Demonstranten:
»Buh, Buh, buh.«
Ruppiger Empfang für Christian Lindner in Bremen.
Christian Lindner, FDP-Spitzenkandidat:
»Manche haben aber das Bürgergeld als eine Form des bedingungslosen Grundeinkommens missverstanden. Und das ist es nicht. Ist es nicht.«
Birgit Großekathöfer, DER SPIEGEL:
»Was regt Sie denn so auf?«
Demonstrantin:
»Wir zahlen über 50 Prozent unseres Einkommens für Lebensunterhalt. Das geht doch nicht.«
Birgit Großekathöfer, DER SPIEGEL:
»Was regt Sie denn so auf?«
Demonstrantin:
»Dass der sich hier noch hintraut, der ist ein Verbrecher. Er hat doch gar keine Daseinsberechtigung in der Politik. Ich finde das ein Unding. Dass die Leute noch applaudieren, wie blöd sind die denn?!«
Eine Stunde zuvor: Noch ist es ruhig auf dem Marktplatz in Bremen – und eisig kalt.
Aydogan Tas, FDP-Mitglied:
»Ich bin es eigentlich gewohnt, den Wahlkampf im Sommer zu führen. Ist zwar ein bisschen umständlich, aber dennoch sehr wichtig, den Wahlkampf zu machen. Wichtiger denn je.«
Birgit Großekathöfer, DER SPIEGEL:
»Was haben Sie denn da in der Hand?«
Aydogan Tas, FDP-Mitglied:
»Einen Handwärmer. Sehr praktisch und ich bin auch sehr glücklich darüber. Ich sag’ mal so, ohne die Dinger wäre ich aufgeschmissen.«
Eiskratzer – auch das Geschenksortiment wurde an den Winterwahlkampf angepasst. Gleich tritt hier der FDP-Chef und Ex-Finanzminister auf. Seit dem Ampelbruch liegt Christian Lindners Partei am Boden. Der Überlebenskampf der Liberalen – interessiert hier kaum.
Frau:
»Ist heute hier irgendetwas los?«
Birgit Großekathöfer, DER SPIEGEL:
»Der Herr Lindner kommt.«
Frau:
»Na dann.«
Viele sind nicht gut auf Christian Lindner zu sprechen.
Birgit Großekathöfer, DER SPIEGEL:
»Was halten Sie denn von ihm?«
Mann:
»Nichts. Das ist ein Blödmann.«
Mann:
»Wie er auf Bürgergeldempfängern rumhackt, es gibt ja auch einige, die wirklich nicht arbeiten können, krank sind, alt sind, und das so pauschalisiert und darstellt, dass das alles Drückeberger sind, das ist ein Unding.«
Frau:
»Unsoziale Schweine!«
Manche machen ihrem Unmut lautstark Luft.
Birgit Großekathöfer, DER SPIEGEL:
»Worüber regen Sie sich auf?«
Frau:
»Dass die FDP überhaupt hier ist. Ich möchte die nicht hierhaben. In Bremen wählt die eh keiner. Sorry, aber ich kann da meine Gefühle nicht so richtig zurückhalten, wenn ich so etwas sehe: überall dieses Gesicht von Christian Lindner und was da draufsteht. Das ist unsoziale Kapitalistenscheiße! Es geht halt überhaupt nicht um Menschen, es geht nicht um soziale Gerechtigkeit, null, es geht nur um Unternehmen und Konzerne und so weiter.«
Ankunft Christian Lindner, leicht verspätet. Es ist bereits sein zweiter Wahlkampfauftritt heute.
Birgit Großekathöfer, DER SPIEGEL:
»Wir kommen vom SPIEGEL. Herr Lindner, wie geht es Ihnen heute?«
Christian Lindner, FDP-Spitzenkandidat:
»Mir geht es sehr gut. Viel Rückenwind, gerade in Lüneburg schon: Am Montagmorgen, vormittags, volles Haus, das habe ich so noch nicht erlebt. Ist ermutigend.«
Sonderlich viel Rückenwind bekommt er in Bremen nicht. Sogar seine Parteifreunde übersehen ihn zunächst.
Bettina Schiller, FDP Bremen:
»Sie können hier gleich Christian Lindner begrüßen, er hat sich ein bisschen verspätet. Ach, da ist er. Christian, da bist du ja. Herzlich willkommen in Bremen. Ich freu mich.«
Rund 200 Menschen sind gekommen, darunter eine Gruppe, die hartnäckig stört. Christian Lindner kennt so etwas.
Demonstranten:
»Buh, buh, buh!«
Christian Lindner, FDP-Spitzenkandidat:
»Euch muss ich sagen…«
Demonstrant:
»Geh arbeiten!«
Christian Lindner, FDP-Spitzenkandidat:
»Ihr unterliegt einem Missverständnis. Spitzenleistung ist nichts, was man wo beantragt. Spitzenleistung ist etwas, was man erbringt. Und zwar selbst.«
Demonstrant:
»Komm, zeig uns, was Spitzenleistung ist.«
Demonstrantin:
»Der macht hier Politik für die obersten ein Prozent, für die Reichen. Und wir hier gerade in Bremen, hier sind super viele Leute, die einfach sozial abgehängt sind, die in sozialen Einrichtungen wohnen, und um uns wird sich nicht gekümmert. Für uns bleiben ein paar Cent über, wenn überhaupt. Das geht so nicht.«
Birgit Großekathöfer, DER SPIEGEL:
»Herr Lindner, Sie sind gerade ausgebuht worden, letzte Woche die Torte – wie wollen Sie Vertrauen zurückgewinnen, das Sie verloren haben?«
Christian Lindner, FDP-Spitzenkandidat:
»Entschuldigung, die Linken dort, die Autonomen, die Vertreter der Linkspartei und der Grünen Jugend, bei denen hatte ich noch nie Vertrauen. Wenn Linke gegen die FDP und mich demonstrieren, dann ist das nur ein Zeichen: Die FDP ist eine Partei der Mitte.«
Am Ende nimmt sich Christian Lindner noch Zeit für seine Fans. Aber auch seine Gegner können sich noch nicht von dem FDP-Politiker lösen.
Mann:
»Fahr nach Hause!«
Christian Lindner, FDP-Spitzenkandidat:
»Sie sind ja auch noch da.«
Mann:
»Fahr nach Hause!«
Christian Lindner, FDP-Spitzenkandidat:
»Nee, nee. Wir bleiben noch ein bisschen.«
Mann:
»Schmutz!«
In zwei Stunden hat Christian Lindner den nächsten Termin.