Sexualität: "Schluß mit dem Quickie" - DER SPIEGEL
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Sexualität "Schluß mit dem Quickie"

Versandhändlerin Beate Uhse über erotisches Glück und die sexuellen Wünsche der Deutschen
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

SPIEGEL:

Frau Uhse, ist Weihnachten auch Hochsaison für Sexartikel?

Uhse: Aber sicher, die Leute haben doch Lust, unser Angebot en famille auszuprobieren.

SPIEGEL: Zum Fest der Liebe also der Herrenslip "Rüssel-Rudi" und der "Muschi-Verwöhn-Set" für die Dame?

Uhse: Was haben Sie dagegen? Der Verbraucher hat viel Phantasie. Im Augenblick sind schwarze Dessous und Aufklärungsbücher die Renner.

SPIEGEL: Braucht der sexuell befreite Mensch tatsächlich noch Schriften wie "Die Klitoris in Wort und Bild"?

Uhse: Sie glauben gar nicht, wie viele Menschen immer noch ahnungslos in Sachen Sexualität sind.

SPIEGEL: Das mag sein. Ihr Angebot sieht aber aus wie ein Basislager für Sexualneurosen.

Uhse: Spaß am Sex ist ein legitimes Recht. Die Deutschen trauen sich jetzt endlich, ihre geheimen sexuellen Wünsche zu äußern. Die Gesellschaft ist eben offener geworden. Es macht die Menschen kaputt, wenn sie ihre Bedürfnisse unterdrücken müssen.

SPIEGEL: Sie schwatzen diese Wünsche Ihrer Kundschaft auf.

Uhse: Glauben Sie, daß eine Firma wachsen kann, ohne die wirklichen Bedürfnisse ihrer Kunden zu befriedigen? Das ist in unserer Branche genauso wie beim Bäcker: Wer sich nicht rechtzeitig auf die Vollkornwelle umgestellt hat, ist pleite. Ich schwimme mit im allgemeinen Strom der Gesellschaft.

SPIEGEL: Zu bescheiden. Die Sexschleusen haben Sie doch geöffnet.

Uhse: Ich bin weder stolz, noch schäme ich mich. Im übrigen haben drei Faktoren das Sexualverhalten verändert. Beatchen Uhse, mein Kollege Oswalt Kolle mit seinen Aufklärungsfilmen und die Pille. Diese Erfindung hat bewirkt, daß zum erstenmal in den Medien seriös über Sex berichtet wurde. Dadurch gab es einen enormen Lerneffekt.

SPIEGEL: Seit wann sprudelt denn Ihre Flensburger Lustquelle?

Uhse: Zum Sex bin ich gekommen wie die Jungfrau zum Kind. Ich war ja eigentlich Pilotin, zuletzt bei der Luftwaffe. Nach dem Krieg bin ich im Dorf Braderup in Schleswig-Holstein gestrandet. Damals gab's weder Butter noch Kondome. Die Frauen wußten nichts über Verhütung. Ich bin in die Kreisbücherei gefahren und hab' die Knaus-Ogino-Methode auf zwei Blättchen vervielfältigt und für zwei Reichsmark verkauft.

SPIEGEL: Ist da Ihr Geschäftstrieb erwacht?

Uhse: Ganz langsam. Ich dachte, wenn sich in diesem Nest schon 17 Frauen dafür interessieren, wie mag das erst in Husum sein. Und so habe ich inseriert.

SPIEGEL: Und dann kamen Bestellungen en masse?

Uhse: Und wie - gleich nach der Währungsreform. Da schickten mir 32 000 rührende Menschen auf einmal statt der geforderten zwei Reichsmark eine D-Mark, und ich war plötzlich wohlhabend. Die Kunden fragten an: Können Sie nicht auch Präservative und Liebeslehrbücher besorgen?

SPIEGEL: Und dann haben Sie's den Deutschen besorgt?

Uhse: Ja. Schnell konnte ich vier Produkte anbieten und bald auch die Broschüre "Stimmt in unserer Ehe alles?"

SPIEGEL: Alles nur für den guten Zweck?

Uhse: Ich war eine Avantgardistin, aber davon konnte ich auf Dauer nicht leben. Ein Unternehmen wächst nur, wenn auch das Angebot wächst . . .

SPIEGEL: . . . mit Produkten, die hauptsächlich Ihrer Bilanz wohltun?

Uhse: Wissen Sie, wie viele Automarken es gibt? Brauchen wir die alle? Im Versandhandel haben wir die Hand am Puls des Verbrauchers. Was nicht läuft, wird sofort gestrichen.

SPIEGEL: Haben Sie deshalb etliche Porno-Kinos dichtgemacht?

Uhse: Ja, der Boom ist vorbei, seit jeder ein Video hat. Nur am zweiten Weihnachtstag sind die Säle rammelvoll, weil die Männer die Nase voll haben von Mutti.

SPIEGEL: Eigene Porno-Filme produzieren Sie schon lange nicht mehr.

Uhse: Das meiste Material kommt aus den USA. Da sind die Akteure stolz auf ihre Arbeit. Die deutschen Mädchen haben immer genervt: Zeigen Sie den Film nicht in Herne, wo meine Oma wohnt. Ich soll mal ihr Haus erben.

SPIEGEL: Nun verdienen Sie Ihr Geld mit Produkten wie der Orgasmuskrücke "Pimper-Wimper" oder dem Schlüsselanhänger "Arsch mit Ohren". Wie reagiert der feine Flensburger?

