AKW-Demontage Strahlend sauberer Schrott
Stade - In gelber Unterwäsche und mintgrünen Gummischlappen stellen sich die Männer dem Unvermeidlichen. Einer nach dem anderen verschwindet in einer Kabine, die Wände sind mit metallisch glänzender Folie ausgekleidet. "Näher kommen!", befiehlt eine Frauenstimme. "Zehn, neun, acht, sieben, sechs", schnarrt die Stimme aus dem Lautsprecher, "fünf, vier, drei, zwei, eins, null." Unwesentlich freundlicher fährt sie fort: "Bitte umdrehen! Rückenmessung. Bitte Hände einlegen!" Sie zählt erneut von zehn abwärts. Dann verkündet sie teilnahmslos die gute Nachricht: "Keine Kontamination. Bitte durchgehen."
Mittagszeit im Kernkraftwerk Stade, die Arbeiter strömen aus dem nuklearen Kontrollbereich in Richtung Kantine. Sie nicken einander zu: "Mahlzeit" - "Mahlzeit". Es gibt Suppe, Bohnenpfanne und Quarkspeise.
Kernkraftwerk Stade am letzten Betriebstag am 14. November 2003
Foto: REUTERSDie letzte reguläre Schicht ging in Stade eigentlich schon vor fünf Jahren in den Feierabend: Am 14. November 2003 hat Betreiber E.on das Kraftwerk an der Elbe abgeschaltet - aus wirtschaftlichen Gründen. Die Anlage, die 1972 ans Netz ging, leistete zu wenig und kostete zu viel. Wenig später wäre aber ohnehin Schluss gewesen. Die im Vertrag zum Atomausstieg von 2000 festgelegte Reststrommenge hätte vermutlich noch ein Jahr länger gereicht. Rot-Grün forcierte damals den Ausstieg aus der Kernenergie, die Große Koalition klammerte das Thema zunächst erst einmal aus.
Heute arbeiten in Stade noch immer 450 Menschen, und das wird auch bis 2014 so bleiben, denn das Zerlegen der Anlage mitsamt ihrem Atomschrott ist extrem aufwendig und zeitraubend. Erst zwei Anlagen - in Großwelzheim und Niederaichbach, beide in Bayern - sind schon komplett abgebaut. Bundesweit werden derzeit 13 weitere Atomkraftwerke wie Stade in ihre Einzelteile zerlegt.
Dabei ist nur ein Drittel der Belegschaft mit der Demontage des Werks und der Dekontamination der Einzelteile befasst. Rund hundert weitere Mitarbeiter sind für den Strahlenschutz und die Durchführung der Messverfahren zuständig. Die restlichen hundert kümmern sich ausschließlich darum, den Betrieb des Gebäudes aufrecht zu erhalten - mit Lüftung, Filteranlagen und Beleuchtung.
330.000 Tonnen Kraftwerk in kleinen Stücke
Wer im nuklearen Kontrollbereich unterhalb der Reaktorkuppel arbeitet, muss strenge Auflagen beachten. Die Bekleidung ist bis auf die Unterwäsche vorgeschrieben und muss am Eingang gewechselt werden, damit die Mitarbeiter keine Strahlung "verschleppen". In einigen Bereichen sind rote, in anderen gelbe oder grüne Überzieher über die Schuhe zu stülpen - je nach Grad der Kontamination.
Jeder muss ein Dosimeter bei sich tragen, ein Strahlenmessgerät in der Größe eines Feuerzeugs, das bei erhöhten Werten fiept. Am Ende des Arbeitstages wird das Gerät abgelesen, die Werte werden in den Strahlenpass eingetragen. Über Jahre hinweg lässt sich so die Strahlenbelastung jedes Kollegen nachvollziehen. Gesetzlich erlaubt ist pro Jahr eine Belastung von 1000 Mikro-Sievert. Ein einmaliger Besuch schlage mit maximal zehn Mikro-Sievert zu Buche, heißt es in den Strahlenschutzrichtlinien - bei einem Flug von Hamburg nach Mallorca bekommt ein Passagier inetwa ebenso viel an natürlicher Strahlung ab.
Nicht zuletzt wegen der rigiden Sicherheitsvorschriften nimmt der Abbau des Stader Kernkraftwerks viele Jahre in Anspruch. Vor fast fünf Jahren hat der Rückbau begonnen - und er wird noch mindestens ebenso lange andauern. "Wir zerlegen ja auch ein ganzes Atomkraftwerk in Teile von Backblechgröße", sagt Michael Bächler, technischer Leiter und somit Herr über die Relikte des Stader Kernkraftwerks. 330.000 Tonnen Metall, Beton und andere Materialien in kleinen Stückchen. Jedes einzelne Bauteil, jeder Stahlträger, jedes Rohr, jedes Schräubchen durchläuft einen akribischen mehrstufigen Prozess.
