Die Lage am Abend Lange Zündschnur
Die drei Fragezeichen heute:
Hybrider Krieg – was wirft die Bundesregierung Russland vor?
G20-Finanzministertreffen – wie viele Eklats gab es in Asheville, North Carolina?
Wahl in Sachsen-Anhalt – welche Optionen sieht Bundeskanzler Merz für die CDU?
1. Drohnen und Drohen
Jetzt herrscht Gewissheit. Seit Wochen wurde spekuliert, wer hinter dem vereitelten Drohnenattentat am Flughafen Leipzig/Halle Anfang August stecken könnte. Alles deutete auf Russland hin, doch das war auch die erste Einschätzung beim Anschlag auf die gesprengte Pipeline Nord Stream. Es war eine Fehleinschätzung, wie sich später herausstellte. Die Täter waren Ukrainer.
Minister Wadephul und Dobrindt
Foto: Ebrahim Noroozi / APHeute nun hat die Bundesregierung den versuchten Sprengstoffanschlag in Leipzig offiziell einem russischen Geheimdienst zugeschrieben. Die Ermittlungen gegen eine oder mehrere mutmaßlich beteiligte Personen seien so weit fortgeschritten, dass Berlin sich aus der Deckung wagt und Russland direkt für die Attacke verantwortlich macht. Innenminister Alexander Dobrindt (CSU) lavierte zuletzt immer um diese Frage herum und sprach lediglich von »fremden Mächten«.
Welcher Geheimdienst dahinterstecken soll und welche Konsequenzen die Bundesregierung zieht, ist offen. Außenminister Johann Wadephul (CDU) kündigte eine »ausgewogene und überlegte Reaktion« an. Mutmaßlich beteiligte russische Stellen könnten sanktioniert werden, weitere Diplomaten ausgewiesen werden. Als erste Maßnahme wurde der russische Botschafter ins Außenministerium einbestellt. Ihm wurde offenbar mitgeteilt, dass die Bundesregierung das letzte russische Generalkonsulat in Bonn sowie das Russische Haus in Berlin schließen will (hier mehr). Beratungen der Nato nach Artikel 4 seien vorerst nicht angedacht.
»Sie werden dafür bezahlen«, sagte Kanzler Merz vor einigen Tagen, noch ohne die mutmaßlichen Angreifer zu benennen. Was auch immer die Bundesregierung plant: Russland wird reagieren. Nicht auszuschließen, dass diese Rechnung dann höher ausfällt.
2. Das verhinderte Photobombing
Stellen Sie sich vor, Sie kommen zum alljährlichen Familientreffen – und plötzlich taucht da wieder dieser Großonkel auf, den man doch verstoßen hatte, weil er größenwahnsinnig und übergriffig geworden war. So erging es Finanzminister Lars Klingbeil (SPD) beim G20-Treffen der Finanzminister in Asheville im US-Bundesstaat North Carolina. Die Amerikaner hatten überraschend den russischen Finanzminister Anton Siluanow eingeladen. Siluanow war zuletzt im April 2022 per Video zugeschaltet. Danach war man sich einig, die Russen wegen des Angriffskriegs gegen die Ukraine nicht länger teilnehmen zu lassen.
Russlands Finanzminister Siluanow (r.): Für viele ein unerwünschter Gast
Foto:Bernd von Jutrczenka / dpa
Doch US-Präsident Donald Trump will da nicht mehr ganz so streng sein. Beim nächsten G20-Gipfel der Staats- und Regierungschefs könnte auch Russlands Machthaber Putin teilnehmen, ginge es allein nach dem Mann im Weißen Haus. Die Einladung Siluanows sollte wohl ein Test sein, wie der Rest der Industriestaaten reagieren würde. So viel sei gesagt: Er missglückte. Auf Initiative Klingbeils wurde Siluanow vom Termin zum gemeinsamen Gruppenfoto wieder ausgeladen, berichtet mein Kollege Gerald Traufetter, der Klingbeil in die USA begleitet.
Der Umgang mit Russland war aber nicht der einzige Eklat in Asheville. Die Spannungen zwischen den USA und europäischen Teilnehmern dominierten das Treffen. US-Finanzminister Scott Bessent nutzte die Konferenz als Bühne für die Wirtschafts- und Deregulierungspolitik Trumps. Seinen Auftritt crashte der neue US-Notenbankchef, der den USA nur 1,8 Prozent Wachstum voraussagte, deutlich weniger als der Finanzminister selbst. Schließlich kachelte auch noch Klingbeil seinen Amtskollegen an – zumindest indirekt: Um die globale Unsicherheit zu verringern, müssten alle Staaten ihren Teil beitragen – einschließlich der USA durch ein Ende ihres Kriegs gegen Iran.
Es muss also eines dieser Familientreffen gewesen sein, von denen man sagt: Nächstes Jahr setzen wir mal aus. Und dann fährt man doch wieder hin. Weil man muss.
Lesen Sie hier die ganze Geschichte: Plötzlich sitzt da der russische Finanzminister am G20-Tisch
3. Merz fährt auf der linken und rechten Spur gleichzeitig
Wenige Tage vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt hat Bundeskanzler Friedrich Merz eine Zusammenarbeit der CDU mit Linken und AfD ausgeschlossen. Nach der Lektüre eines Interviews der »Mitteldeutschen Zeitung« und der »Magdeburger Volksstimme« fragte man sich: Wie soll es denn dann gehen? Eine Regierung bilden gegen die AfD, die Umfragen zufolge stärkste Kraft werden dürfte?
Merz präzisierte dann auf Nachfrage, was er damit meinte: »eine Regierungsbeteiligung und die Erarbeitung eines Regierungsprogramms«. Er schließt also Koalitionen aus, nicht jede Form der Zusammenarbeit, »das wird womöglich noch wichtig werden«, sagt unser Sachsen-Anhalt-Korrespondent Peter Maxwill.
