Deutsche Rekrutenwerbung Wer hat Angst vor Afghanistan?
Hamburg - Torsten Kröger hat eine Mission. Er steht in der Mitte eines Raumes, der an einen Messestand erinnert, das blonde Haar kurz geschnitten, an seinem blütenweißen Hemd hängt ein Schild, auf dem sein Name steht. Er lächelt. Die Hose ist dunkelblau, natürlich, denn Herr Kröger ist Oberleutnant zur See, und die von der Marine haben ja bekanntermaßen die schönsten Uniformen. Finden jedenfalls die von der Marine.
Oberleutnant Kröger ist Wehrberater, und somit ist seine Mission, jungen Menschen die Vorzüge der Bundeswehr nahezubringen, was heutzutage gar nicht so einfach ist. Für allzu viele ist die Truppe eben kein attraktiver Arbeitgeber - zu hierarchisch, zu verstaubt, die Einsätze zu gefährlich. Andere wiederum kommen gar nicht erst in Frage, weil sie die Bewerbungstests nicht bestehen oder durch die Fitnessprüfung fallen.
Gerade bei denen, die die Bundeswehr am dringendsten braucht, sinkt das Interesse rapide: bei den Offizieren. Die Zahl der Bewerber für eine solche Laufbahn ist laut Verteidigungsministerium im ersten Halbjahr 2008 im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 16 Prozent zurückgegangen. Deutlichen Schwund gibt es auch bei Unteroffizieren und Mannschaftsdienstgraden - minus elf Prozent.
Von einer Krise will das Ministerium allerdings nichts wissen. Und auch die Tatsache, dass jeder zehnte Offiziersanwärter seine Karriere vorzeitig abbricht, schreckt offiziell niemanden. Das sei schon seit Jahren so, winkt ein Ministeriumssprecher ab. Unverdrossen wirbt die Truppe auf Messen und Sportveranstaltungen für sich, an Schulen und mit TV-Spots in Kinos.
Die Bundeswehr verkauft sich wie ein Dax-Unternehmen
Über mangelndes Erst-Interesse immerhin kann sich Torsten Kröger bei seinem Beratungstermin an der berufsbildenden Schule im schleswig-holsteinischen Plön nicht beklagen. Knapp 40 Zuhörer sind gekommen und quetschen sich auf gepolsterten Stühlchen im Inneren eines Infotrucks der Bundeswehr. In einer Glasvitrine in der Ecke ist ein Ein-Mann-Verpflegungspaket, Typ III, ausgebreitet, an den Wänden hängen Plakate mit bunten Organigrammen für das "Heer" und die "Luftwaffe". Auf einem Plakat steht: "Du bist für dich selbst verantwortlich".
Soldaten der Bundeswehr: Interesse an der Offizierslaufbahn sinkt rapide, bei Unteroffizieren und Mannschaftsdienstgraden grassiert der Schwund
Foto: DPAWenn man krisenfeste Jobs anzubieten hat, ist ein Raum voller Auszubildender ein vergleichweise dankbares Publikum. Acht Männer, 30 Frauen, angehende Verwaltungsfachangestellte und Bürokaufleute. Kröger fragt: "Wer von Ihnen ist sich sicher, dass er übernommen wird?" Zwei, drei, vielleicht vier Hände heben sich. Die übrigen drei Dutzend haben augenscheinlich keine Ahnung, was sie nach ihrer Ausbildung anfangen sollen. Die Herangehensweise von Torsten Kröger ist nicht ungeschickt, durchaus nicht. "Und wer kann sich vorstellen, bei der Bundeswehr anzufangen?" Fünf Hände heben sich, immerhin.
Berufliche Herausforderungen, verlockendes Gehalt, Steuervorteile, weniger Abgaben, persönliche Weiterentwicklung, gute Aufstiegschancen - klingt das nicht gut? All das preist der Marineoffizier an. Die Bundeswehr verkauft sich wie ein Dax-Unternehmen, und das muss sie auch. Schließlich sind jedes Jahr 20.000 Stellen zu besetzen. Welcher andere Arbeitgeber stellt jedes Jahr so viele neue Leute ein?
"Wir bieten eine ganze Menge, aber wir fordern auch viel", sagt Kröger. "Und wir unterscheiden uns erheblich von anderen Arbeitgebern." Dann kommt er auf den Grund zu sprechen, warum viele junge Deutsche Umfragen zufolge nicht Soldat werden wollen: Auslandseinsätze.
Als das Wort "Afghanistan" zum ersten Mal fällt, ist es sorgsam in einem lockeren Spruch verborgen. "Sie können bei mir natürlich auch Reisen buchen", sagt Kröger und lächelt, die Schüler schauen erwartungsfroh. "Wohin? Nach Afghanistan natürlich." Einige kichern kurz, andere nicht, Kröger wird ernst. Gefährliche Einsätze gehörten natürlich zu den Aufgaben der Bundeswehr, erklärt er. Dann zeigt er ein kurzes Filmchen, das den Alltag der deutschen Soldaten am Hindukusch illustrieren soll: Aufbauhilfe, Patrouillendienste, Kontakt zu den Einheimischen.