Steckbrief Kernkraftwerk Stade
| Inbetriebnahme | Januar 1972, als zweites kommerziell betriebenes Atomkraftwerk Deutschlands |
|---|---|
| zusätzlicher Fernwärmebetrieb | seit 1984 |
| Abschaltung | November 2003 |
| Ende des Rückbaus | vermutlich Ende 2014 |
| Anzahl der Brennelemente | 157 |
| Anzahl der Dampferzeuger | 4 |
| Nettoleistung | 630 Megawatt |
| größerer Störfall | August 2002: Nach einem Kurzschluss in der Schaltanlage funktionieren wichtige Sicherheitseinrichtungen nicht mehr. Die Schalttafel brennt. Das Kernkraftwerk wird für drei Wochen abgeschaltet. |
| Gesamtgewicht der Rückbaumasse | 330.000 Tonnen |
| davon radioaktiver Abfall | 3036 Tonnen |
| Fertigstellung des Zwischenlagers | Mitte 2007 |
| Betriebsgenehmigung | bis 2045 |
Die schwach kontaminierten Rohrleitungen etwa, die 285 Grad heißen Dampf durch die Wand der Reaktorkuppel zu den Turbinen im Maschinenhaus leiteten, werden in neun Einzelschritten zerlegt und gesäubert: chemische Reinigung von innen, Entfernen und Säubern von Blechen und Isolierwolle, eine erste Strahlenmessung, Zerteilen des eigentlichen Rohrs in kleine Stücke, die nicht länger als 80 Zentimeter sein dürfen.
Dann folgt die nächste Station, die sogenannte Nass-Dekont, wo das Rohr mit heißer Waschlösung aus einem Hochdruckreiniger behandelt wird. Eine Bandsäge schneidet das Rohr der Länge nach auf, dann geht es in eine Trockenstrahlanlage: Winzige Stahlkügelchen prasseln annähernd mit Schallgeschwindigkeit auf das Rohr und raspeln die Oberfläche blank.
"Sagen Sie das bloß nicht meiner Frau"
Den folgenden Arbeitsschritt nennen die Männer Bügeln. "Und sagen Sie das bloß nicht meiner Frau, dass ich das kann, sonst muss ich das zu Hause auch noch machen", scherzt einer der Arbeiter. In der Hand hält er ein Gerät, das in der Tat an ein Bügeleisen erinnert. Wie in Zeitlupe führt er den Apparat über jedes Stück Metall aus der Kuppel, das den Dekontaminationsprozess bereits durchlaufen hat. Der Geigerzähler knackt. Doch das Ergebnis ist in Ordnung, die Grenzwerte sind eingehalten.
Jedes Stück Atomkraftwerk, das für sauber befunden wurde, landet schließlich in einer Sammelbox. Durch eine Schleuse, in der ein weiteres Messverfahren die Unbedenklichkeit des Materials bestätigt, gelangt die Kiste aus dem nuklearen Kontrollbereich ins Freie. Ein unabhängiger Gutachter überprüft dann das gesamte Verfahren, misst erneut stichprobenartig - und gibt schließlich das gesäuberte Material frei.
Das Rohr aus dem Atomkraftwerk Stade endet bei einem Schrotthändler. Was dann daraus wird? "Eine Bratpfanne vielleicht", sagt Projektleiter Bächler, "und ich würde sie selbstverständlich kaufen." Dieses Stück Metall sei schließlich erwiesenermaßen unverdächtig - "bei anderen Materialien haben Sie ja keine Ahnung, was damit alles schon passiert ist". Schrott aus dem Kernkraftwerk hingegen sei so penibel überprüft wie kaum ein anderer Rohstoff.
Ein Blick ins Reaktorbecken - und das Dosimeter fiept
Absolut bratpfannenuntauglich hingegen ist das Material, das aus dem direkten Umfeld des Reaktors stammt. Das Becken, in dem früher das Herzstück der Anlage ruhte, ist heute wieder mit Wasser aufgefüllt - um die Strahlung abzuschirmen, die von den Überresten des Reaktordruckbehälters weiterhin ausgeht. Scheinwerfer lassen den Pool blau leuchten, man kann, wenn man sich nach vorn beugt, bis auf den Grund sehen.
Doch das Dosimeter meldet sich schnell mit einem schrillen Pfeifton. "Treten Sie bitte einen Schritt zurück", warnt der Strahlenschutzbeauftragte im orangefarbenen Overall. "Allzu lange sollten wir hier nicht stehenbleiben." Die Drecksarbeit übernehme "der da unten", sagte er und deutet auf den Boden des Pools. Dort bewegt sich ein ferngesteuerter Roboter, der ausführt, was kein Mensch eigenhändig tun sollte: Er zerlegt den stärker radioaktiv strahlenden Schrott. Ein unscheinbarer Metallkasten von der Größe eines Geländewagens gleitet, mit einer Säge bewaffnet, in der Tiefe umher und zerkleinert die Komponenten, die den Reaktorkern umgaben.
