Intelligenz raus Studiert, promoviert, ausgewiesen
Hamburg - Wilson Casas droht der Rauswurf. Zumindest dann, wenn sich nicht bald etwas an der Gesetzeslage ändert. Mit einem sehr guten Abschluss in Maschinenbau, Fachgebiet Energieanlagen, sitzt der diplomierte Student aus Kolumbien gerade an der Technischen Universität Harburg und schreibt an seiner Promotion. Sobald er die in der Tasche hat, muss der 28-Jährige Deutschland verlassen - sein erweitertes Visum für Studienzwecke läuft aus. "Man hat den Eindruck, man sei hier als Bittsteller im Land", beschreibt Casas sein Studentendasein im Land der Dichter und Denker.
Offiziellen Zahlen zufolge büffeln derzeit 175.000 Ausländer an deutschen Universitäten und Fachhochschulen, unter ihnen sind jedoch ein Drittel so genannte Bildungsinländer, die entweder in Deutschland geboren oder bereits im Kindesalter ins Land kamen. Studiert, promoviert, ausgewiesen - auf diese knappe Formel lässt sich derzeit das Schicksal der ausländischen Akademiker in Deutschland bringen.
Schilda mitten in Deutschland
"Diese Praxis ist eine Geschäftsschädigung des Standortes Deutschland", wettert der Präsident des Deutschen Akademischen Austauschdienstes, Klaus Landfried. Die Abschiebung der Akademiker sei nicht im eigenen Interesse und eine "Zumutung für die Betroffenen." Christian Bode, Generalsekretär beim Deutschen Akademischen Austauschdienst, spricht angesäuert von einem "aberwitzigen Schildbürgerstreich" - erst werde Geld in die Ausbildung der jungen Akademiker gesteckt, dann müssten sie gehen.
Geradezu absurd erscheint die Abschiebung ausgebildeter "High Potentials" vor dem Hintergrund des akuten Fachkräftemangels, vor allem in den technischen und naturwissenschaftlichen Bereichen. Ralf Kistermann vom Verein Deutscher Ingenieure bestätigt: "Der Bedarf ist auf jeden Fall da." Und auch Rainer Kassing, Vorstandsmitglied der Deutschen Physikalischen Gesellschaft, attestiert einen "akuten Physikermangel". Kein Wunder: Der jüngste OECD-Bericht kommt zu dem Schluss, dass in Deutschland weit weniger Naturwissenschaftler ausgebildet werden als in anderen vergleichbaren Industriestaaten.
Buhlen um ausländische Studenten
Nach Einschätzung der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft werden in Deutschland bis zum Jahr 2019 etwa eine viertel Million ausgebildeter Akademiker fehlen. Inzwischen hat das Bundesbildungsministerium auf die Hilferufe aus Wirtschaft, Forschung und Lehre reagiert. Mit der Kampagne "Hi Potentials, Careers made in Germany" sollen in den nächsten Jahren ausländische Studenten angeworben werden, um in Deutschland zu studieren. Ganze 35 Millionen Mark lässt sich der Bund das Rühren der Werbetrommel kosten. Erklärtes Ziel ist es, die Zahl der ausländischen Studenten von derzeit sechs auf zehn Prozent zu erhöhen.
Werbung ist nötig, denn Deutschland muss mit Konkurrenten wie USA und Kanada um Studenten aus aller Welt buhlen - Länder, die vor allem bei Studenten aus Asien wesentlich höher im Kurs stehen als heimische Hochschulstandorte wie Heidelberg, München oder Leipzig, berichtet Kambiz Ghawami vom World University Service, einer Organisation, die sich um ausländische Studenten kümmert. Neben der Sprache würden viele durch die rechtsextremistischen Angriffe auf Ausländer, vor allem aber auch durch den undurchsichtigen und unberechenbaren Behördendschungel abgeschreckt.
Bulmahn will wettbewerbsfähige Bedingungen
Noch bis zum September will Bundesinnenminister Otto Schily (SPD) den Entwurf für ein neues Zuwanderungsgesetz vorlegen. Inwieweit dort auch Verbesserungen für ausländische Studenten eingebaut werden, ist noch die Frage. Wenn es nach Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn (SPD) ginge, sollten die Probleme ausländischer Studenten und Wissenschaftler möglichst schnell beseitigt werden. Das Aufenthalts- und Arbeitsrecht solle liberalisiert werden, um "wettbewerbsfähige Bedingungen" im Vergleich zu anderen Ländern zu schaffen. Und auch der Innenminister wolle - so verlautet es aus seinem Ministerium - das Potenzial ausländischer Studenten hierzulande besser nutzen.
Derzeit sieht es jedoch nicht danach aus, dass die absurde Rein-Raus-Politik bei ausländischen Studenten ohne Widerstände abgeschafft werden könnte. Schwierigkeiten, die geltenden Regelungen zu lockern, machten vor allem die Innenminister der Länder und das Arbeitsministerium, berichtet Klaus Landfried von der Hochschulrektorenkonferenz. Und auch der Generalsekretär beim Deutschen Akademischen Austauschdienst, Bode, macht "sehr große Ängste in der Arbeitsverwaltung, bei den Gewerkschaften und im Arbeitsministerium" aus.
Eigentlich, betont Bode, bedürfe es lediglich eines "müden kleinen Erlasses des Arbeitministeriums", der den Absolventen aus dem Ausland die Möglichkeit bieten würde, in Deutschland zu arbeiten - und damit auch im Land zu bleiben. Eine Stellungnahme zur Position von Arbeitsminister Walther Riester (SPD) in dieser Frage wollte sein Minsterium jedoch nicht abgeben. Hier heißt es nur lapidar: "Die verschiedenen Optionen werden zurzeit geprüft."
Es liegt auf der Hand, dass Riester die Gewerkschaften nicht vergrätzen will, die bereits gegen die Green Card für IT-Kräfte Sturm liefen. Dabei spricht sich auch der DGB inzwischen für ein - wenn auch zeitliches - Verbleiben der "High Potentials" in Deutschland aus. Ein von den Gewerkschaften bislang häufig angeführtes Argument, ausländische Fachkräfte würden die Inländer auf dem Arbeitsmarkt verdrängen - und das bei fast vier Millionen Arbeitslosen -, ist ohnehin widerlegt. Eine Studie, die vom Bundesbildungsministerium in Auftrag gegeben wurde, kommt zu dem Schluss, dass es im Falle ausländischer Hochqualifizierter nicht greift.