Die Lage am Abend Wie faul Deutschlands Lehrer tatsächlich sind
Die drei Fragezeichen heute:
Mittags frei – wie viel arbeiten Lehrkräfte in Deutschland?
Zeugnistag – wie bewerten Sie die Arbeit der Regierung?
1. Der Stundenplan lügt
Unterricht macht allenfalls einen Teil der Arbeitszeit von Lehrerinnen und Lehrern aus (Symbolbild)
Foto: Maskot Bildbyrå / DEEPOL / plainpictureMeine Lieblingskategorie in unserer Abizeitung (Jahrgang 1999) sind die »Auszüge aus Klassenbüchern«. Warum? Bitte schön, drei Beispiele: »Buchholz klebt aufgeklapptes Butterbrot an Pinnwand, Rüge« (ich kann mich noch daran erinnern, es war mit Salami belegt). »Bornhold schlägt Mücke, Rüge«. Oder auch: »Lewin ignoriert 3-fache Aufforderung, das Bonbonlutschen im Unterricht zu unterlassen, Rüge«. Hach. Jetzt verstehen Sie es, oder? Allein der spezielle Sound: keine Vornamen und keine Artikel in diesem Missetat-Stakkato, vollendete Bürokraten-Poesie, die die Hilflosigkeit vieler Momente am Pult erahnen lässt. Und jeder Eintrag eine ganze Welt. Samt Heinz-Rühmann’schen-Feuerzangenbowlen-Vibes: Natrium aus dem Chemieraum entwendet, Türklinke mit Streichholz erhitzt, Trinkflasche mit Uhu verklebt. Und das alles an einem Vormittag.
Pädagogisch wertvolle Zwischenfrage: Was lernen wir daraus? Sie da, mit dem Handy in der Hand? Genau, der Job, den Lehrerinnen und Lehrer haben, erfordert Nerven. Und Zeit, viel Zeit, offenbar mehr, als bezahlt wird: rund 115 Überstunden pro Jahr allein an Gymnasien, so eine Studie, die von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft in Auftrag gegeben wurde. Allerdings sind die Zahlen mehr als zehn Jahre alt.
Das Land Bremen hat deshalb ein Pilotprojekt gestartet: Über eine mobile App tragen Lehrkräfte an Grund- und Oberschulen oder Gymnasien ein, wie viel sie arbeiten – und womit sie ihre Zeit verbringen: im Klassenraum? Beim Korrigieren von Arbeiten? Zur Vorbereitung? »Lehrer sind keinesfalls faul«, schreibt mir mein Kollege Florian Gontek, der das Projekt in Bremen verfolgt. »Aber überraschend fand ich, dass bisherige Studien zeigen, dass der eigentliche Unterricht nur ein Drittel der Arbeitszeit ausmacht.« Wahrscheinlich hat sich das sogar noch weiter verschoben, vermutet Florian: »Mal eben eine WhatsApp-Nachricht mit den Eltern, viele neue Erlasse und Datenschutzbestimmungen, der Beruf wird immer anspruchsvoller.« Absolut. Der Stoff schließlich auch. Ein letzter Auszug aus meiner Abizeitung:
»Mirjam: Wir machen gerade Lyrik in Deutsch!«
Tom: »Das geht ja noch. Wir machen Gedichte!«
Welche Arbeitszeit Lehrerinnen und Lehrern vorgeschrieben ist und warum die meisten Bundesländer sich gegen eine Erfassung sträuben, lesen Sie hier .
2. Kommt VW durch den TÜV?
VW-Markenhochhaus in Wolfsburg: Überraschende Einigung im Aufsichtsrat
Foto: Julian Stratenschulte / dpaAlso ich fahre einen VW Sharan, acht Jahre alt, meine Tochter nennt ihn »Sharani«, in die rechte Tür ist mir mal ein 16-Tonner gefahren. Ich bin, was Autos angeht – ich weiß, eher untypisch für Deutschland – eigentlich agnostisch. Doch der Unfall hat meine Gefühle für Sharani geweckt: Er ist jetzt kein Auto mehr. Sondern ein tapferer, vernarbter Veteran des Hamburger Straßenverkehrs. Und ich werde ihm die Treue halten. Bis, ja, bis der Liter Benzin drei Euro kostet oder die Kurbelwelle bricht.
