»Es ist ein Familienfest und Sie sind nur hier, um zu provozieren.«
Hannes Kreschel
»Nein.«
»Ja.«
Hannes Kreschel
»Ich will mit den Leuten hier über das Programm reden.«
Mit Kamera und Mikro geht er auf Konfrontation. Hannes Kreschel ist 23, Social-Media-Creator und heute auf dem AfD-Familienfest in Merseburg. Sein Ziel: Mit Menschen ins Gespräch kommen. Warum wählen sie eine Partei, die vom Verfassungsschutz in Sachsen-Anhalt als gesichert rechtsextrem eingestuft wird?
Hannes Kreschel
»Wir wollen einfach mal gucken, ob die AfD-Wähler:innen hier ihr eigenes Programm kennen und wie bewandert die da drin sind, was passiert, wenn die AfD mit ihrem Regierungsprogramm an die Macht kommt und wie die das vielleicht so finden.«
Kreschel kommt aus Sachsen-Anhalt und ist SPD-Mitglied. Auf Instagram hat sich der Jurist mittlerweile einen Namen gemacht. Mit Videos wie diesem:
Hannes Kreschel
»Die AfD Sachsen-Anhalt sagt ja, dass man Regenbogenflaggen zum Beispiel verbieten sollte an Schulen.«
»Öffentliche Gebäude, ja.«
Hannes Kreschel
»Na gut, aber damit schränkt man ja auch genau das ein, dass Leute einfach das ausleben, was sie möchten, oder?«
Bei den Gesprächen versucht Kreschel bewusst seine eigenen Erfahrungen einzubringen: Mit 16 hat er selbst noch die AfD gewählt.
Hannes Kreschel
»Aus Frustration und aus damaliger ja einfach Perspektivlosigkeit. Mir war so, was soll ich denn sonst machen? So, für mich interessiert sich ja hier keiner. Bei mir ist genau so dieser Wandel auch passiert, in dem Leute mit mir einfach geredet haben.«
Gelingt Kreschel in Merseburg, was bei ihm auch mal funktioniert hat?
Hannes Kreschel
»Wollen wir ein bisschen über das Programm sprechen?«
»Nö, alles gut.«
»Nein, mit Linken spreche ich nicht.«
Und dann sofort das nächste Problem.
»Wir erteilen Ihnen jetzt hiermit den Platzverweis. Und ansonsten müssen wir halt die Polizei fragen, ob die das für uns durchsetzen.«
Reporter
»Warum haben Sie dem Herren jetzt einen Platzverweis gegeben?«
»Ne, ich nicht.«
Reporter
»Oder, wer hat das gemacht? Warum?«
»Der Mann hat mehrere Leute hier belästigt und daraufhin hat der Veranstalter entschieden, dass dieser Mann des Platzes verwiesen wird.«
Reporter
»Der ist schon bekannt bei Ihnen, oder?«
»Jap.«
Hannes Kreschel
»Das ist schon krass. Wir waren vier Minuten da und haben jetzt einen Platzverweis bekommen. Demokratie, wuhu! Meinungsfreiheit, wuhu!«
Kreschel macht trotzdem weiter – von AfD und Polizei geduldet ein paar Meter weiter auf dem Parkplatz.
»Und was zeigen denn die, die Linken? Die vermummen sich. Wo leben wir? Sagen Sie mir bitte, wo leben wir?«
Hannes Kreschel
»In Deutschland.«
»In Deutschland, ja.«
»Wir sind doch aber hier zum Familienfest und nicht über Programme zu reden. Die Programme können Sie im Internet nachlesen.«
Hannes Kreschel
»Aber es ist eine Wahlkampfveranstaltung?!«
Hannes Kreschel
»Was ist denn deutsche Kultur?«
»Deutsche Kultur, na ja, was soll ich Ihnen sagen? Es ist ja schwierig, dieses Thema zusammenzubekommen.«
Hannes Kreschel
»Was ist Deutsch? Wenn da steht, deutsche Kinder, deutsche Eltern, deutsche Mädchen, deutscher Brauch. Keine Ahnung, was das ist.«
»Na ja, wir schauen jetzt mal, wo der Herr Siegmund ist.«
Hannes Kreschel
»Vorführen ist nicht unser Ziel. Wir wollen mit den Leuten reden, aber ich habe einfach manchmal das Gefühl, die Leute führen sich halt auch selber vor. Ich bin davon überzeugt, was wir da machen. Ich glaube, das ist richtige und wichtige Arbeit. Und das kann man auch blöd finden.«
Wie blöd manche das finden, merkt Kreschel regelmäßig. Bei seiner Arbeit wird er oft bedroht und angegriffen. Seine Videos wirken sich auch auf sein Privatleben aus: Kreschels Vater ist AfD-Wähler und hat den Kontakt zu seinem Sohn eingestellt. Diesen Bruch macht Kreschel auch bei Instagram öffentlich.
Hannes Kreschel
»Mein Vater hatte von seinen AfD-Freunden regelmäßig meine Videos geschickt bekommen, so unter anderem auch dieses und er leitete mir dieses Video weiter mit dem Kommentar: Hast du einen Vollknall, du gestörter Freak? Nimm das aus dem Netz.«
Und auch in Merseburg dringt Kreschel offenbar nicht durch.
Reporter
»Hat er Sie denn überzeugt?«
»Mit was überzeugt?«
Reporter
»Das frage ich Sie.«
»Mich könnte keiner mehr, in meinem Leben, ich bin jetzt 65, könnte keiner mehr überzeugen. Nichts mehr. Für mich gibt es nur noch AfD.«
»Weil er nur gegen, sagen wir mal, gegen die AfD arbeitet oder gegen das deutsche Volk, sagen wir es mal so.«
»Also man kann natürlich auch, sage ich mal, dieses Wahlprogramm komplett umdrehen in die negative Seite, das machen wir aber nicht. Wir sehen alles positiv. Wir sehen auch die AfD positiv und ich habe auch mit der AfD kein Problem.«
Reporter
»Also hat er Sie nicht überzeugt?«
»Nee, nicht wirklich.«
Aktuellen Umfragen nach steht die AfD in Sachsen-Anhalt knapp vor einer absoluten Mehrheit. Kreschel möchte weitermachen – egal, wie die Wahl ausgeht.