Bundeskanzler und CDU-Chef Friedrich Merz
Foto: Odd Andersen / AFPDenn sollte die AfD keine absolute Mehrheit bekommen, wird sie kaum regieren können, da niemand mit ihr koalieren will. Die mutmaßlich zweitplatzierte CDU müsste ein Bündnis schließen, bei dem die Linken zwar nicht Teil der Regierung wären, sie aber tolerieren könnten. Der CDU-Vorsitzende ließ nun erstmals durchblicken, dass er sich dieses Modell vorstellen kann, sollten CDU, SPD und Grüne zusammen keine Mehrheit bekommen.
Allerdings lässt Merz auch Luft für Interpretationen. Damit tut er das, was auch Spitzenkandidat Sven Schulze seit Monaten tut: »Er versucht, in zwei Richtungen gleichzeitig zu blinken«, sagt Peter. »Er will klarmachen, dass die Linken kein natürlicher Partner sind – und gleichzeitig informelle Absprachen mit ihnen offenhalten, ohne später als wortbrüchig dazustehen.«
Was heute sonst noch wichtig ist
Wirtschaftsministerium wirft Lars Klingbeil »heimliche Steuererhöhung« vor: Über die geplante Einkommensteuerreform von Lars Klingbeil grollt das Wirtschaftsministerium. Katherina Reiches Staatssekretär hat den Unmut nun in Worte gefasst.
Sara Netanyahu setzt im Wahlkampf auf Verschwörungstheorie zum 7. Oktober: Der hochdekorierte israelische Oppositionspolitiker Yair Golan ist am 7. Oktober auf eigene Faust losgezogen und hat gegen Hamas-Terroristen gekämpft. Kurz vor der Parlamentswahl ätzt die Frau des Premiers nun gegen den Veteranen.
Minister und Staatssekretäre fahren wieder mehr Verbrenner: Die Deutsche Umwelthilfe hat 249 Dienstwagen deutscher Politikerinnen und Politiker aus Bund und Ländern verglichen. Einige tauschten Elektroautos gegen Plug-in-Hybride – die Organisation spricht von »Rückwärtsgang«.
Meine Lieblingsgeschichte: Die da oben
Die VIP-Kabine in der früheren »Theodor Heuss« lässt sich mit wenigen Handgriffen in ein komfortables Schlafzimmer mit zwei vollwertigen Betten verwandeln
Foto: JetcraftSelten hätte diese Überschrift besser zu einem Text gepasst als zu diesem: Die »Theodor Heuss«, Schwesterflugzeug und Nummer zwei der Flugbereitschaft der Bundeswehr hinter der einst auch als »Merkel One« bezeichneten »Konrad Adenauer«, steht zum Verkauf – samt Badezimmer mit Dusche. Die Bilder des Verkaufsprospekts sehen eindrucksvoll aus. Und so mancher Missgünstige dürfte meckern: Was für ein Luxus. Aber solche Leute haben gewöhnlich auch keine 18-Stunden-Tage.
Meine Kollegen Matthias Gebauer und Felix Keßler berichten, was mit dem Flieger seit seiner Ausmusterung durch die Flugbereitschaft im September 2023 und mehreren Eigentümerwechseln passiert ist. Jetzt wartet die rund 64 Meter lange »Heuss« offenbar auf einem Flugzeugparkplatz in einer US-Wüste auf einen neuen Eigentümer. Der veranschlagte Verkaufspreis bleibt Geheimsache.
Lesen Sie hier die ganze Geschichte: So haben Sie den VIP-Bereich einer deutschen Regierungsmaschine noch nie gesehen
Was heute weniger wichtig ist
Kronprinzessin Ingrid Alexandra unterstützte ihren Vater bei der Zeremonie
Foto: Lise Aserud / AFPIsso in Oslo: König Haakon VIII., 53, hat den Eid auf die Verfassung im norwegischen Parlament abgelegt. Auf die Begleitung seiner Frau Mette-Marit, 53, die im Sommer eine neue Lunge bekommen hatte, musste er verzichten. Lungenarzt Are Holm vom Reichskrankenhaus in Oslo ließ mitteilen: »Die Königin hatte seit der Operation in einigen Fällen Komplikationen, auch heute.«
Mini-Hohlspiegel
Aus der »Allgäuer Zeitung«:
»Die Beamten ermitteln nach eigenen Angaben aber weiterhin gegen die Partnerin des Verdächtigen und gegen die Frau des Fluchtwagens.«
Hier finden Sie den ganzen Hohlspiegel.
Cartoon des Tages
Entdecken Sie hier noch mehr Cartoons.
Klaus Stuttmann
Und heute Abend?
Autor Regener: »Wer wünscht sich denn eine Stadt, in der man hinter Mauern eingesperrt ist?«
Foto: Britta Pedersen / dpa / picture allianceKönnten Sie das neue Buch von Sven Regener lesen. Darin geht es um Frankie und Freddie Lehmann, zwei Brüder aus Bremen, die in West-Berlin im Jahr 1980 ihr Glück suchen. Mein Kollege Wolfgang Höbel hat ein Interview mit dem Autor geführt, das genauso launig ist wie das Buch selbst. Die frühen Achtzigerjahre seien deshalb für ihn so interessant, »weil ich selber damals in diesem Alter war. Es ist eine Zeit im Leben, in der alles noch offen scheint, aber man doch merkt, dass bestimmte Türen sich schließen«, sagt Regener. Lesen Sie hier das ganze Interview.
Ich wünsche Ihnen einen beschwingten Abend. Herzlich
Ihr Janko Tietz, Leiter des SPIEGEL-Nachrichtenressorts