Amerika und das Öldesaster: Der explodierte Mythos - DER SPIEGEL
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Amerika und das Öldesaster Der explodierte Mythos

Die US-Regierung will die Hintergründe der Ölpest im Golf von Mexiko strafrechtlich untersuchen - ändern wird das am Ende wenig: Das Desaster im Golf offenbar den Irrglauben an die Allmacht der Technologie und die Beherrschbarkeit ihrer Risiken.
Ölteppich im Golf von Mexiko: Die Katastrophe wird in Kauf genommen
Ölteppich im Golf von Mexiko: Die Katastrophe wird in Kauf genommen

Ölteppich im Golf von Mexiko: Die Katastrophe wird in Kauf genommen

Foto: Jae C. Hong/ AP
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Es war eine altbekannte Szene, ein Déjà-vu der Krisenchoreografie. Die obligatorischen Sternenbanner, das Pult mit dem Siegel, dahinter der hohe Regierungsvertreter, flankiert von grimmig blickenden Vasallen.

"Wir werden die Handlungen derer, die in die Ölpest verwickelt sind, gründlich untersuchen", las US-Justizminister Eric Holder vor den einbestellten Reportern vom Blatt. "Wenn wir Indizien für illegales Verhalten finden, wird unsere Reaktion äußerst entschieden sein."

Das jüngste Kapitel in der Ölkatastrophe am Golf von Mexiko ist überfällig - und vorhersehbar. Holders Auftritt am Dienstag im gebeutelten New Orleans verlief nach dem bewährten Drehbuch, das Washington bei solchen nationalen Dramen immer wieder aufschlägt.

Dazu gehört auch die Ansage des US-Präsidenten im Rosengarten des Weißen Hauses. "Es ist mein feierliches Gelöbnis", sprach Barack Obama nach einem Treffen mit den Co-Vorsitzenden seiner Untersuchungskommission zur Explosion der BP-Plattform "Deepwater Horizon", "dass wir die Verantwortlichen ihrer Strafe zuführen werden."

Das erinnert fatal an die politische Bewältigung der Finanzkrise: Nach dem unvermeidlichen Crash - und nur bedingt erfolgreicher Schadensbegrenzung - begannen die Schuldzuweisungen. Es folgten der Ruf nach dem Staat und dann die Wut auf den Staat. Dazu Kommissionen, Ausschüsse, das juristische Nachspiel. Großes Finale: der Schwur, so etwas nie, nie wieder zuzulassen.

Das Zeitalter der "Spillonomics"

Ob Offshore-Drilling, Atomtechnologie, Raumfahrt - oder der Handel mit Derivaten: Ein komplexes System, dessen Risiken nicht bis ins letzte Detail erforscht sind, bleibt immer ein Wagnis. Als die Atomkraft jung war, diskutierte die Gesellschaft noch über den GAU - den Größten Anzunehmenden Unfall. Waren die AKW gerüstet, diese Katastrophe zu bestehen? Das war die Frage, der sich die Ingenieure damals stellen mussten.

Heute regiert ein anderer Geist, und der Wirtschaftskolumnist David Leonhardt hat in einem Essay für das "New York Times Magazine" gar ein neues Zeitalter ausgerufen: Verhaltensweisen, wie sie in der Ölindustrie oder an den Finanzmärkten herrschen, seien eine Erscheinung der "Spillonomics", sagt Leonhardt in Anlehnung an den US-Bestseller "Freakonomics" über die Wirtschaftsmechanismen des Alltags aus dem Jahr 2005.

Frei übersetzt bedeutet "Spillonomics": "Katastrophenwirtschaft". Die Ölpest (oil spill) und andere Desaster werden in Kauf genommen. Zum einen, weil man die Risiken eben nicht kalkulieren kann, weil sich die X-Faktoren Natur, Zufall, Schlamperei, Betrug, Sabotage nicht berechnen lassen, selbst wenn man es wollte.

Zum anderen aber ist für Spill-Ökonomen alles nur eine Frage der Abwägung: Die Wahrscheinlichkeit, dass es zu einer Verkettung von Problemen kommt wie auf der "Bluewater Horizon" oder bei den Subprime-Krediten, wird als so gering eingeschätzt, dass man sich davon das Geschäft nicht verderben lässt.

Und so bohren Öl-Multis immer tiefer, bis es zum Flameout kommt; spekulieren Finanzjongleure immer wilder, bis Banken und ganze Volkswirtschaften in Existenznot geraten; fliegen Astronauten, bis ihr Space Shuttle als Feuerwerk am Himmel über Texas verglüht.

"Wann werden wir aufhören, so dumm zu sein?"

Nach der Katastrophe halten sie dann einen Moment lang inne. Regierungen verbieten vorübergehend das Offshore-Drilling, besteuern Bankerboni, stutzen der Nasa die Flügel. Doch wenig später geht das ganze Spiel von vorne los. "Wann werden wir aufhören, so dumm zu sein?", fragt der amerikanische Kolumnist Bob Herbert resigniert.

Alles ist machbar, so lautet ein amerikanisches Credo aus der Zeit der Pioniere. Doch der mythische Optimismus hat Schaden genommen in den letzten Wochen. "Für eine Nation, die nicht genug prahlen kann, wie toll und mächtig sie ist", klagt Herbert, "sind wir schockierend hilflos geworden."

"Deepwater Horizon" war die fortschrittlichste Bohrinsel ihrer Generation, ein Wunderwerk der Ingenieurskunst, sie galt als Triumph der Technologie über Risiken und Widrigkeiten. Sie war, was das Space Shuttle "Challenger" für die Raumfahrt war und das "Abacus 2007- AC1" für die Kreditjongleure der Wall Street.

Bis zum Desaster.

Lewis Platt, einer der ersten Vorstandschefs des Computergiganten Hewlett-Packard, hat sein Lebensmotto einmal so formuliert: "Risiko akzeptieren, Größe wagen." Man könnte das als den obersten Grundsatz der "Spillonomics" bezeichnen.

Die passende Antwort darauf hat schon Albert Einstein gehabt: "Die Definition von Wahnsinn ist, immer das gleiche zu tun - und andere Ergebnisse zu erwarten."