Berlin: Die Hauptstadt leidet an provinzvermiefter Würdelosigkeit - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Nikolaus Blome

meinung •Jetzt erst recht(s) Berlin ist die Hauptstadt, die Deutschland derzeit verdient

Nikolaus Blome
Eine Kolumne von Nikolaus Blome
Die Metropole leidet an provinzvermiefter Würdelosigkeit, frivolem Schlendrian und akuter Ambitionsarmut. Aber woanders leben? Niemals!
Baustelle in Berlin: Der Begriff ist maximal dehnbar
Baustelle in Berlin: Der Begriff ist maximal dehnbar

Baustelle in Berlin: Der Begriff ist maximal dehnbar

Foto: Lenny Karpe / Andreas Gora / picture alliance

In der Hauptstadt haben die großen Ferien begonnen, hier und da kann man also wieder in Ruhe Auto fahren. Viele Berufspendler sind weg und damit auch viele Kampfradler in ihren skurril schlauchengen Gummianzügen. Wer wie ich sonst meist S-Bahn ins Büro fährt, traut sich wieder mit dem Wagen in die Straßen – und auf Baustellensafari.

Mein erster Favorit: An einer wichtigen, sehr breiten S-Bahn-Unterführung in die Stadt hinein waren zwei Pkw-Spuren mit rot-weiß gestreiften Plastikbarrieren zu einem 30 Meter langen Rechteck abgesperrt. Darin, an einem Ende, stand ein Dixi-Klo. Sonst nichts, die volle vergangene Woche lang. Kein Bagger, keine Schaufel, kein Mensch, nichts, nur das Klo. Solch sinnentleerte Stillleben sind Baustellen in Berlin oft, mithin surreale Kunst, die nicht wegkann. Und wer weiß, wenn das Klo im Rechteck lang genug still dasteht, kommt die Installation eines Tages unter Ensembleschutz. An einer anderen Baustelle, die überraschend wieder frei befahrbar war, musste ich denken: Ach, stimmt, so sah die Brücke aus, es ist so lange her.

Ich würde wetten, Hunderte solcher rot-weiß abgesperrten Baustellen gibt es in Berlin, und der Begriff »Baustelle« ist maximal dehnbar. Wo gerade gearbeitet, also wirklich gebaut wird und wo nicht, das ist dermaßen Lotto und macht so ratlos, dass es wehtut. Sich damit im Rest der Republik komplett zum Horst zu machen, dit is Berlin oder im Fußball Hertha BSC. Die Hertha, die zu Mauerzeiten schon »Alte Dame« hieß, wollten sie vor Jahren zum »big city club« machen. Aber »sie«, das waren halt Jürgen Klinsmann und Lars Windhorst, über den – wie ein Zweitname oder Fluch – stets dazugesagt wird, dass er schon als junger Mann mit Helmut Kohl in der Regierungsmaschine flog. Helmut Kohl ist lange tot. Der big city club Mittelmaß in Liga zwo.

Fürs Lachen und Verzweifeln, die in der Hauptstadt der drittgrößten Volkswirtschaft des Planeten stets zusammengehören, tun es aber auch die kleinen, privaten Geschichten. Jeder kennt immer noch eine neue, noch eine bessere. So haben gute Freunde von uns einen Sohn, der möchte mit seiner Verlobten standesamtlich die Ehe schließen, bevor das gemeinsame Kind zur Welt kommt. Dafür braucht er einen bestimmten Zettel vom Amt, seinen Geburtsnachweis oder so etwas. Doch das dauert, denn es ist Urlaubszeit, das Amt hat Krankenstand und irgendein Fax oder Drucker warten bestimmt auf Wartung.

Nicht nur das Paar fragt sich nun: Wer kommt schneller nieder? Das Amt mit dem Zettel oder die Braut mit dem Baby? Ich würde auf das Baby setzen, und wenn es so geschieht, hätte es als Erstes eine Ehrenurkunde verdient, wären in Berlin nicht die traditionellen Bundesjugendspiele aus Angst vor Leistungsdruck weitgehend abgeschafft worden.

