meinung •Die Lage am Abend Widerstand in Wolfsburg
Die drei Fragezeichen heute:
VW – muss der Konzern Werke in Deutschland schließen?
Sachsen und Thüringen – wie blicken unsere Leser auf die Wahlen?
Schulstart – ab wann können Kinder allein zur Schule radeln?
1. Besorgte Blicke nach Sachsen und Thüringen
Die Landtagswahlen in Sachsen und Thüringen sind auch heute das wichtigste Thema im Land: Die Ergebnisse werden gedeutet, kommentiert, beklatscht, bedauert oder schöngeredet. Es geht um die Stärke der AfD, das erfolgreiche Debüt des BSW, die Abstrafung der Ampel. Und um den komplizierten Prozess der Regierungsbildung, der nun bevorsteht.
»Dieser Wahlabend ist eine Zäsur«, schreibt mein Kollege Christoph Hickmann in seinem Leitartikel , denn er stehe nicht nur für eine Krise der Regierungsparteien, sondern für die Krise der liberalen Demokratie.
Die Ergebnisse der Landtagswahlen seien ein Signal nach Berlin, so Christoph, und nun sei es an der Ampel, eine Botschaft zurückzusenden. »Sie sollte auf keinen Fall lauten: Wir haben verstanden. Stattdessen sollte die Botschaft eine leisere, bescheidenere sein: Wir wollen Euch verstehen, wir wollen es zumindest versuchen. Und dafür hören wir jetzt erst mal gründlich zu.«
Auch wir hören gern zu, deshalb haben wir unsere Leserinnen und Leser heute gefragt: Bereiten Ihnen die Wahlergebnisse in Sachsen und Thüringen Sorgen? Bis zum Nachmittag hatte eine klare Mehrheit der Nutzerinnen und Nutzer diese Debattenfrage mit »Ja« beantwortet. Etliche haben aber auch erklärt, warum sie das Wahlergebnis mit Gelassenheit hinnehmen: Es sei zwar eine Schlappe für die Ampel, aber auch »ein Weckruf, der noch zu Politikveränderungen Zeit lässt«, heißt es in einem Beitrag. Andere rechnen mit einer baldigen »Entzauberung« der AfD. Ein Nutzer schreibt: »Sorgen würde mir etwas bereiten, das unabänderlich ist und sich der Gestaltungskraft der bestehenden Demokratie entziehen würde.« Einer hält dagegen: »Ich bin da mittlerweile jenseits der Sorgen.«
Und wie blicken Sie auf die Wahl? Diskutieren Sie hier mit.
Alle Informationen und Hintergründe zur Wahl in Thüringen finden Sie hier.
Alle Informationen und Hintergründe zur Wahl in Sachsen finden Sie hier.
Lesen Sie hier den Leitartikel: Dieser Wahlabend ist eine Zäsur
2. Düstere Aussichten bei VW
Der Volkswagenkonzern rutscht tiefer in die Krise: Das bereits laufende Sparprogramm des größten deutschen Autobauers reicht offenbar keineswegs aus. Nach SPIEGEL-Informationen klafft im VW-Finanzplan eine Lücke von vier bis fünf Milliarden Euro, deshalb sind weitere gravierende Einsparungen nötig .
Der Belegschaft könnten also bittere Nachrichten bevorstehen. Man sehe sich gezwungen, »die seit 1994 fortgeschriebene Beschäftigungssicherung aufzukündigen«, bestätigte Volkswagen am Montagnachmittag dem SPIEGEL. Erstmals in seiner Geschichte erwägt das Unternehmen sogar Werksschließungen in Deutschland. Welche Werke betroffen sein könnten und ob sie tatsächlich geschlossen werden, ist noch unklar. Würden aber je ein Auto- und ein Komponentenwerk dichtgemacht, könnten bis zu 20.000 Jobs bedroht sein, schreibt mein Kollege Simon Hage.
