Die Lage am Abend Warum will die CDU raus aus dem Parlament?
Die drei Fragezeichen heute:
Merz beim Arbeitgebertag – was sagte der Kanzler zur Rentenreform?
Sachsen-Anhalt – was plant die CDU am Tag, an dem ein Ministerpräsident gewählt werden soll?
Fußballer Vinicius Souza – warum muss sich der Bundesligaspieler vor dem High Court of Justice in London verantworten?
1. Botschaften aus der Ferne
Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) beim Arbeitgebertag
Foto: Bernd von Jutrczenka / dpaBundeskanzler Friedrich Merz hat beim Arbeitgebertag eine verschleppte Rentenpolitik eingeräumt. Nein, nicht, was Sie jetzt denken. Es war kein erneuter Seitenhieb auf Bärbel Bas, der aus Unionskreisen zuletzt vorgeworfen wurde, sie habe als Arbeitsministerin die nötige Rentenreform blockiert. Merz zielte eher auf seine Vorgänger ab. Und es braucht nicht viel Fantasie, anzunehmen, dass er speziell Angela Merkel meinte, die in dem von ihm angesprochenen Zeitraum am längsten regierte.
Deutschland sei bei der Kapitalrente 30 Jahre zu spät dran. Eine gesetzliche Kapitalrente werde die Rentenleistungen steigen und die Beitragssätze sinken lassen, so Merz. Zunächst seien jedoch höhere Beiträge nötig, um einen Kapitalstock aufzubauen. Auch das Ende der abschlagsfreien Frühverrentung mache die Rente gerechter, sagte der Kanzler. Da war er dann doch, der Seitenhieb. Er galt der SPD, in der sich immer deutlicher Widerstand gegen die Abschaffung der »Rente mit 63« formiert. Merz hofft auf langfristig stabile Beitragssätze. Noch nie seien alle Sozialversicherungssysteme gleichzeitig reformiert worden. Er wisse, was das den Menschen abverlange, er wolle es aber fair gestalten. Nach dem Seitenhieb die ausgestreckte Hand in Richtung des Koalitionspartners? Man werde schon einen Kompromiss finden, so die Botschaft.
BDA-Präsident Rainer Dulger lobte Merz als Antreiber von Reformen, forderte von Union und SPD aber bessere Rahmenbedingungen für Unternehmen. »Eine Regierung muss Ergebnisse liefern«, sagte er. Was man von Dulger noch nie gehört hat: »Die Wirtschaft muss Ergebnisse liefern.« Zumindest bei der Innovationsfreude hat Deutschland längst an Strahlkraft verloren. Aber da ist in Dulgers Welt sicher auch die Regierung schuld.
Lesen Sie hier mehr: Merz bewirbt Kapitalrente – und gibt Versäumnisse in der Rentenpolitik zu
2. Die Macht der Abwesenheit
Ulrich Siegmund im Magdeburger Landtag
Foto: Sean Gallup / EPAIm Dezember will sich der AfD-Politiker Ulrich Siegmund zur Wahl als Ministerpräsident in Sachsen-Anhalt stellen und hofft bei dieser Wahl auf Stimmen aus der CDU. Zumindest raunt er immerzu, er habe die Stimmen beisammen.
Die CDU-Fraktion will sich dem Verdacht nicht aussetzen, einem Rechtspopulisten ins Amt zu helfen, und reagierte: Ihre Abgeordneten sollen bei dieser Wahl den Saal verlassen, berichtet mein Kollege Fabian Hillebrand. Den Beschluss fassten heute 14 von 15 Abgeordneten. Niemand kann ihnen so eine Stimme für die AfD unterstellen, so das Kalkül. Und Abweichler müssten sich zu erkennen geben.
Für Siegmund ist das ein Dilemma: Er wollte nur im ersten Wahlgang antreten, droht dort aber zu scheitern. Im dritten Wahlgang genügt die einfache Mehrheit der abgegebenen Stimmen. Fehlen die CDU-Abgeordneten, könnte Siegmund daher mit weniger Stimmen gewählt werden.
Der Linkenpolitiker Bodo Ramelow nannte das einen »billigen Trick«. Ob es zum dritten Wahlgang kommt, ist offen. Hält Siegmund an seinem Plan fest, könnte das CDU-Manöver ihn die Wahl kosten. Die Frage ist, ob die CDU das Manöver tatsächlich geschlossen durchzieht oder am Ende nicht doch einige Abgeordnete überlaufen. Dann allerdings könnte sich der Landesverband auch gleich auflösen.
Lesen Sie hier die ganze Geschichte: Bei Siegmund-Wahl den Saal verlassen – verhindert dieser CDU-Trick einen rechtsextremen Ministerpräsidenten?
3. PS, ich schiebe dich
Wolfsburg-Profi Vinicius Souza nach dem Abstieg des VfL
Foto:Ulrich Hufnagel / IMAGO
Der Fußballer Vinicius Souza ist sportlich im Aufwind: Beim Zweitligisten VfL Wolfsburg gehört der 27-jährige Brasilianer zu den Leistungsträgern. Er stand in allen sieben Saisonspielen auf dem Platz und erzielte zwei Tore. Trainer Tobias Strobl setzt ihn als Abräumer ein.
Abseits des Platzes droht Ärger aus seiner Zeit in England, berichten meine Kollegin Sara Wess und mein Kollege Peter Ahrens. Demnach soll er zwei Luxusautos im Mietkauf bezogen, aber nicht bezahlt haben. Die Aldermore Bank forderte im November 2025 rund 220.000 Pfund (etwa 260.000 Euro), sofort fällig. Den Mercedes verkaufte die Bank mit Verlust; für den Ferrari, den die Kfz-Versicherung nach einem Totalschaden nur teilweise beglich, blieb eine Restforderung von über 197.000 Pfund offen. Heute musste sich Souza vor dem High Court of Justice in London verantworten. Auf eine SPIEGEL-Anfrage antwortete er nicht.
