Best of Spitzengespräch 2024 »Es lohnt sich zu leben, es lohnt sich zu kämpfen«
Markus Feldenkirchen, DER SPIEGEL: 2024 war ein ereignisreiches und bewegendes Jahr. Auch hier im Spitzengespräch. Mit Gästen, die mich beeindruckt haben. Mit Momenten, die mir unter die Haut gegangen sind, und mit einem wirklich skurrilen Schauspiel rund um das Ampel-Aus. Hier sind einige Highlights aus dem zurückliegenden Jahr.
Markus Feldenkirchen: Ich habe mal eine Frage. Warum sind Sie eigentlich so? So stark, so kompromisslos, aber auch so stur?
Claus Weselsky, früherer GDL-Chef: Ich bin nicht stur. Absolut nicht. Aber ich bin konsequent. Und Konsequenz heißt, dass, wenn ich eine Sache für richtig erachte und meine Mitglieder mir den Auftrag erteilen, dann habe ich dieses auch umzusetzen. Und da kann ich nicht mittendrin aufhören, bloß weil die öffentliche Meinung womöglich negativ ist.
Markus Feldenkirchen: Wir haben hier eine schöne Strecke aufgebaut. Sie lachen. Der Hut würde jetzt sehr gut passen. Also für Ihr Comeback als Lokführer. Wir haben hier ein paar Bahnhöfe, zum Beispiel Wolfsburg.
Claus Weselsky: Was ist das?
Markus Feldenkirchen: Das ist der Berliner Hauptbahnhof. Können Sie jetzt nicht sehen. Sie müssten hier oben den kleinen Schalter bewegen, und schon geht es los.
Claus Weselsky: Dann setze ich natürlich die Mütze dazu auf.
Markus Feldenkirchen: Wenn Sie nach vorne drücken, hier diesen kleinen Schalter, dann fährt Ihre Lokomotive schon los. Und wir sehen, es ist eigentlich…
Claus Weselsky: CWE, herrlich!
Markus Feldenkirchen: Sie müssen schon aufpassen. Wir haben plötzlich Tiere auf der Fahrbahn.
Claus Weselsky: Ich habe es gesehen.
Markus Feldenkirchen: Machen Sie was!
Claus Weselsky: Dann mache ich einfach eine Schnellbremsung, wenn ich sie sehe, und bleibe dort stehen und halte rechtzeitig.
Markus Feldenkirchen: Nehmen Sie doch endlich mal die Tiere vom Gleis, Herr Weselsky.
Claus Weselsky: Also, ich muss Ihnen ganz ehrlich sagen, heute ist das so geregelt. Der Lokführer stieg früher ab und hat die Tiere vom Gleis gejagt. Heute steigt der nicht mehr ab, weil er es nicht darf.
Markus Feldenkirchen: Okay.
Claus Weselsky: Der wartet auf jemanden, der die Tiere vom Gleis holt, Herr Feldenkirchen. Und da wäre ich Ihnen dankbar, wenn Sie das machen würden.
Markus Feldenkirchen: Okay, dann mache ich das halt. Sie sind ein bequemer Lokführer geworden. Jetzt drücken Sie mal wieder auf Fahrt.
Claus Weselsky: Jetzt wartet der Lokführer eigentlich auf seine Information: freies Signal, dass die Strecke frei ist. Dann kann er erst wieder fahren.
Markus Feldenkirchen: Lieber Lokführer, die Strecke ist frei. Sie können wieder fahren!
Claus Weselsky: Danke schön, Kollege. Dann setzen wir uns wieder in Bewegung.
Markus Feldenkirchen: Seit Ihrer Rückkehr nach Deutschland, nach Berlin, Frau Friedländer, haben Sie unzählige Schulen besucht, vor Tausenden Schülern über Ihr bewegtes Leben gesprochen. Was ist es, das Sie den Kindern mit auf den Weg geben wollen?
Margot Friedländer, Holocaustüberlebende: Ihr sollt Zeitzeugen sein, die wir nicht mehr lange sein können. Es ist in eurer Hand, dass das nie wieder geschieht, was gewesen ist.
