Obamas Rache Fernsehspot verhöhnt McCain als Bussi-Promi und Wendehals
Hamburg - Die Musik ist wie für einen Star gemacht. Lässiger Swing. Dazu schreitet der Mann breit lächelnd durch Türen, schüttelt Hände, nimmt auf Talkshowsofas Platz. Es geht um John McCain - er ist der Hauptdarsteller eines neuen Fernsehspots. Veröffentlicht hat ihn gestern allerdings nicht sein eigenes Wahlkampfteam, sondern die Berater seines Kontrahenten Barack Obama.
Der Spot ist eine Antwort. In einem eigenen Werbefilmchen hatte McCain kürzlich einen Vergleich angestellt, der in Obamas Team offensichtlich nachhaltig Unruhe verursacht hat. Barack Obama sei ein Promi - aber eben nur ein Promi, hieß es in dem McCain-Spot. Ein Promi wie Paris Hilton oder Britney Spears. Ein Land wie die USA zu regieren, suggerierte der Film, dafür sei Obama denkbar ungeeignet.
Mit seiner Antwort hat sich Obama Zeit gelassen. Selbst die geschmähte Paris Hilton reagierte schneller und präsentierte einen eigenen Spot. McCains Berater mussten Hohn und Spott über sich ergehen lassen, ließen sich aber nicht beirren und schalteten eine zweite Kampagne. Darin ist Obama vor jubelnden Massen und auf den Titelseiten diverser Hochglanzmagazine zu sehen. "Er ist der bekannteste Promi der Welt - aber kann er auch ein Land führen?" - solche Zweifel an Obamas Kompetenz will der Republikaner nähren.
"Ein Promi aus Washington"
Nun, nach zwei Wochen Bedenkzeit und Vorbereitung, haben Obamas Berater sich augenscheinlich entschieden, die Vorwürfe nicht unwidersprochen zu lassen. Dabei herausgekommen ist der Spot "Embrace" - Umarmung, 31 Sekunden lang. Die Botschaft: Der wahre Promi ist der Republikaner McCain - und zwar im negativen Sinne.
Gleich vier Mal zeigt der Obama-Spot McCain in geradezu inniger Umarmung mit George W. Bush - eine Nähe, die für das Obama-Team das alte Washington symbolisiert und die alten Strukturen, die der Senator aus Illinois überwinden will. "Seit Jahrzehnten ist er Washingtons Promi Nummer eins", sagt eine Stimme aus dem Off. "Und als Washington ihn in die Arme schloss, kuschelte John McCain zurück." Bush und McCain fallen sich abermals in die Arme. Milliarden an Steuervergünstigungen habe der Politiker für Ölfirmen und die Pharmaindustrie herausgeschlagen - "aber fast nichts für Familien wie die Ihre", sagte der Sprecher.
In schneller Folge wechseln die Bilder, nach jedem Schnitt ist das Klicken eines Auslösers zu hören. McCain mit Bush, McCain mit Lobbyisten, McCain mit seinen Wahlkampfstrategen. Klick, klick, klick. "Mal taumelt er nach rechts, dann nach links, der alte Washingtoner Tanz, was immer gerade am besten passt" - dazu vollführt McCain seltsame Ausfallschritte. Der Auslöser klickt. Dann verkündet die Stimme aus dem Hintergrund: "John McCain. Ein Promi aus Washington, der die alten Washingtoner Spiele spielt."
Die Schlacht der Werbefilme zeigt, worum die beiden Rivalen seit Monaten kämpfen. Barack Obama müht sich, das Image des unerfahrenen Politneulings loszuwerden. Und John McCain will auf keinen Fall mit dem "alten Washington" in Verbindung gebracht werden. Viel lieber stellt er sich als republikanischen Außenseiter mit frischen Ideen dar.
Einen wunden Punkt getroffen?
Nun muss John McCain reagieren. Das Image des Hauptstadt-Hallodris, der sich opportunistisch mal nach rechts, mal nach links wendet und von alten Seilschaften, Lobbyisten und der Öl-Industrie profitiert, dürfte ihm gar nicht passen. Schließlich sind 85 Prozent der US-Bürger aktuellen Umfragen zufolge der Meinung, dass sich etwas an der Politik in Washington ändern muss. Der Eindruck, er sei politisch rückständig, kann für McCain bei der Präsidentschaftswahl im November über Sieg und Niederlage entscheiden.
McCains Wahlkampfstratege John Holt sieht den Obama-Spot als Zeichen dafür, dass man mit "dem Promi-Thema einen wunden Punkt getroffen" habe. Andernfalls hätte das gegnerische Team nicht auf die Vorwürfe reagiert, glaubt Holt.
McCain selbst entschloss sich allerdings spontan zunächst für eine zurückhaltende Linie. Bei einem Wahlkampftermin in der Stadt Erie im US-Bundesstaat Pennsylvania besuchte der 71-Jährige ein Werk, in dem Lokomotiven hergestellt werden. "Es müssen Reformen her, Reformen und noch mal Reformen", rief er den Arbeitern in der Werkshalle zu. Einer der Männer, vermeldet genüsslich die "Los Angeles Times", habe ein T-Shirt mit einem John-McCain-Aufdruck getragen. Auf diesen sei der Wahlkämpfer dann zugeeilt - und habe ihn in die Arme geschlossen. Ausgerechnet.
mit Material von AP