Aber, zugegeben, getriggert hat diese Kolumne nicht die endlos verlängerbare Reihe solcher Possen, sondern der Regierende Bürgermeister, der sich »der Kai« nennt (aka »Kai aus Spandau«). Bürgermeister Wegner, mithin ein Nachfolger Willy Brandts und Richard von Weizsäckers, ja meinetwegen, sogar Klaus Wowereits, musste vergangene Woche in Schimpf und Schande vom Hof, in jeder Hinsicht ein Ende in ganz kleinem Karo. Wie kam es dazu?

Das war nicht »acht Uhr acht« in Spandau, sondern 12 Uhr, High Noon, und postmafiotische Grandezza.

Als Anfang des Jahres Saboteure einen Stromausfall herbeigeführt hatten und mehrere Stadtviertel Berlins für Tage in Dunkel und Eiseskälte rissen, hatte der Regierende Bürgermeister selbstverständlich rasch das Kommando zu übernehmen. Bei der faktisch-dramatischen Untermalung unterliefen Kai aus Spandau indes einige »kommunikative Fehler«, wie er es zuletzt nannte. De facto hatte er von Anfang an über seinen Einsatz am ersten Krisentag getäuscht. Er hatte geschwindelt, ja gelogen, und zwar aus einem piefigen »Chefsache«-Verständnis heraus, respektive dem Bedürfnis, mit demselben Führungsstärke vorzugaukeln.

Aber »acht Uhr acht« als Moment des ersten Cheftelefonats in einer Chefsache zu postulieren, wenn man nicht telefoniert hat? Das ist ein wenig würdelos – oder eben jene aus der Zeit gefallene Westberliner Chuzpe, mit der die Granden der Stadt zu Mauerzeiten die Zementpreise unter sich auskungelten. Und auch das bezeichnet das lamettalose Berlin von heute: Früher traten politische Top-Shots wenigstens wegen krachender Bau- oder Bankskandale zurück. Das war nicht »acht Uhr acht« in Spandau, sondern zwölf Uhr, High Noon, und postmafiotische Grandezza.

Eine Insel nannte man damals West-Berlin, Ost-Berlin ging es in der DDR vielleicht ebenso, ich weiß es nicht. Und West-Berlin ist es heute noch: Die tribalen Strukturen der politischen Parteien sind weiterhin vor allem darin erfolgreich, Einflüsse oder personelle Qualitätszufuhr von außen weitestgehend zu unterbinden.

Das gilt nicht nur für CDU und SPD, wobei letztere inzwischen sogar die spärlichen Eigengewächse von Qualität ausjätet: Der eigentliche Kandidat der SPD für die Wahl im September gab auf, weil er nicht ritualhaft (angeblichen) »antimuslimischen Rassismus« geißeln wollte, wenn er auf den manifest muslimischen Antisemitismus in bestimmten Stadtvierteln zu sprechen kam. Nun tritt für die SPD jemand an, den nicht allzu viele kennen, aber das hat er mit dem neuen CDU-Kandidaten gemein, der selbstredend nicht von außen kommt.

Ach, mein Berlin, eine Entmündigung der Stadt durch einen Bundeskommissar oder durch Bundeszwang nach Artikel 37 Grundgesetz habe ich vor Jahren schon gefordert. Darauf wäre zurückzukommen, wenn die Bundesregierung jetzt daran geht, das Bällebad der Berliner Linken trockenzulegen und die Enteignung von Wohnungsbaugesellschaften durch eine Landesregierung untersagt. Ich bin allerdings fast sicher, dass mein Rufen nach einem Berlin D.C. nicht so bald erhört werden wird.

Und das führt mich zum letzten Punkt, dem größten Mysterium überhaupt (nach Wasser zu Wein und dem Aufstieg von Schalke04): Warum wollen so viele Menschen, ich voran, in keiner anderen Stadt leben und arbeiten – als eben in diesem Berlin? Und was immer die Antwort eines jeden und einer jeden sein mag – so sollten wir vielleicht auch auf unser Land blicken, das derzeit keine andere Hauptstadt verdient hat als ebendieses Berlin: my country, my capital, right or wrong.