Markus Feldenkirchen: Haben Sie Sorge, Frau Friedländer, dass es wieder geschehen kann?
Margot Friedländer: Es kann geschehen. Man sieht ja jetzt, was gewesen ist. So hat es damals auch angefangen. Es darf nicht. Es ist für euch, für eure Zukunft, für die eurer Kinder und für die Demokratie.
Markus Feldenkirchen: Was ist es, was Sie heute beobachten, wie es damals auch angefangen hat?
Margot Friedländer: Der Hass ist jetzt wieder laut geworden, der damals aufgestachelt wurde. Was ist es? Es sind Menschen, die Menschen nicht anerkennen als Menschen. Und ihr seid alle gleich. Wir werden alle auf dieselbe Art und Weise geboren. Es gibt kein christliches, muslimisches, jüdisches Blut. Es gibt nur menschliches Blut. Wir sind Menschen. Und das ist, was ich euch sage. Respektiert Menschen!
Markus Feldenkirchen: Als Sie 1990 als Trainer beim 1. FC Köln, sagen wir mal, unsanft rausgeworfen wurden, damals haben Sie gesagt, ich zitiere Sie: »Sollte ich jemals Krebs bekommen, dann wegen dieses Rauswurfs.« Sie haben es selbst öffentlich gemacht. Seit zwei Jahren leiden Sie an Lungenkrebs. Wie blicken Sie heute auf diese Aussage von Ihnen von damals?
Christoph Daum, früherer Fußballtrainer: Ja, irgendwie steckt in mir ein Hellseher. Ne, scheiße! Hätt ich besser nicht gemacht, muss ich sagen. Dass das jetzt eingetreten ist, bin ich überhaupt nicht stolz darauf. Generell kann ich nur sagen, eine Krebsdiagnose hat heute seinen Todesschrecken verloren. Die Krebsdiagnose oder die Therapien, die ganzen Behandlungen haben sich unheimlich verbessert. Das ist wie bei den Mobiltelefonen, alle zwei Jahre haben die neue Erkenntnisse. Und ich kann nur allen zurufen: Es lohnt sich zu leben. Es lohnt sich zu kämpfen. Ich mach’s. Ich habe es jetzt auch schon fast drei Jahre geschafft, und andere schaffen das auch.
Markus Feldenkirchen: Inwiefern helfen bei diesem Kampfgeist, Ihre Ärzte sagen auch, Sie seien eine Kämpfernatur, inwiefern helfen da vielleicht auch die beruflichen Erfahrungen, die Sie gemacht haben?
Christoph Daum: Total. Früher war der Gegner auf der anderen Seite. Jetzt ist er bei mir drin. Jetzt muss ich den Drecksack, der bei mir im Körper ist, bekämpfen und besiegen. Und da arbeite ich dran. Es ist ein etwas schwierigerer Kampf.
Markus Feldenkirchen: Frau Lang, Sie haben etwas für die deutsche Politik zuletzt immer Ungeheuerlicheres gerade gemacht. Sie haben Ihren freiwilligen Rückzug verkündet, und ich muss sagen, ich erlebe Sie seither ganz anders. Sie reden anders. Ich habe das vorher schon gesagt. Was geht gerade vor in Ihnen und warum waren Sie vorher offenkundig weniger bei sich selbst gewesen?
Ricarda Lang, frühere Grünenchefin: Ich glaube, was mich total belastet hat, ist dieses Gefühl, immer einen Plan haben zu müssen. Ich weiß gar nicht, wie sehr ich mir das vielleicht auch selbst eingeredet habe. Im Nachhinein fragt man sich: Hätte ich nicht auch davor ehrlicher sein können? Aber man hat schon so ein Befreiungsmoment, weil man irgendwie ja Teil auch manchmal von einem Theaterstück ist. Und ich habe nicht den Weg rausgefunden. Ich hatte da ein Beispiel, und das war dieser Wahlabend von Brandenburg. Ich stehe im ARD-Hauptstadtstudio in einem Interview und werde gefragt: »Frau Lang, die Folge aus diesem Wahlergebnis: Ist das jetzt mehr Beinfreiheit für Robert Habeck?« Und ich stehe da, denke, wollt ihr mich verarschen. Was ist das denn für eine Frage, ob aus einer wirklich für die Demokratie krisenhaften Situation die Folge mehr Beinfreiheit ist? Und ich hatte in dem Moment aber nicht die Kraft zu sagen: Sorry, das ist kompletter Unsinn, über den wir hier reden. Sondern habe eine fadenscheinige Antwort darauf gegeben. Ich habe irgendein Gelaber da hingerotzt, und ich glaube, das ist eine Freiheit, das nicht mehr tun zu müssen. Vielleicht sollte man es auch im Amt mehr tun.
