News des Tages: Anschlag in Manchester, deutsche Aufrüstung, günstigere Abnehmspritzen - DER SPIEGEL
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Swantje Karich

meinung •Die Lage am Abend Terror am Versöhnungstag

Die drei Fragezeichen heute:

  1. Angriff in Manchester – was ist über den Anschlag auf die Synagoge bekannt?

  2. Feindliche Fluggeräte – wird Deutschland Drohnen abschießen?

  3. Abnehmspritzen – werden sie bald kein Luxusgut mehr sein?

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1. Terrorakt an Jom Kippur

Heute ist Jom Kippur, der höchste jüdische Feiertag. Ein Tag, der Gläubige auf der ganzen Welt dazu aufruft, innezuhalten – und zu versuchen, mit Gott, mit sich selbst und mit anderen ins Reine zu kommen (mehr dazu hier). Doch wie bitter erscheint dieser »Tag der Versöhnung« angesichts der Ereignisse in Manchester.

In einem Vorort der britischen Stadt wurde eine jüdische Gemeinde Ziel eines grausamen Angriffs. Ein Mann fuhr mit einem Auto in eine Gruppe vor einer Synagoge und attackierte sie anschließend mit einem Messer. Zwei Menschen starben, andere wurden schwer verletzt. Der Täter wurde von der Polizei erschossen. Sein Motiv? Noch unklar. Aber die Polizei geht von einer Terrortat aus (mehr dazu hier). Der britische Premierminister Keir Starmer nannte die Tat »entsetzlich«, besonders weil sie an Jom Kippur geschah.

Jom Kippur, der Tag der Versöhnung, mahnt zur Reflexion und zum Streben nach Frieden – doch die Welt versinkt immer tiefer in unversöhnlichen Konflikten. Israelis und Palästinenser hoffen in diesen Tagen besonders darauf, dass fast zwei Jahre nach dem Massaker der Hamas an Zivilisten in Israel und dem brutalen Krieg von Israels Premier Netanyahu der Friedensplan von Donald Trump eine reale Chance bekommt.

Folgt man jedoch dem Gespräch des israelischen Hamas-Experten Michael Milshtein mit meiner Kollegin Juliane von Mittelstaedt, verliert man schnell die Hoffnung. Er bezweifelt, dass die Hamas dem Plan jemals zustimmen wird. Milshtein betont, dass der Plan zwar als Beginn eines Prozesses betrachtet werden könne, jedoch voller Lücken und unrealistischer Forderungen sei: »Die Hamas wird vermutlich bereit sein, über die Art der Waffen zu sprechen, über die sie künftig verfügen wird. Aber sie wird nicht alle Waffen vollständig aufgeben.«


2. Aufrüsten gegen die Kriegsangst

In letzter Zeit kam es einem beim Blick auf SPIEGEL.de vor, als blätterte man durch ein militärisches Waffenmagazin. Schlagzeilen machten neue Waffensysteme und Drohnenangriffe. Heute diskutierten unsere Leserinnen und Leser besonders stark den Artikel »Das kann Deutschlands neuer U-Boot-Jäger« . Der P-8A Poseidon, ein Seefernaufklärer, den die Bundesrepublik anschafft, verfügt über Fähigkeiten, die an Spielereien aus einem James-Bond-Film erinnern: spezielle Selbstschutzsysteme, Hitze-Täuschkörper und MK-54-Torpedos. Das Flugzeug, das von außen wie ein harmloser Passagierjet wirkt, kann Feinde unter Wasser orten und sich selbst verteidigen.

Gleichzeitig gibt es Probleme bei der Bestellung des Kampfschiffs Fregatte F126 . Auch die Untauglichkeit des neuen Digitalfunks der Bundeswehr sollte Verteidigungsminister Pistorius  Sorgen bereiten. Deutschland scheint im Aufrüstungsfieber. Und wie steht es um die Kriegsangst?

