Friedensnobelpreis-Kandidaten: Dissidenten, Philosophen und Silvio Berlusconi - DER SPIEGEL
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Friedensnobelpreis: Viele Kandidaten, aber kein Favorit

Friedensnobelpreis-Kandidaten Dissidenten, Philosophen und Silvio Berlusconi

Nie zuvor in der Geschichte des Friedensnobelpreises hatte die Jury so viel Auswahl: 205 Kandidaten stehen auf der Liste der Anwärter. Doch selten war so ungewiss, wer am Freitag das Rennen macht. SPIEGEL ONLINE gibt einen Überblick über Stammkunden, Hoffnungsträger und Exoten.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Hamburg - Wer bekommt den Friedensnobelpreis 2009? Die EU vielleicht? Oder Helmut Kohl, der seit Jahren immer wieder nominiert wird? Oder Dissidenten aus China, Streubomben-Gegner, Friedensaktivisten? Das Nobel-Komitee lässt vor der Vergabe nichts nach außen dringen, so ist es Tradition.

In diesem Jahr stehen 205 Personen und Gruppen auf der Liste der Kandidaten, das immerhin gab die Jury bekannt. Noch nie zuvor musste das Komitee einen Gewinner aus so vielen Möglichkeiten wählen.

Wer auf der Liste steht, hat aber nicht automatisch eine ernsthafte Chance auf die Ehrung - und ist vor allem nicht zwangsläufig geeignet. Denn Vorschläge einreichen können bis jeweils 1. Februar eines Jahres ehemalige Nobelpreisträger, Parlamentsabgeordnete aus aller Welt und Universitätseinrichtungen. Das erklärt wohl auch, warum in der Geschichte des Friedensnobelpreises Menschen vorgeschlagen wurden, deren Nominierung aus heutiger Sicht vollkommen irrwitzig erscheint: Adolf Hitler etwa (ausgerechnet in dem Jahr, als Deutschland den Zweiten Weltkrieg begann, 1939), Benito Mussolini ebenso (1935), Josef Stalin sogar zweimal (1945 und 1948).

Die Entscheidung über die wohl renommierteste Auszeichnung der Welt trifft - im Gegensatz zu den anderen Nobelpreisen, bei denen ein schwedisches Gremium zuständig ist - ein vom norwegischen Parlament bestimmtes Komitee. Am Freitag um 11 Uhr geben die Juroren in Oslo ihre Wahl bekannt. Obwohl die Listen mit den Nominierten offiziell 50 Jahre lang gesperrt sind, werden vor der Vergabe des Preises immer wieder einzelne Namen und Gruppen bekannt, die vorgeschlagen sind.

SPIEGEL ONLINE gibt einen Überblick über Stammkunden und Expertentipps, Außenseiter und Exoten:

Stammkunden

Helmut Kohl ist wie jedes Jahr seit 1990 nominiert - für seine Verdienste um die Deutsche Einheit und das friedliche Ende des Kalten Krieges. Die Aussichten des 79-jährigen Altkanzlers sind jedoch recht gering. An der Spitze der Jury steht mit dem norwegischen Ex-Ministerpräsidenten Thorbjörn Jagland jemand, der in seinem ersten Amtsjahr einiges daransetzen dürfte, dass der Preis nicht mit der EU und europäischen Friedensbemühungen in Verbindung gesetzt werden kann. Jagland ist gerade erst zum Generalsekretär des Europarates gewählt worden und hat zudem schon öffentlich für eine Vergabe des Preises an die EU als "erfolgreiches Friedensprojekt" geworben. Deswegen war Jagland Befangenheit vorgeworfen worden. Der letzte Deutsche, der den Friedensnobelpreis bekam, war Willy Brandt 1971 - als damaliger Bundeskanzler.

Bono, mit bürgerlichem Namen Paul David Hewson, ist wie schon 2003 und 2005 unter den Kandidaten. Der Sänger der Band U2 ist damit der Einzige, dem es gelungen ist, für einen Oscar, einen Grammy, einen Golden Globe und den Friedensnobelpreis nominiert zu werden. Er engagiert sich seit 25 Jahren gegen Hunger und Kriege, so setzte er sich beim G-8-Gipfel in Genua 2000 für einen Schuldenerlass für die ärmsten Länder der Welt ein. Dieses Thema und speziell die Hilfe für Afrika verfolgt Bono, seit er 1984 ein Wohltätigkeitskonzert in Äthiopien gab und danach mit seiner Frau Alison Stewart noch mehrere Wochen in einem Flüchtlingscamp arbeitete.