»Man weiß natürlich nicht, ob es wirklich so kommt«, sagt Simon, »aber es ist schon eine Zäsur, dass es inzwischen um Werkschließungen und betriebsbedingte Kündigungen geht.« Bisher habe der Konzern immer noch Kompromisse schließen können, doch nun sehe es ernst aus.
Daniela Cavallo, Chefin des VW-Betriebsrats, wählte angesichts der drohenden Einschnitte ungewohnt drastische Worte: »Der Vorstand stellt nicht weniger als die gesamte Kernmarke VW infrage. Wir werden nicht zulassen, dass wir hier abgewickelt werden.« Sie kündigte »erbitterten Widerstand der Arbeitnehmerseite« an.
Lesen Sie hier die ganze Geschichte: Volkswagen erwägt, erstmals Werke in Deutschland zu schließen
3. Sicher zur Schule
Die Sommerferien sind in den meisten Bundesländern vorbei, in der nächsten Woche müssen auch die Kinder in Bayern und Baden-Württemberg wieder oder erstmals in die Schule. Bloß wie kommen sie dahin?
Für Eltern von Grundschulkindern ist das eine große Frage . Läuft das Kind allein zur Schule, fährt es mit dem Rad, nimmt es den Bus – oder sitzt es etwa auf dem Rücksitz eines verpönten Elterntaxis?
Mein Kollege Lukas Kissel hat den Verkehrspädagogen Josef Weiß von der Deutschen Verkehrswacht gefragt, ab wann Kinder allein mit dem Rad zur Schule fahren können. Die Frage sei unter Experten »hochumstritten«, sagt Weiß. Er selbst rät Eltern, die »Fähigkeiten ihres Kindes nicht zu überschätzen« und die Kinder nicht zu früh allein radeln zu lassen: »Tatsächlich sind Kinder erst am Ende der Grundschule entwicklungspsychologisch so weit, dass sie auch in schwierigen Situationen angemessen reagieren können.« Warum er Elterntaxis allerdings für eine schlechte Alternative hält, erklärt der Experte auch.
Lesen Sie hier das ganze Interview: Wann können Kinder mit dem Rad zur Schule fahren, Herr Weiß?
Was heute sonst noch wichtig ist
Kimmich wird neuer Kapitän der Nationalmannschaft: Bundestrainer Julian Nagelsmann hat den Nachfolger von İlkay Gündoğan bestimmt. Künftig soll Joshua Kimmich die DFB-Auswahl auf und neben dem Feld anführen.
Gericht ordnet Ende des Generalstreiks in Israel an: Israels Armee hat sechs Geiseln tot geborgen. Es folgten Massenproteste für einen Deal mit der Hamas. Auch Israels größter Gewerkschaftsbund schloss sich an. Ein rechtsextremer Minister wehrte sich vor Gericht – mit Erfolg.
»Life Coach« hielt Frauen gefangen und vergewaltigte sie: Ein Mann in Baden-Württemberg versprach jungen Frauen ein besseres Leben, lockte sie in sein Haus, hielt sie dort gefangen und vergewaltigte sie. Nun muss er für mehr als elf Jahre in Haft.
Workaholics, schlaft am Wochenende aus! Ist besser fürs Herz: Wer zu wenig schläft, belastet unter anderem sein Herz. Auf Dauer steigt das Risiko für Herzerkrankungen. Eine Untersuchung zeigt nun, dass sich das Risiko auch wieder senken lässt – auf naheliegende Weise.
Kritische Filmbiografie über Trump soll noch vor US-Wahl ins Kino kommen: In »The Apprentice« wird Donald Trump als skrupellos und als Vergewaltiger dargestellt. Laut »Hollywood Reporter« soll das Werk nun knapp vier Wochen vor den Präsidentschaftswahlen in Kinos gezeigt werden.
Was wir heute bei SPIEGEL+ empfehlen
Wenn der Postmann nicht mehr klingelt: Die Haustür öffnet sich von allein, man kann im Urlaub den Handwerker reinlassen: Smarte Schlösser versprechen Komfort im Alltag. Oder locken sie Einbrecher an?
