Stephan, Stabsunteroffizier (Nachname nicht genannt):
»Wir sind im Grunde genommen zum Schweigen verurteilt gewesen und ich glaube, das hat sich grundlegend geändert.«
Am Sonntag kommt es zu einer Ehrung, die lange undenkbar schien: Deutschland feiert den ersten Nationalen Veteranentag. Für den Stabsunteroffizier Stephan etwas Besonderes. Als der Soldat vor mehr als 30 Jahren von einer Bundeswehrmission aus Somalia zurückkehrte, wollte hier niemand hören, was er im Ausland erlebt hatte. Nicht einmal seine Kameraden.
Stephan, Stabsunteroffizier (Nachname nicht genannt):
»1993, als ich aus dem Einsatz zurückgekommen bin, war im Grunde genommen etwas Scham dabei, über die Dinge zu erzählen, die ich erlebt habe, weil die ja teilweise doch surreal waren, wenn man so will. Das hat mit der Lebensrealität in Deutschland nicht viel zu tun gehabt.«
Das sei heute ganz anders, sagt Stephan. Als Reservist führt er Besucher durch den »Wald der Erinnerung«, eine Gedenkstätte nahe Potsdam für Bundeswehrsoldaten, die im Einsatz ihr Leben verloren haben. Heute erfährt der Veteran mehr Interesse und Wertschätzung, sagt er. Hier, aber auch im Alltag.
Stephan, Stabsunteroffizier (Nachname nicht genannt):
»In den USA mag man das öfter hören, aber ich habe es tatsächlich in meinem Einkaufszentrum schon mal gehört: Danke für deinen Dienst. So etwas gibt es auch.«
Der Krieg in der Ukraine, die Zeitenwende: Die Bundeswehr und ihr Ansehen haben sich in kürzester Zeit einen starken Wandel durchgemacht. Im vergangenen Jahr beschloss der Bundestag mit großer Mehrheit, ab 2025 jedes Jahr einen Veteranentag zu begehen. Nur die Linke stimmte dagegen.
Boris Pistorius, Bundesverteidigungsminister:
»Diese Verabschiedung zeigt: Wir stehen gemeinsam hinter den Männern und Frauen unserer Bundeswehr. Jeder Soldat, jede Soldatin ist uns wichtig, ganz gleich ob im aktiven Dienst oder darüber hinaus.«
Denn: Als Veteran gilt in Deutschland jeder, der aktiv in der Bundeswehr dient oder gedient hat und ehrenhaft ausgeschieden ist. Damit geht es um insgesamt zehn Millionen Menschen.
Stabsunteroffizier Stephan sieht in dem Tag vor allem eine Chance: Veteranen in ein besseres Licht zu rücken.
Stephan, Stabsunteroffizier (Nachname nicht genannt):
»Es soll viele Menschen anlocken, ins Gespräch eben mit Veteranen zu kommen. Und über diesen persönlichen Kontakt glaube ich, da gelingt etwas, was bisher gerade dadurch, dass in vielen Bereichen unserer Gesellschaft die Bundeswehr in den letzten Jahren nicht mehr so öffentlich stattgefunden hat, in Vergessenheit geraten ist.«
Einige Veteranen sind da skeptischer. Dafür, dass sie ihr Leben aufs Spiel gesetzt oder teils ihre Gesundheit verloren haben, wünschen sie sich nicht nur einen Ehrentag. Sie fordern mehr konkrete Hilfe von Bundeswehr und Politik.
Robert war 2014 im Einsatz im Kosovo. Erst Jahre danach wurde ihm klar: Er leidet an einer posttraumatischen Belastungsstörung, ist depressiv. In einem Videocall erzählt uns der Soldat, dass die Bundeswehr nicht anerkennt, dass sein Einsatz der Grund ist. Er bekommt keine finanziellen Hilfen, keine Entschädigung. Und Robert sagt, er kenne viele Kameraden, die ebenso mühsam um Anerkennung gesundheitlicher Folgen kämpfen – und sich erst durchsetzen können, wenn sie einen Anwalt einschalten.