Ich befürchte allerdings, beides dürfte nicht mehr allzu lange dauern: Bei 2,21 Euro für Super sind wir schon, und ich fahre inzwischen öfter in die Volkswagen-Werkstatt als zum Zahnarzt. Sad but true: Eine Ära geht zu Ende.
Was sagen Sie? Ich hätte doch vor acht Jahren schon auf E-Autos setzen sollen? Viel besser fürs Klima und Benzinpreise oder die Kurbelwelle könnten mir jetzt egal sein? Jaha, danke, Sie haben natürlich recht. Aber warum sollte ausgerechnet ich schlauer sein als die Mobilitätsexperten der Volkswagen AG, des größten Autokonzerns des Landes? Erst die Abgasskandale, dann die verstolperte E-Revolution. Und jetzt bricht in dem Laden die Kurbelwelle: Bis 2030 werden noch einmal 60.000 Stellen gestrichen (zusätzlich zu den 50.000, die schon vereinbart wurden), den Werken in Zwickau, Emden, Hannover und Neckarsulm droht weiterhin das Auslaufen der Produktion. »Der Vorstand hat praktisch alles bekommen, was er wollte«, analysiert mein Kollege Alexander Demling den erbitterten Machtkampf zwischen Vorstand und Aufsichtsrat. Und seine Diagnose ist vernichtend: »Volkswagen ist aktuell kein gut geführtes Unternehmen, ständige Strategie- und Personalwechsel kosten Milliarden und vertändeln den Vorsprung, den die deutsche Automacht einmal in der Welt hatte.« Ja. Damals. Als ich Sharani gekauft habe. Und VW einen weltweiten Auslieferungsrekord bejubelte.
Dann kam der 16-Tonner.
Lesen Sie hier, wer die wahren Gewinner des Machtkampfes bei VW sind
3. Auch der Kanzler war mal wild und jung
Merz 2004 mit dem berüchtigten Stückchen Pappe: »Jetzt hat der Bierdeckel sozusagen eine doppelte Geschichte«
Foto: Foto Pollex / action pressIch weiß, momentan schwer vorstellbar, aber es hat ihn gegeben: den Merz-Moment. Eine charmante Idee. Pragmatisch. Und auch noch klug inszeniert. Sie können sich das weder vorstellen noch sich daran erinnern? Liegt wahrscheinlich daran, dass es inzwischen 24 Jahre her ist. Damals kritzelte der Bundeskanzler in spe sieben Zahlen auf einen Bierdeckel. Um zu demonstrieren, wie einfach eine Steuererklärung sein sollte. Sein Vorschlag im Schnelldurchlauf: vier Einkunftsarten statt sieben. Pendlerpauschale streichen. Und nur noch drei Steuersätze: 12, 24 und 36 Prozent. Radikal. Und in etwa so realistisch wie ein Einhorn im Kanzleramt. Aber hey, Merz war jung (zumindest für einen CDU-Politiker), und die Bierdeckelnummer wurde zu seinem Greatest Hit. Das Original liegt inzwischen im Haus der Geschichte. Also der Deckel, nicht Merz.
Der ist inzwischen tatsächlich Kanzler, wird im Wahlkampf seiner eigenen Partei in Sachsen-Anhalt allerdings versteckt , Spitzenkandidat Sven Schulze will es so. Und das mit den charmanten Ideen? Und der klugen Inszenierung? Im SPIEGEL-Interview zitiert Merz dazu den antiken Philosophen Epiktet: »Nicht die Taten bewegen die Menschen, sondern die Worte über die Taten. Ich kann da in der Tat noch besser werden.« Tja.
Was meinen denn Sie? Ist Merz etwas besser geworden? Oder Klingbeil? Oder alle zusammen? Und was ist mit der AfD? Meine Kollegen Philipp Kollenbroich und Rina Wilkin haben ein Fragetool entwickelt, mit dem Sie abstimmen – und sich mit der Mehrheit vergleichen können: Welche Partei ist am besten geeignet, die aktuellen Herausforderungen zu lösen? Und würde sich die AfD in Regierungsverantwortung selbst entzaubern?
Friedrich Merz ist heute Abend übrigens – entspannen Sie sich, Sven Schulze – beim Eröffnungsspiel der Basketball-WM der Frauen. In Berlin. Nicht Sachsen-Anhalt.