Markus Feldenkirchen: Lassen Sie uns zu Beginn mit ein paar Gerüchten aufräumen, dass eben unterstellt wird, am 9. März sei das Datum für Neuwahlen und bei Ihnen in der FDP oder in der Führung zumindest schon beschlossene Sache.
Christian Lindner, FDP-Chef: Ach, das ist unernst, Herr Feldenkirchen. Also, ich mag solcherlei Gerüchte ungern kommentieren.
Markus Feldenkirchen: Dass Sie es darauf anlegen, von Olaf Scholz rausgeschmissen zu werden, ist eine weitere Erzählung. Was entgegnen Sie darauf?
Christian Lindner: Ich sage Ihnen noch einmal. Ich stehe für solche spielerischen Sachen, bei allem Verständnis für jede Frage, ungern zur Verfügung, weil ich auch selber keine Freude daran habe. Wir sind in einer ernsten Situation in unserem Land. Ich finde, dass es auch eine Aufgabe für den politischen Journalismus ist, die Ernsthaftigkeit durch Debatten zu begleiten, die argumentativ sind, und nicht mit oberflächlichen Gerüchten von ein paar Leuten in Berlin-Mitte, die sich nicht für Inhalte interessieren wollen und deshalb nur solche Metadebatten führen.
Markus Feldenkirchen: Empfinden Sie das als bösartig, wenn so was in Umlauf gebracht wird?
Christian Lindner: Nein, aber das ist eine Form von Umgang in Berlin-Mitte, von der ich annehme, dass Millionen Menschen in Deutschland das Vertrauen verlieren, sowohl in die Medien als auch in die Politik, weil sie das Gefühl haben, die beschäftigen sich nur mit sich selbst, mit Gerüchten. Journalisten schreiben für Journalisten. Wer hat das spannendste Gerücht anzubieten? Und ich glaube, dass darüber auch der Kontakt zum Publikum verloren geht. Und ich möchte mich daran jedenfalls nicht beteiligen.
Markus Feldenkirchen: Wie gesagt, das war sechs Tage vor dem Ende. Am selben Abend ist dieses im Wirtschaftspapier von Christian Lindner herausgekommen. Was glauben Sie zu diesem Zeitpunkt, war er da entschlossen, ein Ende der Ampel herbeizuführen?
Volker Wissing, Bundesverkehrsminister: Dazu möchte ich mich nicht äußern.
Markus Feldenkirchen: Weil Sie es wissen, aber sagen, es ist besser, das nicht öffentlich zu sagen?
Volker Wissing: So kann man es vielleicht formulieren. Ich will jedenfalls nicht Dinge, die intern besprochen worden sind, öffentlich kommentieren, weil es einfach sich nicht gehört. Und es ist auch nicht meine Rolle. Es ist nicht meine Aufgabe, es ist auch nicht mein Ziel. Die Dinge, die besprochen worden sind zu der Zeit, in der ich in Verantwortung in der Partei war, die möchte ich jetzt auch weiterhin vertraulich behandeln, weil das auch eine Frage von Fairness ist.
Markus Feldenkirchen: Ampel verlassen, ja oder nein?
Christian Lindner: Ich danke Ihnen für das Gespräch!
Markus Feldenkirchen: Ich möchte mich zum Abschluss dieses Jahres bei Ihnen bedanken. Bei Millionen Zuschauerinnen und Zuschauern, die unserem Spitzengespräch treu sind. Ich wünsche Ihnen einen guten Start ins neue Jahr. Bleiben Sie heiter, so gut es geht. Und bis bald.