Geheimtreffen rechter Netzwerker »Man sollte Respekt vor der riesigen Gefahr haben, die von denen ausgeht«
Markus Feldenkirchen, DER SPIEGEL:
»Erklären Sie uns mal, was ist dieser Sellner für ein Typ? Was treibt ihn an?«
Florian Schroeder, Autor:
»Also, Martin Sellner ist ein Aktivist. Das heißt, die Identitäre Bewegung muss man verstehen als eine Art Bewegung, die der AfD den Boden bereiten soll, die die Begriffe verändern sollen, was ihnen ja auch erschreckend gut gelingt mit Begriffen wie ›Remigration‹. Sellner ist der Kopf dieser Bande, er ist in Österreich. Die Identitären sind in ganz Europa verteilt, in Frankreich mittlerweile verboten. Und er ist so der geistige Anführer, wirkt wie ein Hipster, also eher wie so ein urbaner Typ. Was er auch ist, der aus Wien kommt, der sehr gut argumentieren kann. Das macht er sehr gut. Er hält einen Vortrag, nachdem sie nach 30 Minuten überhaupt nicht mehr wissen, ob wir jetzt in Kalkutta sind oder in Deutschland. Aber fest steht alle, die kommen, sind eine Riesengefahr und wir stehen vor der Apokalypse. Und das schafft er auf eine pervertiert geniale Art und Weise darzustellen. Und tatsächlich.«
Markus Feldenkirchen, DER SPIEGEL:
»Was ist das pervertierte Geniale?«
Florian Schroeder, Autor:
»Das pervertierte Geniale ist, dass er radikal Begriffe dreht, verändert, Zusammenhänge herstellen.«
Markus Feldenkirchen, DER SPIEGEL:
»Zum Beispiel statt ›Ausländer raus‹ zu rufen ›Remigration‹. Klingt vornehmer. Technischer.«
Florian Schroeder, Autor:
›Remigration‹, ›Ethnopluralismus‹ ist ein anderer Begriff. Also man muss wirklich mittlerweile fast ein Lexikon dabei haben, um zu verstehen, worüber die sprechen. ›Ethnopluralismus‹ klingt ja zunächst sehr universalistisch, klingt sehr demokratisch. Wir sind Plural, aber das heißt eigentlich, jeder bleibt dort, wo er herkommt. Weil die Intelligenz eines nichtweißen Menschen anders zu bewerten ist als die eines Weißen. Und deswegen hat beispielsweise der Nichtweiße hier nichts verloren. Das ist also zutiefst rassistisches Gedankengut. Und er schafft das, was viele AfD Leute bisher nicht schaffen zum Glück, nämlich Begriffe radikal zu drehen. Aber er schafft es, eine Strahlkraft zu haben, die weit ins bürgerliche Lager hineinreicht. Also bei solchen Rekrutierungstreffen. Da sehen Sie Leute, die Ihnen sagen: ›Ich habe bis vor fünf Jahren die Grünen gewählt, und ich habe lange mit Menschen mit Migrationshintergrund gearbeitet. Aber mittlerweile glaube ich, die AfD ist die einzige Lösung.‹ Und wenn Sie fragen: ›Warum ist denn die AfD die einzige Lösung? Was können die?‹ Dann sagen ganz viele von denen: ›Das weiß ich gar nicht. Ich weiß gar nicht, ob die besser sind. Aber es wird Zeit, dass die das mal machen.‹ Und das ist das, was Sellner verkörpert, nämlich eine Entschlossenheit, eine Entschlossenheit im Kampf gegen das, was er die Scheindemokratie nennt, nämlich letztlich den Universalismus, den er für eine totalitäre Idee hält, nämlich dass Menschen gleich sind. Das ist für ihn totalitär, das darf nicht sein. Menschen sind unterschiedlich. Menschen sind mit der Freiheit überlastet. Und deswegen hilft der Rechtsextremismus, den er Konservatismus oder Patriotismus nennt, den Menschen dabei, die richtigen Entscheidungen zu treffen.
