Die Lage am Abend Fragt ein Fußballfan: Wie konnte es nur so weit kommen? Sagt der andere: So weit kamen wir doch gar nicht
Die drei Fragezeichen heute:
Folgen des WM-Desasters - wie reden sie beim DFB jetzt über Nagelsmann und über Klopp?
Frühere Militärbasen in Grönland - wie giftig ist das Zeug, das die US-Truppen hinterlassen haben?
Nesthocker - warum wohnen so viele 25-Jährige noch bei ihren Eltern?
1. Träne kommt nicht von Trainer
Trainer Nagelsmann inmitten der Nationalmannschaft: Wie findet der deutsche Fußball heraus aus der Dauertristesse?
Foto: Jewel Samad / AFPIn den Schlagzeilen zum deutschen WM-Aus oszilliert der Sound zwischen Mitgefühl, Selbstmitleid und Häme. Da häufen sich Berichte über die Rückreise des Noch-Bundestrainers: Julian Nagelsmann, samt »seiner Frau Lena und seiner Mutter Burgi, entschwand durch einen Hinterausgang«. Bei der dpa heißt es: »Nicht einmal mehr die schwarz-rot-goldenen Cheerleader-Pompons wurden geschwenkt. Stattdessen strömender Regen am Münchner Flughafen.« Die »Bild« titelt: »Hier landen unsere WM-Verlierer.« Nagelsmann selbst sagt: »Es würde nicht jeder unterschreiben, dass ich Bundestrainer bleibe.«
Dabei ist die Frage wahrscheinlich eher, ob Jürgen Klopp unterschreibt beim DFB. Ein Team um meinen Kollegen Jörn Meyn hat die Vorgänge im WM-Quartier der vergangenen Tage und Wochen rekonstruiert. »Wir haben mit Funktionären, Spielern, Bundesligamanagern und einflussreichen Beratern gesprochen«, sagt Jörn. »Die allermeisten wollten nicht zitiert werden. Aber das Bild, das in diesen Gesprächen entstand, ist eindrücklich.«
Demnach fiel das Team so schnell auseinander wie zuvor auf dem Rasen. »Dass Nagelsmann Bundestrainer bleibt, glaubt wohl niemand mehr im DFB«, berichten die Kollegen. »Intern gehen sie davon aus, dass es nicht mehr lange dauern wird.« Und alles deute tatsächlich auf Jürgen Klopp als Nachfolger hin. Ein Funktionär sagt: »Es wird ein Beben geben.« Und jeder Fußballfan weiß: Bebbe geht weider.
Hier die ganze Rekonstruktion: Es wird ein Beben geben, sagen sie jetzt beim DFB
2. Gröner wird’s nicht
Neue Recherchen offenbaren, wie frühere US-Militärbasen die Umwelt in Grönland bis heute verschmutzen: Ölfässer, Asbest, radioaktives Wasser und Schwermetalle lagern teils unter freiem Himmel, wie meine Kollegin Sara Wess und mein Kollege Jan Petter berichten.
Die Recherchen der dänischen Tageszeitung »Politiken«, wie der SPIEGEL Teil des Netzwerks European Investigative Collaborations (EIC), zeigen erstmals das Ausmaß der Umweltschäden an 36 früheren US-Stützpunkten. Tausende Seiten bislang unbekannter Berichte und interner Dokumente liefern Einblicke zu der Art und Weise, wie die US-Amerikaner ihre Basen hinterlassen hatten. Zudem recherchierte ein Team vor Ort.
»In dem Fall geht es nicht nur um historische Verantwortung, sondern auch um die Gegenwart«, berichten Jan und Sara. »Seit Monaten verhandeln Vertreter der USA, Dänemarks und Grönlands über die Zukunft der weltgrößten Insel.« Laut Insiderberichten soll die Basis Narsarsuaq wiederbelebt werden, das dänische Königreich hat den Amerikanern schon vor Monaten nahezu freie Hand gegeben. »Fraglich ist, ob und in welchem Ausmaß Washington den Schutz der grönländischen Umwelt dieses Mal gewährleisten wird.«
Hier die ganze Geschichte: Das todbringende Erbe der USA auf Grönland
3. Wohnst du noch zu Hause oder lebst du schon?
Beim Anblick der neuesten Zahlen des Statistischen Bundesamtes grölt die innere Stimme: Ausziehen, ausziehen! Denn die Daten zeigen: Jeder dritte 25-Jährige in Deutschland hat im vergangenen Jahr noch bei den Eltern gewohnt. Damit ist der Wert noch einmal gestiegen (hier mehr).
Und es zeigt sich ein deutlicher Geschlechter-Gap, der über die Jahre bestehen bleibt:
Bei den Männern waren 36 Prozent mit 25 Jahren noch nicht ausgezogen, bei den Frauen nur 23 Prozent.
Mit 30 Jahren wohnten laut Statistikamt noch 13 Prozent der Söhne im Elternhaushalt, aber nur sieben Prozent der Töchter.
Mit 40 Jahren sank dieser Anteil demnach auf fünf Prozent bei den Männern und zwei Prozent bei den Frauen.
