Digitaler Impfpass CovPass: Feldtest im Filmpark - DER SPIEGEL
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Digitaler Impfpass Feldtest im Filmpark

Bis zum Start der Sommerferien soll der digitale Impfpass bundesweit verfügbar sein. Beim Start der Feldtests versucht Jens Spahns Gesundheitsministerium, Hoffnung zu verbreiten, dass das irgendwie noch klappen könnte.
Digitaler Impfpass (bei der Präsentation im Impfzentrum Potsdam-Babelsberg)
Digitaler Impfpass (bei der Präsentation im Impfzentrum Potsdam-Babelsberg)

Digitaler Impfpass (bei der Präsentation im Impfzentrum Potsdam-Babelsberg)

Foto: Soeren Stache / dpa
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die Kulisse passt zum Anlass, an diesem trüben Donnerstag: Am Abend zuvor hat das Bundesgesundheitsministerium von Jens Spahn (CDU) kurzfristig zu einer Premiere auf das Gelände des Filmparks Babelsberg geladen. Die Metropolis-Halle dort beherbergt das Potsdamer Impfzentrum. Davor steht nun ein halbes Dutzend Männer in Anzügen um einen Stehtisch mit Computermonitor, abgeschirmt von einem blauen Absperrband. Ein Vordach schützt die Herren vor dem Nieselregen. Im Hintergrund leuchtet der Fake-Vulkan des Filmparks, in dem normalerweise Stuntleute für die Besucher ihre Hälse riskieren.

Das Ganze verströmt den Flair einer Autohauseröffnung – nur ohne Bier, Würstchen und abgehalfterte Schlagersänger.

Tatsächlich geht es um den Start der »Feldtests« für den digitalen Impfpass, der hierzulande CovPass heißen soll. Spahns Abteilungsleiter fürs Digitale ist gekommen, Gottfried Ludewig, sowie der Projektmanager Ronald Fritz von IBM, einer von mehreren Firmen im CovPass-Konsortium. Für Brandenburger Regionalkolorit sorgen ein Vorstand der Kassenärztlichen Vereinigung und der Landesstaatssekretär für Gesundheit und Soziales.

Noch wichtiger ist wohl, dass die Nachrichtenagenturen und Fernsehteams erschienen sind und ihrer Arbeit nachgehen. Denn die Botschaft, die Spahns Team und die CovPass-Macher vermitteln wollen, ist klar: Der digitale Impfpass kommt, ganz sicher. Es geht voran, es muss, es wird. Nur noch ein bisschen Geduld.

In den vergangenen Tagen hatten sich vermehrt Kritiker zu Wort gemeldet, die auf einen blöden Störfaktor hinwiesen: den Beginn der Sommerferien in ziemlich genau vier Wochen nämlich, etwa in Berlin und hier in Brandenburg. Und darauf, dass der digitale Impfpass ja vor allem das Reisen wieder erleichtern und unbürokratischer machen soll.

Mancher kam auch nicht umhin zu bemerken, dass die Pandemieplanung der Bundesregierung irgendwie auch konsequent und zuverlässig sei: wie schon bei der Corona-Warn-App oder beim Beschaffen von Tests und Impfstoff. Auf die Verspätung sei Verlass.

Der Termin in Potsdam war also vor allem ein Arbeitsnachweis. Die eigentliche Präsentation fiel allerdings wesentlich unspektakulärer aus als die üblichen Filmparkvorführungen. Der IBM-Verantwortliche hob stolz ein Handydisplay in die Kameras. So also wird der Nachweis aussehen, mit dem wir uns eines Tages Zutritt verschaffen können sollen: ins Nachbarland oder auch nur ins Restaurant nebenan. Das Display zeigt einen jener QR-Codes, die aussehen wie die Luftaufnahme einer Ameisenstraße.

Sieht gar nicht so digital aus: Eine Frau erhält nach ihrer Impfung in Potsdam einen Ausdruck mit QR-Code

Sieht gar nicht so digital aus: Eine Frau erhält nach ihrer Impfung in Potsdam einen Ausdruck mit QR-Code

Foto: Pool / Getty Images

Die größte Überraschung ist in Potsdam an diesem Morgen eine Farbe. Die Bundesregierung hat sich dafür entschieden, den vorhandenen doppelten Impfschutz in Blau anzuzeigen – und nicht, wie es möglicherweise intuitiver und für jeden leicht verständlich wäre, beispielsweise in einem Ampel-Grün.