Die Bedrohung ist plötzlich nah. Drohnen erst über Dänemark, jetzt über Norddeutschland. Mein Kollege Jan Petter hat sich an die europäische Außengrenze begeben, nach Jütland, wo die Menschen von der neuen Realität  völlig überrascht wurden. »Sie behaupten, dass alles unter Kontrolle sei, während jeder sieht, dass nichts unter Kontrolle ist«, sagt ein Wissenschaftler. »Wir stehen nackt da«, beschreibt ein anderer Experte die Lage, »es ist, als sei die Schlange ins Paradies gekommen«.

Die Deutschen stehen bei der Drohnen-Frage noch ganz am Anfang. Für meinen Kollegen Dietmar Hipp ist klar, dass man der Drohnen »habhaft werden muss«, sprich, sie zur Landung zwingt oder notfalls auch abschießt. Doch sein Kommentar zeigt: In Deutschland müssen – wie so oft – erst die Zuständigkeiten geklärt werden, bevor Leib und Leben verteidigt werden.


3. Günstigere Abnehmspritzen

Die Welt der ständigen Optimierung hat mit Abnehmspritzen wie Ozempic zweifellos eine neue Dimension erreicht. Schauspielerinnen, Sänger und Influencerinnen präsentieren sich drastisch verschlankt – ein Effekt, den SPIEGEL-Autorin Anja Rützel treffend als »blitzartig und wundersam verdünnisiert « beschrieb. Diese Medikamente ermöglichen in kurzer Zeit einen Gewichtsverlust von bis zu 20 Prozent – vorausgesetzt, man kann sie sich leisten (hier mehr dazu ).

Abnehmspritzen kosten mehrere Hundert Euro im Monat und werden nur sehr selten von Krankenkassen übernommen. Für viele, die sie am dringendsten bräuchten, bleibt diese Form der Gewichtsreduktion unerreichbar.

Mein Kollege Martin U. Müller hat jedoch eine potenziell bahnbrechende Nachricht: Einige Patente laufen aus, und die Preise könnten um bis zu 70 Prozent sinken. In seiner Recherche zeigt er, wie die Pharmaindustrie hohe Entwicklungskosten zunächst durch hohe Preise kompensiert, bis der Patentschutz ausläuft und Konkurrenzprodukte den Markt erobern.

Entscheidend aber sei, sagt mein Kollege: »Mit sinkenden Preisen könnte die Debatte beginnen, ob Abnehmspritzen künftig auf Kassenrezept verfügbar sein sollten.« Angesichts der enormen Folgekosten von Adipositas wäre das dringend geboten – und könnte die Diskussion endlich weg von Luxusoptimierung hin zum realen Nutzen der Betroffenen lenken.


Was heute sonst noch wichtig ist

  • Özdemir schlägt »republikanisches Jahr« für alle vor: Wegen Russlands Angriffskrieg in der Ukraine gibt es in der Union Forderungen nach einer Wiedereinführung der Wehrpflicht. Grünenpolitiker Cem Özdemir schlägt einen anderen Weg vor.

  • »Ich schwöre, wir hören eure Mikrofone nicht ab«: Per Videobotschaft will der Instagram-Boss den Mythos entkräften, dass das soziale Netzwerk seine Nutzerinnen und Nutzer abhört. Seine Argumente sind valide. Doch selbst seine Frau hat offenbar Zweifel.

  • OB-Stichwahl in Mülheim muss neu ausgezählt werden: Mit knapper Mehrheit galt Nadia Khalaf zunächst als neue Bürgermeisterin von Mülheim an der Ruhr. Dann wurde das Ergebnis wegen einer Panne korrigiert. Nun sollen alle Stimmen noch einmal ausgezählt werden.


Meine Lieblingsgeschichte heute:

Jetzt mal ehrlich: Nachrichten aus der Modebranche über schlechte Arbeitsbedingungen reißen einen selten aus dem Sessel. Aber wenn ich Vetements höre oder VTMNTS lese, bin ich sofort da, weil das Label als Phänomen interessant ist. Das ist die Marke, die ein wirklich hässliches T-Shirt mit DHL-Logo für 245 Euro verkauft hat – ein Fashion-Kniff, der immer wieder funktioniert und mich an Lars Eidinger und seine absurde 500-Euro-Aldi-Ledertasche erinnert. Dafür kassierte er einen Shitstorm de luxe. Vetements aber wurde für das Post-Shirt gehypt.

