Tschechien Der wahre Vaclav
Der Mann versteht sich auf populäre Gesten: Beim Skilaufen im Riesengebirge wartet Vaclav Klaus wie ein ganz normaler Urlauber in der Schlange vor dem Lift. Er bringt auf dem Weg zur Arbeit auf der Prager Burg, dem Hradschin, seine Anzüge persönlich in die Wäscherei. Seinen Audi-Dienstwagen hat er gegen einen Skoda Superb aus tschechischer Produktion getauscht. Die Botschaft des tschechischen Präsidenten: Ich bin einer von euch. Ich bin der Präsident des ganzen Volkes.
Sein alter Gegenspieler und Amtsvorgänger scheint weniger bodenständig zu sein. Vaclav Havel, Dissident und Dramatiker, der vom Dezember 1989 bis zum Februar 2003 auf dem Präsidentenstuhl saß, rast inzwischen rastlos durch Europa. Er sammelt Ehrendoktorwürden wie andere Leute Briefmarken und hält sperrige Reden in den Vorlesesälen internationaler Universitäten.
In der tschechischen Politik schwindet sein Gewicht dramatisch. Und sein Nachfolger Klaus, ein Jahr nach seiner undurchsichtigen Wahl auf die Prager Burg zum beliebtesten Politiker avanciert, bringt Tschechien nun trotz des bevorstehenden EU-Eintritts gegen Europa in Stellung. Die beiden Männer tragen zwar den gleichen Vornamen, könnten ansonsten aber kaum unterschiedlicher sein. Vaclav, der Dichter, hielt sich möglichst raus aus dem politischen Tagesgeschäft.
Intellektueller contra Machttechniker
Er pflegte den intellektuellen Diskurs, traf sich gern mit Geistesgrößen oder Musikern. Kaum im Amt, lud er im Januar 1990 sein Idol Frank Zappa nach Prag ein. Als der Freund knapp drei Jahre später an Krebs starb, schrieb Havel in einem Nachruf: "Er war ein Star, so unerreichbar wie Velvet Underground oder Captain Beefheart." Von diesen Gruppen hat der promovierte Ökonom Vaclav Klaus vermutlich noch nie gehört. Klaus, der neue Präsident, gilt als gewiefter Machttechniker. Kurz vor dem Zusammenbruch des sowjetischen Imperiums, im Jahre 1989, schloss sich Klaus der Bürgerbewegung an. Er wurde zum Ministerpräsidenten gewählt und leitete 1992 mit seinem slowakischen Gegenüber, dem Halbdikatoren Vladimir Meciar, die Teilung der Tschechoslowakei in die Wege - ein Schritt, den ihm der allen Nationalismen abgeneigte Humanist Havel nie verziehen hat. Doch 1997 stürzte Klaus. Seine bürgerlich-liberale Koalition zerbrach, eine Finanzaffäre seiner Partei ODS belastete ihn außerdem.
Trotzdem ließ sich Klaus die Fäden der Macht nicht aus der Hand nehmen. Mit seinem sozialdemokratischen Gegenspieler und Männerfreund Milos Zeman schloss er den berüchtigten Oppositionsvertrag. Der Deal sah vor, dass sich Zemans Minderheitskabinett von der ODS tolerieren lassen sollte.
Eine sehr komfortable Situation: Klaus konnte so mitbestimmen, ohne dass ihm die Politik der Regierung in der Öffentlichkeit negativ angerechnet werden konnte. Dieses unübersichtliche Machtgefüge - so sagt der Prager Politologe Jiri Pehe - habe eine Kultur des "eine Hand wäscht die andere" befestigt, die die Prager Politik bis heute prägt - und der Klaus seine Wahl zum Präsidenten verdankt.
Ihm war es in den drei Wahlgängen von Parlament und Senat vor einem Jahr völlig überraschend gelungen, eine Mehrheit von Abgeordneten hinter sich zu bringen, obwohl er nach den verlorenen Parlamentswahlen als Außenseiter gestartet war. Sogar kommunistische Abgeordnete stimmten für den bürgerlichen Politiker.
Klaus versteht es, die "Kommunistische Partei Böhmens und Mährens" für seine Zwecke einzuspannen. Havel hatte die kaum gewendete Truppe immer bekämpft, jeden Dialog abgelehnt. Mehr als zehn Jahre lang hielt er das politische Erbe der Dissidenten hoch: Zivilcourage, Unbeugsamkeit gegenüber den kommunistischen Menschenrechtsverletzern und ihren politischen Nachfolgern. Damit hatte der Dichterpräsident einerseits einen klaren Neuanfang der tschechischen Gesellschaft garantiert. Andererseits - so empfanden es viele - hatte Havel aber auch immer wieder Gräben aufgerissen und das Land polarisiert.