Was denken Sie über die Merz-Koalition, was über die AfD? Hier geht es zum Fragetool.
Was heute sonst noch wichtig ist
Zwei Arbeiter nach neun Tagen aus Tunnel eines Wasserkraftwerks in Nepal gerettet: Mehr als eine Woche nach der verheerenden Sturzflut im Himalaja haben Rettungskräfte zwei Männer lebend gefunden. Noch werden Hunderte Arbeiter in den Tunnelsystemen der Wasserkraftwerke vermisst.
Zahl der Großinsolvenzen steigt: Die Belebung der Konjunktur kommt für viele Unternehmen zu spät. Besorgniserregend ist die Zahl der Schwergewichte, die Insolvenz – besonders in der Autoindustrie.
Regierungskrise in Thüringen – weitere Abgeordnete verlassen BSW: Der parteiinterne Streit in Thüringen spitzt sich zu: Zehn weitere BSW-Fraktionsmitglieder wollen die Partei verlassen. Auch alle drei Minister sind darunter. Laut Fraktionschefin stehen sie aber weiterhin zur Koalition.
Syrien beginnt mit Vernichtung von Chemiewaffen aus Assad-Ära: Ein Team der Organisation für das Verbot chemischer Waffen war Zeuge: Die neuen Machthaber in Damaskus zerstören das C-Waffenarsenal des Landes. Der Assad-Clan verfügte über Sarin, Chlor- und Senfgas.
Was wir heute bei SPIEGEL+ empfehlen
BYD Seal U DM-i: Verdrängt VW Tiguan
Foto: Vit Simanek / CTK Photo / IMAGODer Tiguan-Killer: Mit Plug-in-Hybridantrieb wollte die deutsche Autoindustrie ihre Verbrennerkompetenz behalten und sanft in Richtung E-Mobilität steuern. Dieser Plan ist krachend gescheitert, wie der neue Marktführer aus China zeigt .
Was heute weniger wichtig ist
Anna-Maria und Anis (alias Bushido) Ferchichi
Foto: Fabian Sommer / dpaBullys am Bus: Deutschlands Gutscheinguru Jochen Schweizer, 69, und Schmuserapper Bushido, 47, (»Für immer jung«) sind an einer Bushaltestelle im Münchner Vorort Grünwald, nun ja, aneinandergeraten. Wer genau angefangen hat, ist umstritten, auch ob geschubst wurde oder was genau gesagt wurde. Offenbar gab es zuvor Streit zwischen den minderjährigen Töchtern der beiden. Das mit dem Schlichten hat dann allerdings nicht so geklappt: »Ich glaube, du weißt nicht, wer ich bin«, soll der eine gesagt haben. Der andere darauf: »Es ist mir scheißegal, wer du bist.« Vielleicht sollten die beiden mal zusammen einen Jochen-Schweizer-Gutschein einlösen? Eine romantische Ballonfahrt über den Tegernsee gibt es schon für 519,80 Euro. Aber nicht schubsen!
Mini-Hohlspiegel
Aushänge in einem Freizeitbad in Goch (NRW)
Hier finden Sie den ganzen Hohlspiegel.
Cartoon des Tages
Entdecken Sie hier noch mehr Cartoons.
Klaus Stuttmann
Und heute Abend?
DEEPOL / Maskot / plainpicture
Könnten Sie spontan essen gehen! Also, zumindest wenn Sie gerade geerbt haben oder wie der VW-Vorstand was zu feiern haben: Egal, ob Griechisch, Italienisch oder Türkisch, meine Kollegen Franziska Wunderlich und Claudio Rizzello haben eine Art Gastronomie-Knigge kreiert. (Hier mehr dazu. ) Darf man die Tische im Restaurant verrücken für größere Gruppen? (Vorher fragen!) Gibt es einen Minimal-Dresscode? (Nicht im Badeanzug) Und ist es hilfreich, wenn ich das schmutzige Geschirr anreiche? (Nein) Vielleicht nehmen Sie ja noch Jochen Schweizer und Bushido mit, auf ein Glaserl. Und Friedrich Merz malt Ihnen auf dem Bierdeckel die Rentenreform auf.
So oder so, genießen Sie den Abend,
Ihr Jens Radü, Chef vom Dienst