Künftiger irakischer Premier Abadi Mann der Diplomatie
Designierter Premier Abadi: Gilt im Stil als diplomatisch geschickt
Foto: HADI MIZBAN/ AFPDie großen Worte des neuen irakischen Präsidenten Fuad Masum sind keine Übertreibung. "Das Schicksal des Landes liegt in Ihren Händen", sagte er Haider al-Abadi, als er dem Schiiten auftrug, die nächste irakische Regierung zu bilden.
Alles steht dabei auf dem Spiel: Nur wenn es Abadi gelingt, die verschiedenen Parteien des Irak in einem Kabinett zusammenzubringen, bleibt ein wenig Hoffnung, dass sich der Zerfall des Landes noch aufhalten lässt.
Unter der achtjährigen Herrschaft von Premierminister Nuri al-Maliki hatten sich die irakischen Kurden, Sunniten und Schiiten immer weiter voneinander entfremdet. Schuld daran war Malikis autoritärer Herrschaftsstil, der vor allem die Schiiten bevorzugte. Wütend wandten sich viele Sunniten der islamistischen Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) zu und ziehen jetzt mit ihr gen Bagdad.
Auch Abadi ist ein schiitischer Islamist
Wie sein unglückseliger Vorgänger Maliki gehört der 1952 geborene Abadi der schiitisch-islamistischen Dawa-Partei an. Schon als junger Mann trat er ihr bei. Damals herrschte noch der sunnitische Diktator Saddam Hussein im Irak und die Partei Al-Dawa Al-Islamija musste aus dem Untergrund heraus agieren. Sie versuchte den bewaffneten Aufstand, unterstützt von Husseins Erzfeind, der schiitischen Islamischen Republik Iran.
Wie Maliki ging auch Abadi ins Exil, doch: Maliki lebte in den autoritären Staaten Syrien und Iran, wo er weiterhin im Untergrund arbeitete. Er wird als extrem misstrauische, fast schon als paranoide Persönlichkeit beschrieben. Möglicherweise hat er diesen Charakterzug in Jahrzehnten konspirativer Tätigkeit entwickelt. Rücksichtslos verfolgte er später im Irak seine Gegner, vor allem drängte er die Sunniten ins Abseits.
Dagegen ging Abadi nach England ins Exil, wo er 23 Jahre lang lebte. Er promovierte in Elektrotechnik und leitete ein Unternehmen, das Fahrstühle reparierte. Zwei von Abadis Brüdern ließ Saddam Hussein hinrichten. Erst nach dem US-Einmarsch und dem Sturz des Diktators konnten Maliki und Abadi in den Irak zurückkehren.
Im Vergleich zu Maliki gilt Abadi als geschickter
Anders als Maliki, der aus der Provinz stammt, gehört Abadi einer angesehenen Familie der Hauptstadt an. Das könnte ihm helfen, nun die verschiedenen politischen Eliten zusammenzubringen. Abadi gilt als ein Mann der Diplomatie.
In jedem Fall weiß er schon recht genau, was das Ausland von ihm als Premier hören will. Nur 15 Minuten traf Außenminister Frank-Walter Steinmeier ihn am vergangenen Samstag: In fließendem Englisch ratterte er, auf einem übergroßen, rot gepolsterten Barock-Sessel ruhend, seinen ambitionierten Plan für die kommenden Monate herunter: Er versprach eine Regierung, in der alle Religionen und Ethnien gleichberechtigt vertreten sein werden. Dazu sei er schon in Gesprächen.
Schon einmal hat Abadi ein Versöhnungswerk geschaffen: In der nordirakischen Stadt Tal Afar gewann er 2005 die sunnitischen Stämme als Verbündete für den Kampf gegen die irakische al-Qaida. Laut einer von dem Enthüllungsportal WikiLeaks veröffentlichten US-Diplomatendepesche leitete Abadi damals erfolgreich die Versöhnungsbemühungen Bagdads. Ursprünglich hatten sich die sunnitischen und schiitischen Notablen sogar geweigert, überhaupt miteinander zu sprechen. Doch Abadi gelang es vermittels Geldzahlungen und anderer Lockungen schließlich, eine Einigung herbeizuführen.
Heute jedoch - nach acht Jahren Maliki - sitzt das Misstrauen vieler Sunniten gegenüber Vertretern des schiitisch-islamistischen Establishments noch viel tiefer als damals.
Gebiete unter Kontrolle in Syrien und im Irak (Stand: 14. August)
Foto: DER SPIEGEL