Paradigmenwechsel in Prag
Sein Nachfolger Klaus will die Tschechen nun zu einem Volk zusammenschweißen. Nicht die Dissidenten hätten das alte Regime beseitigt, deutet Klaus die Geschichte um, sondern der "Durchschnittsbürger" im Bummelstreik hätte 1989 die "samtene Revolution" ermöglicht, also auch Kommunisten. Die Erben des alten Regimes ernteten bei den letzten Wahlen immerhin noch 18,5 Prozent der Stimmen. "Die Zeit der Niedergeschlagenheit ist vorbei", frohlockte Vize-KSCM-Chef Miroslav Ransdorf.
Für Klaus, der sich gerne als Thatcher-Bewunderer bezeichnet, müssten die Kommunisten eigentlich ein Greuel sein. Doch ist er - anders als Havel - auch ein Nationalist. Eine ideologisch zerrissene Gesellschaft ist für ihn schwer zu ertragen. Eine aufgewertete KP nützt ihm zudem. Je stärker die Kommunisten, desto schlechter schneiden seine wahren Kontrahenten ab, die Sozialdemokraten unter Ministerpräsident Vladimir Spidla. Zumal diese derzeit ein äußerst unpopuläres Sparprogramm durchsetzen müssen.
Anstatt wie einst Havel seine Landsleute von den Höhen des Hradschin mit Moralpredigten zu behelligen, sagt Klaus ihnen, was sie hören wollen: Zum Beispiel, dass ein neuer Dialog mit den Deutschen über die Vertreibungen unnötig ist. Auch mit seinen Ausfällen gegen die Amerikaner beweist Klaus ein feines Gespür für die Vox populi. Schließlich war auch in Tschechien eine Mehrheit der Bevölkerung immer gegen den Irak-Krieg. Während Nachbarländer wie Polen um die Einrichtung von US-Basen auf ihrem Territorium geradezu betteln, lehnt Klaus solche Stützpunkte ab. Auch schwadronierte er, die USA hätten mögliche Massenvernichtungswaffen im Irak gut und gerne selber platziert haben können, um ihren Feldzug zur rechtfertigen.
Havel dagegen hatte sogar noch in seinen letzten Amtstagen stur zu den USA gehalten und selbst gegen den Widerstand der tschechischen Regierung im Januar 2003 den so genannten Brief der Acht unterzeichnet - jene Solidaritätsaddresse von acht EU-Länder aus Donald Rumsfelds "Neuem Europa" an George W. Bush vor dem Irak-Krieg.
Populismus im Zweireiher
Klaus geht es um die Macht, er will in die Geschichtsbücher eingehen, sagen Kenner der Prager Polit-Szene. Dieses Ziel verfolgt er mit allen Mitteln. Er gilt als arrogant, humorlos und herablassend. Klaus hat als erstes Nicht-Parteimitglied unter den Kommunisten in Ökonomie seinen Doktor geschrieben. Seither geriert er sich als der einzig wirkliche Marktwirtschaftler im ehemaligen Ostblock. Wer nicht seiner Meinung ist, den hält er für einen Trottel. Journalisten mit kritischen Fragen empfindet er als Störer, Kritik als Beleidigung.
Als tschechische Medien im vergangenen Sommer räsonierten, Klaus Amtsführung sei viel schlechter für Tschechiens Außenwirkung als die seines Amtsvorgängers, schäumte Klaus vor Wut. Der "Herr Präsident würde personelle Veränderungen begrüßen", ließ seine Presseabteilung die Nachrichtenagentur CTK brieflich wissen. Doch Klaus schwingt nicht nur die Keule, er versteht es durchaus, das Florett zu führen: Vor allem in der EU-Frage schafft er einen spektakulären Spagat. Er macht sich zum Sprecher der Bedenkenträger, ohne aber die Wohlstandserwartung, die viele Tschechen trotz aller Ängste insgeheim doch haben, zu frustrieren. Klaus müht sich, nicht den polternder EU-Gegner vom Schlage zum Beispiel des polnischen Bauernführers Lepper zu geben. Deshalb nennt er pflichtschuldigst die Integration "auch eine große Chance".
Kürzlich bedauerte Klaus nach einem Treffen der so genannten Visegrad-Gruppe aus Polen, Ungarn, der Slowakei und Tschechien, öffentlich, dass sein Land sich im Streit über die europäische Verfassung nicht auf die Seite Polens gestellt hatte. Warschau hatte Mitte Dezember zum Scheitern des Brüssler EU-Gipfels beigetragen, weil es auf das in Nizza festgelegte hohe Stimmgewicht bestanden hatte, und das von Deutschen und Franzosen favorisierte Modell der doppelten Mehrheit abgelehnt hatte. "Die Position unserer Gruppe wurde geschwächt", sagte Klaus an die Adresse der tschechischen Regierung. Das Nizza-Modell der Stimmverteilung würde der ganzen Visegrad-Gruppe nützen, und Tschechien "zu hundert Prozent".
Auf jeden Fall hat Klaus' Populismus im staatstragenden Zweireiher Erfolg: 69 Prozent aller Tschechen vertrauen ihm heute. Und es stört offenbar niemanden, dass Skoda längst zum VW-Konzern gehört und Klaus neuer tschechischer Dienstwagen voller deutscher Technik steckt.