Er befürchtet, dass der Veteranentag vor allem Symbolpolitik ist.
Robert, Veteran:
»Ich finde es gut, dass es diesen Tag gibt und dass er jetzt kommt, und es bleibt natürlich auch abzuwarten, wie er sich umsetzt. Aber seitens der Politik habe ich das Gefühl, dass einfach für uns zu wenig gemacht wird und dass das den Charakter haben kann: Schaut her, wir geben euch oder wir ermöglichen euch diesen Tag. Und das reicht ja doch erst mal.«
Die Bundeswehr sieht das anders. Oberstleutnant Michael Krause leitet das Veteranenbüro im Stadtzentrum von Berlin. Es wurde vor anderthalb Jahren eröffnet und soll vor allem ehemalige Soldatinnen und Soldaten unterstützen, zum Beispiel in bürokratischen Fragen. Krause war selbst dabei, als im Bundestag über den Veteranentag abgestimmt wurde. Er sieht die Entscheidung als Teil einer Entwicklung hin zu mehr Anerkennung.
Oberstleutnant Michael Krause, Leiter Veteranenbüro:
»Also in Deutschland beginnt es jetzt tatsächlich, dass sich eine Veteranenkultur etabliert und alle machen da mit, und das ist auf keinen Fall auf einen Tag begrenzt. Das wollen wir auch gar nicht, sondern es soll eigentlich kontinuierlich das ganze Jahr zwischen dem Veteranentag, oder auf dem Weg zu dem jeweiligen Veteranentag, soll etwas passieren.«
Rund um den Veteranentag sind mehr als 100 Veranstaltungen im ganzen Land geplant, die größte in Berlin. Vor allem dort haben sich aber auch Proteste angekündigt. Der Aufruf dazu kommt von linken Aktivistengruppen.
Maximilian Schirmer ist Vorsitzender der Linken Berlin. Sein Landesverband hat den Aufruf zum Protest nicht unterzeichnet, unterstützt die Gegenwehr aber ausdrücklich. Schirmer erklärt uns, warum.
Maximilian Schirmer, Vorsitzender Die Linke Berlin:
»Dieser Tag verlagert den Fokus weg von diplomatischen Initiativen, weg von den Schattenseiten des Krieges, weg von der eigentlichen sozialen Hilfe, psychologischen Betreuung für die Rückkehrerinnen und Rückkehrer. Er verlagert es auf eine Glorifizierung, er verlagert es auf eine Normalisierung auch von einer voranschreitenden Militarisierung. Und das finden wir falsch, ja.«
Oberstleutnant Krause vom Veteranenbüro versteht diese Kritik nicht.
Oberstleutnant Michael Krause, Leiter Veteranenbüro:
»Es geht nicht um die Bundeswehr hier, es geht um Menschen. Es geht um Menschen, um Veteranen, die für diesen Staat, für unsere Gesellschaft eingestanden sind. Letztendlich bis zum scharfen Ende, wie unser Minister zu sagen pflegt. Also wo Menschen gefallen sind, wo Menschen an Leib und Seele verwundet sind, damit heute noch leben und vor allen Dingen auch ihre Angehörigen betroffen sind, um die geht es.«
Damit es aber nicht nur bei symbolischer Anerkennung bleibt, müssen Bundeswehr und Politik etwas ändern. Das sagt auch der Gästeführer in der Gedenkstätte.
Stabsunteroffizier Stephan (Nachname nicht genannt):
»Ich weiß eben, dass es manchmal noch Aufklärung und das Gespräch braucht. Wir können nicht nur da sitzen und hoffen, dass die Gesellschaft auf uns zutritt und sich informiert. Wir müssen aktiv informieren und die Chance haben wir eben auch durch den Veteranentag.«
Und: Der Bundestag hat im vergangenen Jahr nicht nur den Veteranentag beschlossen. Teil des Antrags war auch eine bessere Nachsorge der Veteranen, weniger bürokratische Hürden.
Wie das aber konkret aussieht und ob es wirklich zu mehr Hilfe führt – an den Fragen werden sich Bundeswehr und Politik messen lassen müssen.