Am Ende wurde noch einmal richtig abgeekelt: Impala-Augen und Mäuseschwänze: Georgina Fleur kaut, würgt und röhrt sich im Dschungel zum Sieg. Die unerwartete Camp-Monarchin beschließt eine gute Staffel, in der Wiedergänger ein Tauchbad im sozialen Tippex-Fass nahmen .
KI könnte mich retten oder zerstören: Ich habe mit KI ein Video über Feminismus generiert. Viele likten, teilten, kommentierten – und haben gar nicht bemerkt, dass das gar nicht ich war. Warum es wichtig ist, genau hinzuschauen.
»Was liest man so mit 102, Herr Troller?« Jenseits der hundert Lebensjahre wird die Zeit knapp für dicke Wälzer – von wegen. Der 102-jährige Weltkriegsveteran Georg Troller erzählt, warum er Theodor Storm zu langatmig findet und was US-Autoren auszeichnet .
Duell der Tatortreiniger: Die Buddys Brad Pitt und George Clooney feiern bei den Filmfestspielen auf dem Lido ihre Freundschaft beim Bootfahren und im Rampenlicht – und präsentieren die krachlustige Kriminalkomödie »Wolfs« .
Was heute weniger wichtig ist
Auf und unterm Teppich: Hollywoodstar Brad Pitt, 60, zeigte sich beim Filmfest in Venedig erstmals mit seiner Freundin Inés de Ramón auf dem roten Teppich.
Die beiden erschienen zur Premiere der Kriminalkomödie »Wolfs«, in der Brad Pitt und George Clooney zwei Tatortreiniger spielen. (Lesen Sie hier die Rezension meines Kollegen Wolfgang Höbel.) Beim Filmfest hatte auch Pitts Ex-Frau Angelina Jolie einen Auftritt; sie spielt in »Maria« die Opernsängerin Maria Callas. Die Festivalveranstalter stellten sicher, dass sich Pitt und Jolie nicht über den Weg liefen.
Mini-Hohlspiegel
Aus dem nordbayerischen »Kurier«
Hier finden Sie den ganzen Hohlspiegel.
Cartoon des Tages
Entdecken Sie hier noch mehr Cartoons.
Illustration: Thomas Plaßmann
Und heute Abend?
Szene aus der Vorführung des Balletts »Epilog« von John Neumeier in der Hamburgischen Staatsoper
Foto: Daniel Bockwoldt / dpaKönnten Sie sich um erste Weihnachtsgeschenke kümmern. Im Supermarkt stehen bereits die Lebkuchen, es wird also Zeit.
Natürlich ist das verrückt früh, doch in unserer Familie schenken wir uns gern Tickets für gemeinsame Kulturerlebnisse – und die muss man oft zeitig buchen. Heute habe ich deshalb Karten für John Neumeiers Abschiedsballett »Epilog« hier in Hamburg besorgt (lesen Sie hier mehr zu dem Stück).
Auch Karten für die Antilopen Gang in Osnabrück (lesen Sie hier das Interview meiner Kollegen Andreas Borcholte und Jurek Skrobala), den Auftritt der Wissenschafts-Podcaster Methodisch Inkorrekt in Braunschweig oder die Funkelkonzerte für Kinder in der Hamburger Elbphilharmonie wollen rechtzeitig besorgt werden. Vielleicht fällt Ihnen auch etwas für Ihre Lieben ein.
Wer allerdings Karten für die wiederauferstandene Britpop-Band Oasis ergattern will, ist wohl schon zu spät dran. Die Konzerte waren blitzschnell ausverkauft, und Plattformen für Weiterverkäufe sind nicht nur wegen der horrenden Preise keine Option: Die Musiker warnen inzwischen vor gefälschten Tickets.
Ich wünsche Ihnen einen schönen Abend.
Herzlich
Ihre
Judith Horchert, Blattmacherin