Markus Feldenkirchen, DER SPIEGEL:
»Sie haben selbst gesagt der persönliche Umgang mit ihm sei freundlich.«
Florian Schroeder, Autor:
»Absolut ein sehr zuvorkommender Mensch. Und der tatsächlich und auch das finde ich wichtig, sosehr ich das Gedankengut radikal ablehne. Aber der Fairness halber muss man sagen, es ist jemand, der sich tatsächlich auf Diskussionen einließ, auch mit mir.«
Markus Feldenkirchen, DER SPIEGEL:
»Herr Schröder, Sie haben über Ihre Begegnungen mit Leuten wie Martin Sellner gesprochen, waren auch bei Veranstaltungen und haben ja ganz klar gesagt: ›Also im persönlichen Umgang braucht man keine Angst zu haben, da wirkt das freundlich.‹ Haben Sie dennoch, wenn Sie hören, wofür die Leute eintreten, Angst vor denen, sehen Sie sie als tatsächlich große Gefahr für unsere Demokratie?«
Florian Schroeder, Autor:
»Also Angst vor ihnen habe ich nicht, weil ich glaube, das ist das Gefühl, dass sie selbst instrumentalisiert. Und ich finde, man sollte keine Angst vor ihnen haben. Aber man sollte Respekt vor der riesigen Gefahr haben, die von denen ausgeht, aufgrund des Versuchs, sehr harmlos zu wirken und so zu tun, als wolle man ja eigentlich nur das Beste für Deutschland oder eben Europa. Ich glaube, man muss sehen, dass diese Bewegung ja eigentlich bis vor wenigen Monaten die gesamte rechtsextreme Bewegung in einer riesigen Not war. Die können sich auf so gut wie nichts einigen. Man muss eigentlich umgekehrt sehen. Die Remigration ist das einzige Thema, was sie haben. Sie wissen nicht, wie sie sich zu Israel verhalten sollen. Sie wussten nicht, wie sie sich zu Corona verhalten sollen. Da haben sie so getan, als seien sie die Partei der Freiheit. Alle Maßnahmen aufheben. Dabei ist das ja eigentlich eher so was wie ihr feuchter Traum gewesen. Alle Grenzen zu Menschen kontrollieren, wissen, wer wohin reist. Also eigentlich ist es eine sehr schwache Bewegung, die es aber und das macht es noch dramatischer, erstaunlicherweise mit sehr simplen Mitteln schafft, für Aufsehen zu sorgen. Und gerade Sellner oder die Identitäre Bewegung, die mittlerweile sehr, sehr geschwächt ist vor einigen Jahren waren die noch wesentlich aktiver, versuchen das ja dann über Aktionismus, das heißt, da geht man dann wie vor einigen Jahren an die an den Alpenpass der französisch-italienischen Grenze und macht da eine Aktion, die heißt »Defend Europe«. Also »wir verteidigen Europa« gegen die Menschen, die zu uns kommen, versuchen ein eigenes Frontex zu initiieren. Das heißt, es ist so ein bisschen spielerisch, fast wie so eine, wie so eine, wie so ein Kunstkollektiv, aber eben auf rechts gedreht. Und im Grunde ist dieses gesamte rechtsextremistische Denken ja komplett unoriginell, denn die haben keinen eigenen Ansatz, weder die AfD noch die Identitäre Bewegung. Es funktioniert nur als Reaktion auf das, was der angebliche Mainstream tut und will. Sellner sagte mal irgendwann zu mir ganz offen: ›Es müssen alle Medien, im Grunde allen Medien, die wir jetzt haben, Öffentlich-rechtliche, genau wie SPIEGEL und andere sollen sich auf ihre Neutralität berufen.‹ Das heißt, die sollen neutral berichten was ist. Und neutral ist klar, was es bedeutet, nämlich das, was AfD und Co. wollen.«