Anna Preine-Kosach, Ukrainerin in Hamburg
»Mein Sohn war es gewohnt, dass er Papa ständig sieht und jetzt fragt er: Papa, kommst du in fünf Tagen? Ich weiß nicht, was ich dann antworten soll. Ich sage: Ja natürlich. Fünf oder sieben Tage. Wenn die Flüge wieder gehen, kommt zurück. So ist die Lage bei uns.«
Ein Foto von vor wenigen Wochen. Eigentlich lebt Familie Preine-Kosach in Deutschland. Jetzt ist Mutter Anna mit ihrem Sohn und ihrer Tochter allein in Hamburg, ihr Mann Sergej ist nach Lwiw gereist, um sich dort um die zurückgebliebene Verwandtschaft zu kümmern – und im Ernstfall zur Waffe zu greifen, sagt er. Wir erreichen ihn für ein kurzes Gespräch am Telefon.
Sergej Kosach, Ehemann
»Wir bereiten alles vor, was möglich ist: humanitäre Hilfe. Wir bereiten uns vor, die Stadt mit Molotow-Cocktails zu verteidigen. Wir werden um unsere Stadt kämpfen.«
»Wann planen Sie nach Hause zu kommen?«
»Nach unserem Sieg.«
Noch ist die Lage ruhig in Lwiw, russische Truppen sind bislang nicht so tief in den Westen der Ukraine vorgedrungen. Doch die Angst ist jede Sekunde da, Anna Preine-Kosach verbringt die meiste Zeit am Handy.
Anna Preine-Kosach, Ukrainerin in Hamburg
»Die Nachricht: Lebst du noch? Die schicken wir jetzt allen unseren Verwandten, die in der Ukraine sind. So beginnt mein Tag und so endet mein Tag.«
Doch die gelernte Finanzberaterin will nicht tatenlos warten. Gemeinsam mit Landsleuten hat sie eine Webseite gebaut, auf der Hilfsangebote gebündelt werden. Sie selbst versucht, private Unterkünfte für Geflüchtete in Hamburg zu organisieren.
Anna Preine-Kosach, gelernte Finanzberaterin
»Was ist Schlaf? Das ist Zeit, die man verliert. Ich versuche gerade alle Frauen, die zu uns mit Kindern kommen, in Sicherheit zu bringen. Ich erwarte in Hamburg meine Freundin aus meiner Region.«
Olga hat bereits Zuflucht bei Anna Preine-Kosach gefunden, die beiden Frauen sind Cousinen. Die 34-Jährige erzählt, dass sie mit ihrem Mann und zwei Kindern zum Skifahren in Polen war, als der Krieg ausbrach. Die Familie kehrte nicht nach Kiew zurück, sondern fuhr direkt nach Deutschland.
Anna Preine-Kosach, Ukrainerin in Hamburg
»Sie hat mir Fotos an dem Tag geschickt hat. Hier.«
Olga, Cousine von Anna Preine-Kosach
»Es war ein sehr sonniger Tag. Ich habe in den Himmel geguckt und gedacht: Wir sind hier. Keine Raketen, kein Feuer. Wir dürfen leben. Ich möchte Deutsch lernen, arbeiten und helfen. Ich möchte hier nicht rumsitzen und nichts machen.«
Auch Preine-Kosachs ältere Tochter Sophie engagiert sich als Freiwillige bei einer Hotline, die 24 Stunden am Tag Hilfe auf Ukrainisch, Deutsch und Englisch anbietet.
Sophie, Tochter Anna Preine-Kosach
»Wir sind jetzt gerade im Callcenter, hier gibt es so viel Arbeit, ehrlich gesagt. Ich zeige es mal.«
»Mit welchen Anliegen rufen die Menschen an?«
»Beispielsweise fragen sie: Wie können wir zur Grenze kommen? Dann geben wir Koordinaten durch. Oder sie fragen: Dürfen wir nach Deutschland kommen mit zwei oder drei Kindern? Sowas. Es gibt so viele verschiedene Situationen.«
Hilfe für die Ukrainerinnen organisieren, die dem Krieg entkommen wollen. Das ist das Einzige was hilft gegen die Angst.