VTMNTS-Models 2022

VTMNTS-Models 2022

Foto: Vanni Bassetti / WWD / Penske Media / Getty Images

Vor gut zehn Jahren tauchte das Label Vetements auf. Gegründet von zwei Brüdern: einem großen, der Balenciaga zur Marke des Jahrzehnts machte und heute als Gucci-Chef gefeiert wird, und einem kleinen, der es nie geschafft hat, aus dem Schatten seines Bruders herauszutreten – und bei Vetements zurückblieb. Meine Kollegin Janina Bauer  hat nun erfahren, dass der Kleine, Guram Gvasalia, von ehemaligen Mitarbeitern von Vetements nur noch »der Diktator« genannt wird.

Was Guram Gvasalia so berüchtigt macht, geht weit über die Mode-übliche Arbeitsüberbelastung hinaus: Laut Berichten werden bei Vetements Überwachungskameras als Machtinstrument eingesetzt, 24 Stunden sind üblich und verbale Gewalt ist an der Tagesordnung. Das Bild, das sie von Gvasalia zeichnen: ein Chef, der seine Mitarbeitenden wie austauschbare »Fast-Fashion-Ware« behandelt, wie Wegwerfware mit Designer-Label. Er selbst hat sich zu den Vorwürfen noch nicht geäußert.


Was heute weniger wichtig ist

Jane Fonda

Jane Fonda

Foto:

Julien de Rosa / AFP

Anti-Trump Empowerment: Jane Fonda, 87, hat das »Committee for the First Amendment« wiederbelebt – eine Initiative, die ihr Vater Henry Fonda 1947 mitgründete, um Kulturschaffende vor Kommunismusvorwürfen zu schützen. Mit dabei sind Stars wie Florence Pugh, Sean Penn, Billie Eilish, Ben Stiller und Pedro Pascal. Fonda nennt die aktuelle Lage »den beängstigendsten Moment ihres Lebens«.


Mini-Hohlspiegel

Gangschild in einem Rewe-Markt in Herford

Gangschild in einem Rewe-Markt in Herford

Entdecken Sie hier noch mehr Cartoons.

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Thomas Plaßmann


Und heute Abend?

Wenn heute Abend die Kinder die Biografie über Jane Goodall aus der Reihe »Little People, Big Dreams« lesen wollen, werden sie wie immer fragen: »Ist sie schon tot?« Dieses Mal wird die Antwort lauten: Sie ist gestern gestorben. »Die Letzte ihrer Art«  – so haben Kristin Hüttmann und Julia Merlot ihren Nachruf überschrieben. Und ausnahmsweise ist das keine Übertreibung. Im Alter von 91 Jahren ist die Frau gestorben, die die Welt der Primatenforschung und des Naturschutzes revolutionierte.

Vielleicht bleibt dann noch Zeit, um den Dokumentarfilm »Jane’s Journey« aus dem Jahr 2011 anzusehen – ein Film, der Goodall endgültig weltberühmt machte und ihr Leben auf beeindruckende Weise nachzeichnet.

Goodall mit einem Schimpansen in einer Auffangstation in Kenia

Goodall mit einem Schimpansen in einer Auffangstation in Kenia

Foto:

Jean-Marc Bouju / AP

Goodalls Lebensweg, so schreiben meine Kolleginnen, »widerspricht jeder Wahrscheinlichkeit«. Und genau das ist wohl eine der wichtigsten Botschaften, die sie hinterlässt: Es ist so viel mehr möglich, als man denkt. Als Kind las sie die Geschichten von »Tarzan« und träumte davon, selbst in den Dschungel zu gehen. Diese kleine Anekdote zeigt, was sie ausmachte: ein unerschütterlicher Glaube an ihre Träume und daran, dass sie ihren eigenen Weg gehen konnte – und musste .

Einen schönen Abend. Herzlich

Ihre Swantje Karich, Redakteurin im Ressort Meinung und Debatte

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