Der Preis für den krisenfesten Job
30 deutsche Soldaten sind bislang in Afghanistan ums Leben gekommen, zuletzt starben Ende Oktober zwei junge Männer, 22 und 25 Jahre alt, bei einem Selbstmordanschlag nahe der Stadt Kunduz im Norden des Landes. Dass ein Job bei der Bundeswehr potentiell lebensgefährlich ist, verschweigt Oberleutnant Kröger nicht. Sollte er auch nicht, denn eine Studie des Sozialwissenschaftlichen Instituts der Bundeswehr hat im vergangenen Jahr ergeben, dass enttäuschte Hoffnungen dem Image der Truppe nur unnötig schaden. Soll heißen: Wer genau weiß, was ihn erwartet, schmeißt mutmaßlich weniger schnell hin.
Geld kann auch überzeugen. Jeder Tag in Afghanistan bedeutet pro Soldat 92,03 Euro Zulage - steuerfrei. Wer, wie üblich, vier Monate bleibt, hat schnell ein paar Tausender beisammen. "Das kann ein neues Auto sein", schlägt Kröger vor, "oder einen Menschen fürs Leben prägen." Denn - und das ist auch eine bittere Wahrheit - viele Soldaten verkraften ihren Einsatz im Ausland nicht, selbst wenn sie körperlich unversehrt sind.
Sterbende Kinder, Hunger, Grausamkeit, Gleichgültigkeit, die dunkelsten Seiten der menschlichen Psyche - das ist oft Alltag in Krisengebieten. "Ein Drittel der Soldaten, die im Auslandseinsatz Schreckliches gesehen haben, sind danach nicht mehr dienstfähig", berichtet Wehrberater Kröger, "ein weiteres Drittel ist eingeschränkt dienstfähig." Nur eine Minderheit "verpackt das einfach so". Eine Psychotherapie ist für viele der letzte Ausweg.
Vanessa, ein blondes Mädchen mit roten Wangen, weiß, wovon Torsten Kröger spricht. Ihr Vater, Berufssoldat, war im Sudan, ist nun in Georgien im Einsatz. Als er aus Afrika zurückkam, gab er seiner Tochter sein Tagebuch zu lesen. "Ab einem bestimmten Punkt konnte ich nicht mehr weiterlesen", erzählt sie. Bittere Armut, Elend, Tod - "das war mir einfach zu viel." Dennoch ist sie eine derjenigen, die sich schon zu Anfang auf die Frage gemeldet haben, wer sich eine Karriere bei der Bundeswehr vorstellen könne - "aber nur im Büro". Ihr Vater fände das okay, sagt die 17-Jährige.
Die Schüler in Plön blicken nachdenklich drein, einige zucken ratlos die Schultern. Der Preis für den krisenfesten Job mit Karrieregarantie scheint wohl nun doch vielen zu hoch.
"Das kann man nur bei uns gewinnen"
Zeit für den Einsatz des Hausherrn, Oberstabsbootsmann Horst Dieter Meinks. Auf seiner Visitenkarte steht außerdem "Truck-Feldwebel", und das bedeutet: Er ist verantwortlich für den Infotruck - und für die Ankündigung eines Gewinnspiels, das am Ende der Veranstaltung steht. MP3-Player kann man da gewinnen, Spielkonsolen, Digitalkameras, Handys und Laptops - die Grundausstattung für die Generation Multimedia. Oder doch lieber ein bisschen Abenteuer? Fünf Tage mit den Gebirgsjägern, Sommercamp bei der Marine, eine Woche auf Sardinien bei der Luftwaffe, Segeln auf der "Gorch Fock": "Das kann man nicht kaufen, das kann man nicht buchen, das kann man nur bei uns gewinnen", ruft Meinks wie der Losbudenverkäufer auf dem Jahrmarkt.
Da leuchten die Augen wieder, jeder Schüler nimmt einen der bunten Flyer mit der sportiven Blondine im Neoprenanzug auf dem Cover, alle füllen die Teilnahmekarte aus. Die Info-Broschüre für eine Karriere bei der Bundeswehr nehmen nur zwölf der potentiellen Kandidaten mit. Keine schlechte Ausbeute, findet Wehrberater Kröger. Der eine oder andere werde sich später vielleicht melden, wenn die Ausbildung beendet ist. Die Schüler müssen wieder in den Unterricht, der Truck leert sich.
"So viele Anwärter wie früher haben wir nicht mehr", erzählt Kröger dann. Von einer Krise allerdings könne keine Rede sein, "wir haben noch immer ausreichend Bewerber, wir können nur nicht mehr aus dem Vollen schöpfen." Die gute Resonanz zeige, dass man auf dem richtigen Weg sei. Laut Kröger kommen immer mehr Schulen von sich aus auf die Bundeswehr zu und bestellen sich den rollenden Info-Klotz auf den Schulhof. Der Truck-Feldwebel nickt zustimmend. Dann klingelt sein Handy - mit einem militärischen Trompetensignal, versteht sich.
Der Kampf um den Nachwuchs geht weiter.