelaufen. Portofino war der letzte. Teuer fanden sie es heute und voll. »Ohne die ganzen Kreuzfahrtschiffe wäre die Stadt richtig süß«, sagt Joe.

Die »Serenade« verlässt den Hafen von Toulon: Die Passagiere zählen die Länder, die sie besuchen

Die »Serenade« verlässt den Hafen von Toulon: Die Passagiere zählen die Länder, die sie besuchen

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Elliott Kreyenberg / DER SPIEGEL

Tam sagt, sie könne mittlerweile keine alten Steine mehr sehen. Audrey ist genervt vom Kreuzfahrtdirektor, der immer so ausschweifend labere, und davon, dass es auf dem gesamten Schiff keinen einzigen bequemen Stuhl gebe. Die Freunde sind sich einig, dass die Kreuzfahrt zu lange dauere. Noch mal neun Monate, das würden sie nicht tun.

Als die Route um Afrika geändert wurde, gab Royal den World Cruisers die Möglichkeit, die Reise abzubrechen und das restliche Geld zurückzubekommen. »Ich bringe die Dinge zu Ende«, sagt Bobbi. Und Joe sagt: »Ich will Pinnacle werden.«

»Pinnacle Club« bedeutet so viel wie Gipfelgesellschaft. »Pinnacle«, das ist die höchste Stufe des Treueprogramms von Royal Caribbean. Wer 700 Kreuzfahrtnächte sammelt, wird ein Pinnacle. Adita und ihr Mann Lee sind Pinnacles, klar. Pinnacle zu sein, bringt auf der Weltkreuzfahrt kaum einen Vorteil, außer dass man in eine extra Lounge darf, in der es aber auch nur wieder kostenlose Getränke und kostenloses Essen gibt. Und es gibt einen goldenen Anstecker.

Warum wollen Sie ein Pinnacle sein, Cruisedad-Joe?

»Ich bin gern der Erste.«

Bobbi und Joe gucken auf ihre Handys. Fast alle auf dem Schiff haben eine App, in der sie die Länder markieren, die sie besucht haben. »Ich bin bei 88«, sagt Bobbi. »Am Ende der Reise habe ich 96«, sagt Cruisedad-Joe.

Die World Cruisers standen vor den Ruinen von Chichén Itzá, zu Füßen der Jesus-Statue in Rio und im römischen Kolosseum. Sie liefen über die Chinesische Mauer und besuchten den Taj Mahal. Sie sahen das Prächtigste, das Menschen schufen, die Wunder der Welt. Doch wenn man die Kreuzfahrer fragt, welcher Ort der beste war, sagen alle: die Antarktis.

Ihr Dorf aus Glas und Stahl glitt langsam durch die kalte Meerenge. Wale kreuzten das Schiff. Die Bewohner standen an Deck und starrten auf die riesigen Eisberge, die sie umgaben. Vielleicht verstanden sie es in diesem Moment nicht, vielleicht war es ihnen auch egal. Die Weltkreuzfahrt zerstört die Welt. Aber vorher werden die World Cruisers sie gesehen haben. Sie sind, was zählt.

Am 210. Tag, wenige Minuten nachdem die Brücke im französischen Toulon nach oben gezogen wurde, öffnen sich die Türen des Tropical Theater. In dunklen Anzügen stehen die Mitarbeiter des Schiffs Spalier. Eine Big Band spielt.

In jedem Abschnitt der World Cruise gibt es dieses sogenannte Top-Tier-Event. Nicht bloß für Pinnacles, sondern für alle Vielfahrer, die es über den Goldstatus hinausgeschafft haben. Nach 210 Nächten an Bord der Weltkreuzfahrt sind alle World Cruisers mindestens »Diamond Plus« und genau 100 sind Pinnacles. Adita und Lee sind gekommen, Bobbi und beide Joes. Die Alleinreisende Angie ist nicht da, sie liest in ihrer Kabine. Mr Joe, der Veteran, greift sich ein Glas und lässt sich in einen Samtsessel in Reihe 5 fallen.

