Stille Notrufe Sexuelle Belästigung und Gewalt – diese Gesten und Codewörter gibt es
Das »signal for help« – ein stilles Notrufzeichen per Hand
Foto:Klaus Rein / Zoonar / picture alliance
Sie ist 18, nimmt sich nachts ein Taxi, um sicher nach Hause zu kommen, und wird vom Taxifahrer belästigt. Laut der Polizei Gelsenkirchen ist dies einer jungen Frau am vergangenen Wochenende passiert.
Die 18-Jährige wählte noch im Taxi den Notruf. Weil sie nicht frei sprechen konnte, tat sie so, als würde sie eine Pizza bestellen. Welche Worte genau in dem Gespräch gefallen sind, konnte ein Sprecher der Polizei Gelsenkirchen nicht mitteilen, allerdings erkannte die Polizeibeamtin die Bedrohungssituation und schickte um 4.40 Uhr einen Streifenwagen zur Wohnanschrift der jungen Frau nach Bochum. Den 35-jährigen Taxifahrer erwartet nun ein Strafverfahren .
»Es handelt sich um einen sogenannten stillen Notruf«, teilte der Sprecher der Polizei dem SPIEGEL gegenüber mit. »In solchen Fällen kommt es auf das Fingerspitzengefühl unserer Beamtinnen und Beamten an, die dafür geschult sind.« In der Regel würden die Beamten bei einer Pizzabestellung oder Ähnlichem auf der Notrufnummer noch einmal mit einer Ja-oder-nein-Frage nachhaken, ob die Anruferin Hilfe der Polizei benötige. »Man bekommt dann relativ schnell heraus, ob es sich um einen Scherzanruf handelt oder die Person sich bedroht fühlt«, so der Beamte. Wichtig sei nicht unbedingt, welche Alltagssituation Betroffene wählen, um einen stillen Notruf bei der Polizei zu tarnen. »Häufig hört man es schon an der Stimmlage.«
Bisher seien stille Notrufe wie derjenige der 18-Jährigen eher ein Einzelfall, so der Sprecher. Man habe ihn allerdings zum Anlass genommen, die Beamtinnen und Beamten noch einmal für solche Situationen zu sensibilisieren, um Betroffenen schnell helfen zu können.
Wer den Notruf missbraucht und einen Notfall nur vortäuscht, begeht dagegen eine Straftat. Sie kann mit einer Geldstrafe oder mit einer Freiheitsstrafe von bis zu einem Jahr geahndet werden.
Auch in anderen Situationen könnten Betroffene von Gewalt nicht offen um Hilfe rufen oder bitten. Dafür gibt es eine Reihe weiterer Zeichen und Codes, mit denen sie heimlich um Hilfe bitten können.
Hilfe per Handzeichen
Am 5. Juli bittet eine Zwölfjährige am Hamburger Hauptbahnhof still um Hilfe. Sie streckt die Handfläche aus und umschließt dann den Daumen mit allen Fingern. Diese unauffällige Geste ist das »signal for help «, ein international bekanntes Handzeichen für Menschen in Not, die nicht offen sprechen können.
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Passanten sehen die Geste des Mädchens und rufen die Polizei. Diese nimmt kurz darauf einen 41-Jährigen fest, in dessen Begleitung die Zwölfjährige gewesen sein soll, als sie das Handzeichen absetzte. Er soll das Mädchen offenbar missbraucht haben. Man habe Haftbefehl wegen des dringenden Tatverdachts eines Sexualdelikts erlassen, teilte die Staatsanwaltschaft Hamburg dem SPIEGEL mit. Die Ermittlungen laufen.
Notruf an der Bar
Wer beim Ausgehen sexuell belästigt wird oder sich bedrängt fühlt, kann am Tresen um Hilfe bitten, ohne direkt danach zu fragen. Stattdessen können Betroffene nach »Luisa« fragen. Als Projekt von einigen Bars und dem Frauennotruf in Münster gestartet, ist die Frage nach der imaginären »Luisa« mittlerweile bundesweit bekannt.
In Clubs und Bars können Betroffene an der Theke diskret um Hilfe bitten
Foto: Ruffer / Caro / picture allianceViele Lokale haben in ihren Toilettenräumen Plakate angebracht, die darauf hinweisen: Wer nach »Luisa« fragt, bekommt Hilfe.
Codewort in der Apotheke
Auch in Apotheken oder in der Arztpraxis können Betroffene von körperlicher oder sexueller Gewalt diskret um Hilfe bitten, indem sie um eine »Maske 19« bitten. So wird die Polizei verständigt, ohne dass die Betroffenen selbst einen Notruf absetzen müssen. Entstanden ist dieses Codewort während der Coronapandemie, als die Fallzahlen häuslicher Gewalt stiegen. Die Initiatorinnen und Initiatoren wollten ein niedrigschwelliges Angebot für Betroffene schaffen .
»Panama« für Hilfe auf Festivals
Auf Festivals gibt es nicht nur Awareness-Teams, die Betroffene ansprechen können. Immer mehr große Veranstalter werben zudem damit, dass Festivalgängerinnen und -gänger mit dem Wort »Panama« schnell Hilfe erhalten. Wer etwa die Festivalcrew, Sanitäterinnen und Sanitäter, den Ordnungsdienst oder auch die eigens dafür eingerichtete »Panama«-Crew auf das Land anspreche, erhalte schnell Hilfe und werde aus unangenehmen Situationen heraus in einen geschützten Raum begleitet, schreibt unter anderem der Veranstalter des Hurricane und des Southside .
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In Deutschland erhalten von Gewalt betroffene Frauen beim Hilfetelefon unter der Nummer 116 016 rund um die Uhr Unterstützung. Rund 100 Beraterinnen stehen dort kostenlos, anonym und vertraulich zur Verfügung, auch in anderen Sprachen. Neben der Unterstützung in akuten Krisensituationen vermittelt die Hotline betroffene Frauen und Mädchen auch an örtliche Beratungsstellen und an Frauenhäuser. Die Nummer gilt europaweit, von dort werden Betroffene jeweils an das zuständige nationale Beratungsangebot weitergeleitet.