Uhse: Früher haben die mich geschnitten. Vor 35 Jahren etwa wollte ich in einem Flensburger Klub Tennis spielen. Nach erregter Mitgliederdebatte wurde mein Aufnahmeantrag abgeschmettert. Da habe ich mir einen eigenen Platz gebaut. Ich suchte auch sonst keine gesellschaftlichen Kontakte, weil ich niemanden in peinliche Situationen bringen wollte, auch mich nicht.

SPIEGEL: Inzwischen waren Sie ja schon fürs Bundesverdienstkreuz vorgemerkt.

Uhse: Ich hab's dann doch nicht gekriegt, weil es einer von der falschen Partei, von der CDU, beantragt hat. Heute rollt man mir meist den roten Teppich aus - schließlich habe ich mit meinen Steuergeldern das Flensburger Rathaus mehrfach bezahlt.

SPIEGEL: Beate Uhse - eine selbstbewußte Karrierefrau. In Ihren Katalogen dagegen bieten sich lauter Sexmiezen an, die unterwürfig auf ihren Vollstrecker warten.

Uhse: Haben Sie das aus Alice Schwarzers Emma? Wie man unsere Mädchen sieht, liegt einzig in den Augen des Betrachters. Und ist es nicht so, daß junge Frauen in der Liebe einen überlegenen Mann wollen? Sie möchten doch aufschauen zu einem erfahrenen Egon.

SPIEGEL: Ach ja? Mit diesem Frauenbild können Sie höchstens noch den Papst begeistern. Damit locken Sie keine Käuferinnen.

Uhse: Falsch. Die Damen kommen ganz fröhlich als Kegelklub oder Karnevalsverein in unsere Läden. In den letzten 25 Jahren ist das Interesse der Frauen und der Anteil weiblicher Kunden deutlich gestiegen. Zum Beispiel kommen jetzt Lehrerinnen sogar mit ihren Schülern zur Betriebsbesichtigung.

SPIEGEL: Und die Alten, sind die noch erregbar?

Uhse: Natürlich. Unsere ältesten Kunden sind weit über 80, und davon haben wir 360 Stück. Ich zähle einmal im Jahr durch, ob sie noch alle da sind.

SPIEGEL: Womit sind Lustgreise zu entflammen?

Uhse: Außer Verhütungsmitteln bestellen die alles: schöne Wäsche, Vibratoren oder Potenzpräparate.

SPIEGEL: Glauben Sie wirklich an die aufrichtende Wirkung Ihres Sexualtonikums "Eumel-Bull-Kraft"?

Uhse: Hören Sie mal, dem einen hilft Aspirin, dem anderen hilft Pyramidon.

SPIEGEL: Der Glaube versteift Zwerge. Ist Ihre Kundschaft pflegeleicht?

Uhse: Der Deutsche der neunziger Jahre, in Ost und West, ist ein angenehmer Geschäftspartner. Er ordert fehlerfrei - inzwischen auch in den neuen Ländern. Er schreibt seinen Namen richtig, stellt aber hohe Ansprüche, zum Beispiel an die Texte im Katalog . . .

SPIEGEL: . . . da stößt er immer wieder auf ein "Inferno zwischen den Schenkeln". Wer schreibt denn bloß so was?

Uhse: Meine Werbeleute. Früher war ich aktiver beteiligt. Als die ersten Vibratoren aufkamen, habe ich sie selbstverständlich auch getestet.

SPIEGEL: Gibt's denn überhaupt noch neue Wohltaten für den Unterleib?

Uhse: Das ist wie beim Essen. Es geht nur um Variationen, was ganz Neues gibt es kaum.

SPIEGEL: Die 68er glaubten noch an Partnertausch und Gruppensex als sexuelle Befreiung.

Uhse: Davon halte ich nichts, weil einer der Partner immer darunter leidet. Lieber soll man sich gemeinsam ein scharfes Video angucken.

SPIEGEL: Die Porno-Grossistin - eine Zuchtmeisterin ehelicher Treue?

Uhse: Richtig. Die Quickies sind out. Die schnelle Nummer auf der Dienstreise oder im Urlaub macht im Aids-Zeitalter kein vernünftiger Mensch mehr. Man ist häuslicher geworden.

SPIEGEL: Der Triebforscher Ernest Borneman behauptet, die Deutschen koitierten heute weniger als je zuvor. Ist die Hausmannskost zu langweilig?

Uhse: Das kann der gar nicht beweisen. Es ist natürlich sauschwer, eine 20 Jahre alte Partnerschaft erotisch frisch zu halten. Soviel Phantasie hat keiner. Da hilft das Haus Uhse.

SPIEGEL: Können Sie sich denn gar kein Liebesglück ohne Beihilfe Ihres Eroscenters vorstellen?

Uhse: Wenn es ohne uns geht - um so besser. Vielleicht braucht uns so ein Paar dann in zehn Jahren. Ich kann mir aber gut vorstellen, daß eine unglückliche Beziehung durch Beate Uhse glücklicher wird.

SPIEGEL: Was ist denn die Bilanz aus 40 Jahren rastloser Sexualarbeit?

Uhse: Daß sich in Wirklichkeit nichts Wesentliches geändert hat. Man nimmt sich heute vielleicht mehr Freiheiten, aber was Menschen bei Liebe und Sexualität empfinden, bleibt immer gleich.