Der Kreuzfahrtdirektor holt den Personalchef auf die Bühne. Heute werden die Mitarbeiter des Monats ausgezeichnet. Aber auch diese Gala ist für die World Cruisers gemacht.

Die Mitarbeiter sind in drei Kategorien unterteilt: Mitarbeiter, die die Gäste sehen, Mitarbeiter, die sie nicht sehen, und Manager.

Der Personalchef ruft die Unsichtbaren auf: einen Elektriker-Assistenten, einen Reparaturleiter, einen aus der Wäscherei. Sie tragen ihre Arbeitskleidung: Overalls, Schürzen, kurzärmelige Hemden mit goldenem Schulterbesatz. Jeder bekommt eine Urkunde und einen Handschlag. Als eine Souschefin mit Kochmütze auf die Bühne kommt, johlt das Publikum. Sie hebt verlegen die Hand. »Tolle Köchin«, sagt Mr Joe.

»Wir konnten wegen der Entscheidung kaum schlafen«, ruft der Personalchef von der Bühne. Die Weltkreuzfahrer klatschen im Takt.

Es gewinnt die »Drucker-Spezialistin«. Jemand hängt ihr eine blaue Schärpe um, auf der »Winner« steht, setzt ihr ein Diadem auf und drückt ihr ein Zepter in die linke und eine kleine Oscarstatue in die rechte Hand. Sie posiert für ein Foto. Das Diadem rutscht ihr vom Kopf, zwei Leute bücken sich hektisch danach und setzen es ihr wieder auf, als wäre sie eine Puppe.

Das Klatschen wird lauter, als die Mitarbeiter auf die Bühne kommen, die die Passagiere täglich sehen. Es gewinnt der stellvertretende Oberkellner. Managerin des Monats wird die Zahnärztin. »Yes!«, ruft Mr Joe, »Yeeeees!« Es sei toll, dass die Crew diese Auszeichnung vor Royals besten Passagieren bekomme, findet Adita.

Es ist eine Gala gegen das unwohle Gefühl, das zum Bedientwerden immer auch Bedienstete gehören.

Die World Cruisers haben ein seltsames Verhältnis zu der Crew der »Serenade«. Sie kennen den Steward mit Namen, der jeden Tag ihr Bett aufschüttelt und ihren Mülleimer leert. Sie weinen, wenn Mitarbeiter von Bord gehen, um Urlaub zu machen.

Die Crew darf in ihrer Freizeit nicht in die Pools auf Deck 11, sie dürfen auch nicht in den Restaurants essen oder im Safari Club Billard spielen. Die Crew, sie darf nur an Deck, um zu arbeiten, was auf der »Serenade« vor allem bedeutet: den World Cruisers ihre Wünsche zu erfüllen, so absurd die auch sein mögen. Trotzdem hält manch einer der World Cruisers die Arbeiter auf dem Schiff für seine Freunde.

Einmal ruft Tam, die Ehefrau von Bobbi, einen kleinen Mann in der blaugrauen Uniform der Putzkräfte zu sich. »Michael, komm her«, sagt sie. »Komm her für Süßigkeiten.« Sie greift in eine Tüte, nimmt ein paar Bonbons heraus und hält ihm die geöffnete Hand hin. Der Mann beugt sich zu ihr, klaubt die Bonbons aus ihrer Hand, sagt kichernd Danke und geht an die Arbeit. »Zucker hilft ihnen, durch den Tag zu kommen«, sagt Tam.