Farc

Auch die kolumbianische Politikerin Ingrid Betancourt ist wieder nominiert. Im vergangenen Jahr freute sich die bekannteste Ex-Geisel der -Rebellen zu früh: Sie lud bereits vor der Vergabe des Preises zu einer Pressekonferenz in ein Pariser Luxushotel ein. Sogar eine Pressemitteilung war bereits fertig.

Expertentipps

Ein möglicher Kandidat wäre der chinesische Menschenrechtler und Regimekritiker Hu Jia, der vergangenes Jahr wegen "Anstiftung zum Umsturz" zu dreieinhalb Jahren Gefängnis verurteilt wurde.

Auch Wei Jingsheng käme in Frage, der für sein Drängen auf Reformen 17 Jahre in Haft saß. Heute lebt er in den USA. Schon 2008 gehörten chinesische Bürgerrechtler zu den aussichtsreichsten Kandidaten.

Tiananmen

Alleine die Vorstellung, Kritiker des Systems könnten ausgezeichnet werden, sorgte für Verärgerung bei Chinas Mächtigen. Das Osloer Komitee ist jedoch bekannt dafür, sich nicht unter Druck setzen zu lassen. So wurde 1989 nach dem -Massaker bereits der Dalai Lama ausgezeichnet. Damals hatte das chinesische Militär einen Volksaufstand in Peking gewaltsam niedergeschlagen - nach amtlichen chinesischen Angaben wurden dabei 241 Menschen getötet, Menschenrechtsorganisationen sprechen hingegen von mehreren tausend Opfern.

Zwanzig Jahre nach Tiananmen wäre ein Chinese durchaus ein würdiger Preisträger, sagt Dan Smith von der Londoner Friedensgruppe "International Alert". Der Osloer Friedensforscher Kristian Berg Harpviken tippt hingegen auf die Kolumbianerin Piedad Córdoba, die sich für Verhandlungen zwischen FARC-Rebellen und der Regierung in ihrem Land einsetzt.

Als weitere mögliche Preisträger nennt der Norweger Harpviken Sima Samar, die Vorsitzende der Menschenrechtskommission in Afghanistan und Uno-Sonderbeauftragte für Darfur, sowie den jordanischen Prinz Ghazi Bin Mohammed. Der Philosophieprofessor gilt als direkter Nachkomme des Propheten Mohammed und tritt für einen friedlichen Dialog zwischen Religionen und Kulturen ein.

Weitere Kandidaten sind die Koalition für das Verbot von Streubomben sowie Denis Mukwege, der Gründer des Panzi-Krankenhauses in der Demokratischen Republik Kongo, in dem bereits hunderttausenden Frauen geholfen wurde, die die Folgen sexueller Gewalt verkraften müssen.

Außenseiter, Macher und Exoten

Unter den Nominierten soll auch US-Präsident Barack Obama sein. Beobachtern gilt er allerdings erst für nächstes Jahr als möglicher Kandidat, weil bei seinem Abrüstungsaufruf vor der Uno im September die Vorschlagsfrist für 2009 schon abgelaufen war.

Auch der französische Staatschef Nicolas Sarkozy ist dabei. "Die namhaften Staats- und Regierungschefs werden eigentlich immer nominiert", sagt Geir Lundestad, der Chef des Nobelinstituts.

Italiens Staatschef Silvio Berlusconi findet sich allerdings ein wenig überraschend auf der Liste. Schließlich ist er weniger für internationale Friedensbemühungen bekannt. Seine Unterstützer sind zwar davon überzeugt, Berlusconi habe mit seiner Vermittlerrolle im Kaukasus-Konflikt im vergangenen Jahr den Dritten Weltkrieg verhindert. Zuletzt machte der Medientycoon vor allem mit seinem turbulenten Privatleben und eigentümlichem Rechtsverständnis von sich reden. Seine Chancen auf den Preis sind dementsprechend gering.

Außenseiterchancen werden Mordechai Vanunu eingeräumt. Der israelische Atomforscher saß nach einem Geheimprozess 18 Jahre in Haft, nachdem er in einem Interview mit der britischen "Sunday Times" das israelische Atomrüstungsprogramm bekanntgemacht hatte. Vanunu hat bereits den Alternativen Nobelpreis und den Friedenspreis des norwegischen Volkes erhalten.

Mit Material von AP, AFP und dpa