Das passt zur Erzählung vom jungen, abgehängten, unselbstständigen Mann, die seit einiger Zeit umher geistert. In den USA unter anderem befeuert von Scott Galloway, Ökonom, Unternehmer und Professor an der New York University. Außerdem Vater zweier Söhne und ein begnadeter Selbstvermarkter, der als Prof G in Podcasts und Social-Videos auftritt. In seinem Buch »On Being a Man« verquirlt Galloway fundierte Statistiken, anekdotische Evidenz und eigene Glaubenssätze zu Tipps für Eltern und Söhne.
»Nur jeder dritte junge Mann unter 30 ist in einer Beziehung, im Vergleich zu zwei von drei Frauen«, sagte Galloway neulich meinem Kollegen Marvin Rishi Krishan (hier mehr dazu ). Seine These lässt sich verdichten zur Formel: Weniger Wohlstand + weniger Sex = mehr Frust. Zu Galloways wichtigsten Ratschlägen an junge Männer gehört: Geht raus, und zwar jeden Tag, verlasst euer Zuhause, lernt Leute kennen. Und ja, es gehört dazu, sich Abfuhren von Frauen zu holen. Ihr haltet das aus (Mini-Clip hier ).
Mehr Hintergrund hier: Was haben die Käfigkämpfe am Weißen Haus mit der Manosphere zu tun?
Was heute sonst noch wichtig ist
Ermittler werfen mutmaßlichem Nord-Stream-Saboteur Kriegsverbrechen vor: Serhij K. sitzt seit vergangenem Jahr in Untersuchungshaft, weil er eine wichtige Rolle bei den Sprengungen der Ostseepipelines gespielt haben soll. Nun will die Bundesanwaltschaft ihn vor Gericht bringen – mit einem neuen Tatvorwurf .
Doch kein Hormus-Einsatz? Pistorius erwägt Abzug deutscher Schiffe: Es geht um die Sicherung der Straße von Hormus: Kanzler Merz hatte eine Beteiligung der Bundeswehr an einer solchen Mission in Aussicht gestellt. Verteidigungsminister Pistorius schlägt nun ganz andere Töne an.
Bundesanwaltschaft nimmt mutmaßlichen Massenmörder fest: Er soll in Ruanda an der Tötung von 25 Menschen beteiligt gewesen sein und lebte nach SPIEGEL-Informationen jahrelang unbehelligt in Deutschland. Nun verhafteten Ermittler im Main-Kinzig-Kreis einen 58-Jährigen.
»12 Euro? Das ist wirklich zu viel«: Hohe Kosten, spürbare Maßnahme: Im Kölner Dom muss man ab heute ein »Besichtigungsgeld« zahlen. Wer nur beten möchte, kommt umsonst rein, in einen abgesperrten Bereich. Was Kölner und Touristen dazu sagen .
Was wir heute bei SPIEGEL+ empfehlen: Das bedeutet Klingbeils Steuerplan für Sie
Kanzler Merz, Vize Klingbeil: Streit über den Spitzensteuersatz
Foto: Florian Gaertner / IMAGOEinigt sich Schwarz-Rot beim Koalitionsausschuss in der Steuerfrage? Finanzminister Lars Klingbeil hat zwei Varianten vorgeschlagen. Probieren Sie mit unserem interaktiven Rechner aus, wie viel mehr oder weniger Ihnen netto bleibt.
Hier geht es zum interaktiven Tool: Was bleibt?
Was heute weniger wichtig ist
Phil Lewis / ZUMA Press / picture alliance
The Rock ohne Bock: Schauspieler Dwayne Johnson, 54, der einst zur Wahl Joe Bidens aufrief, will nicht mehr in der Öffentlichkeit über Politik reden. Wofür ihn Kollegen kritisieren. So schrieb Star-Trek-Darsteller George Takei, 89, in einem Posting auf dem Social-Media-Dienst Threads: »Schweigen ist Mittäterschaft.«
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Und heute Abend?
Blutige Brasilien-Flagge: Brutale Kämpfe sind Teil des Gefängnisalltags
Foto: [M] DER SPIEGEL; Fotos: PromesaArtStudio / iStockphoto / Getty Images; Renee Keith / E+ / Getty ImagesDrei Vorschläge. Sie könnten...
... einen Krimi lesen, vielleicht »Medusa Protocol« von Rob Hart. Darin treffen sich die »Assassins Anonymous«, um über ihre Sünden zu sprechen und Buße zu tun. Bis plötzlich eine ihrer Kolleginnen in der brasilianischen Knasthölle landet. Mein Kollege Marcus Müntefering findet, der Autor Hart beherrsche sein Handwerk perfekt. (Hier die Rezension .)
... etwas kochen, vielleicht scheinbar portugiesischen Bohnen-Gemüse-Eintopf mit Brathähnchen. »Wir fälschen den Geschmack der Küchen der Welt«, verspricht mein Kollege Stevan Paul. »Alles andere als original, dafür originell, schnell und super lecker. Koriander, Lorbeer und Knoblauch in den Topf – schon duftet es nach Portugal… und der Broiler? Kommt vom Imbiss.« (Hier das ganze Rezept .)
... Fußball gucken, heute Abend spielt England gegen die DR Kongo (hier ab 18 Uhr im Livekommentar ). Da gibt’s Kane Pardon.
Ihnen einen schönen Abend. Herzlich Ihr
Ihr Oliver Trenkamp, Blattmacher in der Chefredaktion