Brandee, die immer noch beinahe täglich für Personal gehalten wird, schwimmt mit dem Sportsmanager im Mittelmeer und geht mit einer der Schiffssängerinnen in Palma shoppen. »Die Crew ist eben am ehesten mein Alter«, sagt sie. Aber als einmal die »Serenade« abrupt auf dem Meer bremste und Brandee Töpfe im Buffetrestaurant Windjammer vor dem Herunterfallen bewahren wollte, kamen die Kellner zu ihr und sagten: »Ma’am, dazu sind Sie nicht befugt.«

Bei der Gala im Theater werden nun die Supersuperkreuzfahrer unter den Superkreuzfahrern ausgezeichnet. Ein Mann auf der Bühne stellt all jene vor, die im vergangenen Monat Pinnacles geworden sind. Auf der Leinwand steht, wie viele Kreuzfahrten diese Menschen schon gemacht haben – 25 bis 82 – und welches ihr Lieblingshafen ist. Jedes Neumitglied bekommt eine Flasche Champagner und den Applaus der anderen. Pinnacle bedeutet auch Höhepunkt.

Doch hier, im Dorf, wo die Tage verschwimmen wie die Küstenlinie bei der Ausfahrt, kann man selbst den Höhepunkt noch steigern. An diesem Nachmittag werden auch die höchsten Pinnacles geehrt. Die drei Passagiere, die von allen die meisten Punkte haben. Die Top Cruisers. Auf Platz eins liegt ein Mann namens Craig. Er wohnt in Orlando, aber dort scheint er selten zu sein. Er hat 5834 Punkte. Sein Lieblingshafen: der nächste.

Es heißt, die größte Tragödie im Leben ist, das Ziel erreicht zu haben. So weit lässt es hier niemand kommen.

Auf TikTok laden die World Cruisers immer noch Videos hoch. Bobbi erreicht in Litauen ihr 100. Land. Angie postet Zusammenschnitte ihrer Tage in Porto, Disneyland Paris und Warnemünde. Jemand schreibt unter ein Video: »Ach, ihr fahrt immer noch?«

Am 10. September 2024 wird das Dorf ein letztes Mal anlegen. Nach 274 Tagen werden die Bewohner die »Serenade of the Seas« in Miami verlassen.

Der Veteran Mr Joe wird seine Ehefrau wiedersehen. Die Zarin Adita wird zwei Wochen später in die Dominikanische Republik reisen. Die trans Frau Bobbi plant, mit ihrer Östrogenbehandlung zu beginnen. Die Alleinreisende Angie will sich die Eierstöcke entfernen lassen. Und Cruisedad-Joe hat noch an Bord der »Serenade« gleich die nächsten fünf Kreuzfahrten gebucht.

In hellblauen Hemden werden Mitarbeiter am Eingang des Schiffs stehen und ihn begrüßen mit einem Betonlächeln: »Welcome back!« Willkommen zurück.

Wie diese Geschichte entstanden ist
Foto:

Julia Kopatzki / DER SPIEGEL

Julia & Jonah
Hamburg, Köln
Kabinennummer 8565
1 Kreuzfahrt

Von Rom bis Barcelona sind die SPIEGEL-Mitarbeiter Julia Kopatzki und Jonah Lemm auf der »Serenade« mitgefahren. An Bord erlebten sie neben all den Dramen der Weltkreuzfahrer auch die Feier zum US-amerikanischen Nationalfeiertag, dem Independence Day. Ballons in den Farben der US-amerikanischen Flagge fielen von der Decke, während eine Menschenmenge »Sweet Caroline« gröhlte. Als Kopatzki an einem anderen Tag aus Versehen im Nachtclub des Schiffes ein Glas fallen ließ, stoppte die Musik für eine dreiviertel Stunde. Ein Putztrupp rückte an und erst wieder ab, als jede kleinste Scherbe beseitigt war. Verletzungsgefahr! »Wir kamen uns vor wie in einer amerikanischen Reality-TV-Show«, sagen Kopatzki und Lemm. Beide waren froh, als sie wieder festen Boden unter den Füßen hatten. Privat machen sie lieber Urlaub an Land.

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