Dafür hätte auch sprechen können, dass die Europäische Union ja parallel gerade am »grünen digitalen Impfzertifikat« arbeitet, also der notwendigen übergreifenden europäischen Schnittstelle. Es habe sich bei der Farbe Grün nicht um eine Vorgabe, sondern nur um einen reinen Vorschlag der EU gehandelt, sagte Spahns Abteilungsleiter dazu. Jedes Land sei frei, sein nationales Design umzusetzen.

Immerhin, muss man wohl sagen, hat sich die Bundesregierung nicht für Rot entschieden. Und natürlich soll auch die neue deutsche blaue Ampel mit allen technischen EU-Vorgaben kompatibel sein, also an allen Prüfstellen auch im europäischen Ausland gelesen werden können. Wobei der eine oder andere Prüfer über den farblichen deutschen Sonderweg wohl anfangs schon irritiert sein dürfte.

Die Feldtests in den ersten Impfzentren wie in Potsdam sollen nun für die nötigen Praxiserfahrungen sorgen. Die App ist allerdings noch nicht live und im Einsatz, weshalb für das Demo-Zertifikat einmal mehr »Erika Mustermann« herhalten musste. Was der IBM-Mann strahlend vor die Kameras hielt, war also in etwa so echt wie der Vulkan auf dem Filmparkgelände. Die Impflinge, die in Potsdam freiwillig als digitale Versuchskaninchen fungieren, bekommen das digitale Impfzertifikat als Ausdruck mit QR-Code, den sie dann eines Tages in die App einlesen können.

Mehr als 30 dieser Zertifikate werden in den Feldtests pro Tag übrigens nicht erstellt, so ist es mit dem Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik und dem Bundesbeauftragten für den Datenschutz vereinbart. Letzterer beobachtet das Projekt ohnehin mit Argusaugen, denn er fühlt sich von der Bundesregierung nicht rechtzeitig und nicht ausreichend darüber informiert. Wenn »datenschutzrechtliche Mängel erst nach Inbetriebnahme des Projekts auffallen«, könnten »aufsichtsrechtliche Maßnahmen notwendig werden«, sagte ein Sprecher seiner Behörde dem SPIEGEL.

Damit erscheint ein schneller Stopp nach dem späten Start zumindest nicht vollständig ausgeschlossen.

Immerhin laufen die Feldtests in ausgewählten Impfzentren nun also, wobei die eigentlichen Herausforderungen leider bleiben. So müssen etwa die mehr als 130 unterschiedlichen Praxisverwaltungssysteme, die bei deutschen Hausärzten verbreitet sind, an das System angeschlossen werden. Was das bedeuten kann, hat das unrühmliche Beispiel der Corona-Warn-App gezeigt. Damals ging es um den mühseligen und zeitraubenden Anschluss der Labore – bis heute sind nicht alle dabei.

Zur Not hilft der gute alte gelbe Impfpass

Weil man so spät gestartet ist, gibt es ein weiteres Problem: Wie sollen die vielen Millionen bereits zweifach Geimpften an ihre digitalen Zertifikate kommen? Die Impfzentren werden allen dort doppelt Immunisierten die Zettel mit den QR-Codes wohl großteils unbürokratisch per Brief verschicken, ansonsten sollen Ärzte und Apotheker helfen.

Und wenn das alles nicht mehr rechtzeitig vor den Sommerferien klappt? Dann müsse eben der gute alte gelbe Impfpass herhalten, sagt Spahns Abteilungsleiter Ludewig. Der gelte ja uneingeschränkt weiter. Im Übrigen gebe es »keinen anderen Raum in der gesamten Welt, der so schnell in dieser Pandemie einen einheitlichen Standard für den Impfnachweis hat« und es sei doch »wunderbar, dass das in Europa in dieser Geschwindigkeit noch vor der Hauptreisezeit funktioniert«.

Die öffentliche Vorstellung im Filmpark dauert keine 20 Minuten, dann dürfen die TV-Kameras und der Agenturfotograf noch schnell mit nach drinnen, für einen Demoablauf mit Impfling.

Ach ja, und der Staatssekretär aus Brandenburg darf auch noch etwas sagen, immerhin ist Potsdam ja jetzt CovPass-Feldtestgebiet: »Das Land Brandenburg ist gar nicht so schlecht, wie es den Anschein hat«, meint er.