Seit 2020 ist Souza in Europa unterwegs, Wolfsburg ist seine fünfte Station. Sportlich war Souzas Start bei den Niedersachsen holprig: Der 2025 für 15 Millionen Euro von Sheffield United verpflichtete Profi spielte zunächst ungewohnt auf der Achterposition und galt bald als Fehleinkauf. Erst unter Dieter Hecking wurde er Stammspieler auf seiner Lieblingsposition.
In welchem Auto Souza aktuell seine Lieblingsposition einnimmt, ist nicht überliefert. Auch wenn er gerade in Wolfsburg spielt – ein VW Golf wird es nicht sein.
Lesen Sie hier mehr: Er fuhr rasante Luxusautos, nur mit dem Bezahlen war er weniger schnell
Was heute sonst noch wichtig ist
Bulgarien bittet EU und Nato nach Drohnenangriffen um Hilfe: Im Schwarzen Meer werden zwei Schiffe angegriffen, eines sinkt, die Besatzung verschwindet. Die Ukraine macht Russland für den Angriff verantwortlich – nun bittet Bulgarien um verstärkte Ermittlungshilfe.
Brandanschlag auf Starlink-Station in Polen – Durchsuchungen in Deutschland: Nach einem Brand in einer polnischen Starlink-Station im September haben Ermittler mehrere Objekte durchsucht. Baden-Württembergs Innenminister Hagel warnt vor einem »Dornröschenschlaf« Deutschlands.
Jede zweite Fußballerin erwägt Karriereende: Finanzieller Druck und psychische Belastungen lassen Fußballerinnen weltweit über ein frühzeitiges Ende ihrer Laufbahn nachdenken. Das zeigt eine Fifpro-Umfrage. Eine deutliche Verbesserung gab es hingegen auf einem anderen Gebiet.
Anthropic warnt, KI-Modelle könnten bald auch Smart-TVs übernehmen: internetfähige Fernseher, vernetzte Backöfen oder Kühlschränke: Auf Haushaltsgeräten, die mit dem Internet verbunden sind, könnten sich laut Anthropic KI-Modelle unkontrolliert vermehren. Ein ziemliches Horrorszenario.
Mein Lieblingsgespräch heute: Kein Pardon
Autor und Komiker Kerkeling
Foto:Dirk Kerkeling / Privat
Fast 155.000 Menschen haben den Onlineaufruf »Hape Kerkeling als Bundespräsident« unterschrieben, im Interview mit meinen Kolleginnen Ulrike Knöfel und Carola Padtberg zeigt sich der Komiker und Autor nun gerührt: »Dass da jemand eine Petition startet und die Idee hat, eine queere Person soll Staatsoberhaupt werden – das wollte ich nicht unterbinden. Das wird sicherlich nicht zum Erfolg führen, aber es wird für Diskussionen sorgen, die einer freien Gesellschaft guttun.« Ein Interesse an einem solchen Amt will der 61-Jährige nicht dementieren, bleibt aber zurückhaltend: »Ohne die CDU würde es nicht gehen. Und die wird jemanden nach ihrer Vorstellung küren. Da wollen wir hoffen, dass die Wahl auf die richtige Dame fällt.«
Lesen Sie hier die ganze Geschichte: »Wer will, dass die Löwen in die Arena kommen, der will auch Blut sehen«
Was heute weniger wichtig ist
Künftig züchtig: Die oscarnominierte Schauspielerin Amanda Seyfried, 40, kann frei wählen, welche Angebote sie annimmt. Diese Freiheit führt dazu, dass sie Sexszenen lieber meidet: Eine TV-Serie lehnte sie ab, weil die Rolle »ständig Sex haben müsste«. Sie will sich nicht nackt vor Fremden zeigen und setzt mehr Grenzen, etwa bei Fanfotos mit ihren Kindern. Früher habe sie Knutschszenen noch genossen. Heute sagt sie: »Unsere Jobs sind seltsam.«
Mini-Hohlspiegel
Schaukasten in einer Haltestelle in Mellrichstadt (Bayern)
Hier finden Sie den ganzen Hohlspiegel.
Cartoon des Tages
Entdecken Sie hier noch mehr Cartoons
Klaus Stuttmann
Und heute Abend?
Sollten Sie in Berlin leben, könnten Sie in die Philharmonie gehen. Dort spielt heute Abend der junge Pianist Luca Sestak, 1995 in Celle geboren. Der Musiker schaffte es als Musikinfluencer auf die großen Bühnen.
Vor 20 Jahren veröffentlichte er als Teenager, der zunächst von seinen Eltern zum Klavierunterricht »überredet« werden musste, seine ersten Videos im Internet. Mittlerweile zählt er eine halbe Million Follower.
Sestak beherrscht dabei alle Genres. Er interpretiert Chopin und Bach genauso wie Popklassiker, und er komponiert auch selbst. Sein erstes Album beim Label Act erscheint im Frühjahr 2027. Wenn Sie mögen, hören Sie einfach jetzt schon mal rein, wie cool auch deutsche Jazzer sein können (hier bei YouTube ).
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Ich wünsche Ihnen einen schönen Abend. Herzlich
Ihr Janko Tietz, Leiter des SPIEGEL-Nachrichtenressorts