Atommülltürmchen, bröckelnder Grund, rissige Wände
Unter Wasser bugsiert der Roboter die Einzelteile in einen quietschgelben Abschirmbehälter, der mit seinen massiven Schrauben und Nieten an ein U-Boot erinnert. Ist der Stahlkokon versiegelt, wird er aus dem Becken gehievt. Dann durchläuft die Hülle den üblichen Dekontaminationsprozess und gelangt durch die Schleuse aus dem Kontrollbereich. Im Zwischenlager, das für die rund 3000 Tonnen radioaktiver Abfälle auf dem Kraftwerksgelände direkt neben der Reaktorkuppel errichtet wurde, harrt der gelbe Kanister dann des Abtransports in einem castorähnlichen Behälter mit der putzigen Bezeichnung Mosaik.
55 Tonnen Atommüll haben sich dort schon angesammelt. Wiederverwertbar ist nichts, was sich jetzt noch im Reaktorbecken befindet. Endstation: Gorleben. So jedenfalls war es ursprünglich vorgesehen.
Doch die Debatte um die Sicherheit der potentiellen Endlager hat sich erst kürzlich nach den Berichten über das Pannenlager Asse verschärft. Sorglos übereinandergetürmte Behälter mit Atommüll, bröckelnder Grund, Risse in den Wänden - all das stellt das Konzept der Endlagerung von Grund auf in Frage. Ist Tongestein als Umgebung für den strahlenden Abfall wirklich sicher? Oder doch ein Salzstock? Wird also die radioaktive Fracht aus Stade jemals in Gorleben eingelagert? Und wenn nicht dort, wo dann? Bis zur Klärung dieser Probleme bleiben die Castoren mit dem strahlenden Stader Schrott in der Halle neben dem Kuppelbau verstaut.
Die politische Diskussion kreist derzeit zudem um die Frage, ob sich Deutschland den Atomausstieg angesichts ständig steigender Energiepreise und politischer Abhängigkeiten überhaupt leisten kann. Die immensen Kosten für den Rückbau der Kraftwerke hingegen spielen in der Debatte seltsamerweise kaum eine Rolle. Die Mittel für die Stilllegung haben die Betreiber nach eigenem Bekunden per Rückstellung über Jahre hinweg angesammelt - und hoffen, dass die Berechnungen stimmen und die vorhandenen Summen ausreichen.
Und wo, bitte, geht's zur grünen Wiese?
Läuft alles nach Plan, ist das Kernkraftwerk Stade samt seiner strahlenden Innereien Ende 2014 vollends beseitigt. 500 Millionen Euro hat die Stilllegung dann verschlungen. Zum Vergleich: Das umstrittene Prestigeprojekt im nahe gelegenen Hamburg, die Elbphilharmonie, kostet rund 340 Millionen Euro.
Am Ende der Bemühungen soll dort, wo einst das Atomkraftwerk stand, die vielbeschworene "grüne Wiese" sprießen. An einigen Stellen des Geländes ist das bereits heute der Fall. Auf einem abgesperrten Parkplatz hat sich das Unkraut schon den Weg durch die Ritzen zwischen den maroden Betonplatten gebahnt. An der Zufahrt steht ein Schild, "Kurve zur Grünen Wiese" steht darauf.
Wirklich grün wird das Areal allerdings vermutlich nicht mehr werden, auch wenn alle Überbleibsel des Kernkraftwerks beseitigt sind. Eigner E.on hat kürzlich bekanntgegeben, was mit dem Gelände geschehen soll: Das Unternehmen will dort eine neue Anlage bauen - diesmal ein Kohlekraftwerk.
Steckbrief Kernkraftwerk Stade
| Inbetriebnahme | Januar 1972, als zweites kommerziell betriebenes Atomkraftwerk Deutschlands |
|---|---|
| zusätzlicher Fernwärmebetrieb | seit 1984 |
| Abschaltung | November 2003 |
| Ende des Rückbaus | vermutlich Ende 2014 |
| Anzahl der Brennelemente | 157 |
| Anzahl der Dampferzeuger | 4 |
| Nettoleistung | 630 Megawatt |
| größerer Störfall | August 2002: Nach einem Kurzschluss in der Schaltanlage funktionieren wichtige Sicherheitseinrichtungen nicht mehr. Die Schalttafel brennt. Das Kernkraftwerk wird für drei Wochen abgeschaltet. |
| Gesamtgewicht der Rückbaumasse | 330.000 Tonnen |
| davon radioaktiver Abfall | 3036 Tonnen |
| Fertigstellung des Zwischenlagers | Mitte 2007 |
| Betriebsgenehmigung | bis 2045 |