1. Die Kerosinkosten liegen weit über dem geplanten Budget
Airbus A320 der Eurowings beim Betanken am Flughafen Stuttgart
Foto: Christoph Schmidt / dpaMein Kollege Martin U. Müller berichtet über die Überlegungen bei Lufthansa, wegen der hohen Kerosinpreise Flüge der Konzerntochter Eurowings zu streichen und die Voraussetzungen für Kurzarbeit bei Eurowings zu prüfen. Die Sorgen vieler Fluglinienbetreiber beschreibt er so: »In der Branche wird die Luft auch angesichts der Treibstoffpreise zunehmend dünn.« (Hier mehr )
Schuld an der aktuellen Krise sei die Verteuerung des Treibstoffs. Seit Beginn des Kriegs im Nahen Osten hat sich der Preis für raffiniertes Kerosin mehr als verdoppelt. Allein bei Eurowings liegen die Kerosinkosten nach Informationen des SPIEGEL etwa 250 Millionen Euro über dem geplanten Budget. Die Fluggesellschaft will dies nicht bestätigen und verweist auf die Stillhaltefrist vor der Veröffentlichung der Quartalszahlen.
Eurowings streiche Flüge aus dem Winterflugplan, die sich angesichts der gestiegenen Kosten nicht mehr rentieren, so mein Kollege Martin. »In einem ersten Schritt wird das Angebot um etwa fünf Prozent gekürzt. So entfallen die Verbindungen von Köln/Bonn und Stuttgart nach Dubai, obwohl die Fluggesellschaft diese Ende September noch mit großem Tamtam angekündigt hatte.«
Wie angespannt die Lage sei, zeige sich derzeit auch am Boden in Frankfurt am Main. Am größten Drehkreuz der Lufthansa-Gruppe ist derzeit Kerosin knapp. Schuld ist offenbar eine Pipeline der Nato, an der angeblich Wartungsarbeiten stattfinden. Flüge werden nur deshalb nicht gestrichen, weil Lufthansa andere Maßnahmen ergreift. So werden die Flugzeuge an anderen Orten vollgetankt, sodass in Frankfurt weniger nachgefüllt werden muss. In der Branche bezeichnet man dies als »Tankering«. »Zwar entstehen dadurch zusätzliche Kosten, da das Flugzeug das Mehrgewicht durch den zusätzlichen Sprit mitschleppen muss«, schreibt Martin, »allerdings können Flugstreichungen verhindert werden«.
Lesen Sie hier die ganze Geschichte: Eurowings prüft Kurzarbeit
2. Die Ungleichheit gefährdet das Grundvertrauen in einen fairen Staat
»Kommt eine Frau zum Arzt…« oder »Kommt ein Mann zum Arzt…«, so fingen in früheren Zeiten meist nicht sehr gute Witze an. Heute wird über medizinische Fachkräfte wenig gewitzelt, aber viele Menschen ärgern sich: darüber, dass sie oft erst nach langer Wartezeit zum Arzt oder zur Ärztin kommen dürfen. Die aktuelle SPIEGEL-Titelgeschichte handelt davon, dass es fast nirgendwo so ungerecht zugeht wie in deutschen Arztpraxen. Kassenpatienten warten ewig. Privatkunden werden bevorzugt (hier mehr ).
Drei Viertel der Bürger finden laut einer aktuellen Umfrage das System aus gesetzlicher und privater Krankenversicherung und die daraus folgende Ungleichheit bei den Arztterminen nicht gerecht. Meine Kollegen Markus Becker, Benjamin Bidder, Michael Brächer, Markus Brauck, Florian Diekmann, Matthias Kaufmann, Martin U. Müller und Christian Teevs schildern, dass die Unzufriedenheit mit dem System das Grundvertrauen der Deutschen in einen fairen Staat gefährdet. »An der Frage der Krankenversicherung macht sich für viele Deutsche fest, ob es grundsätzlich gerecht zugeht in ihrem Land. Wenn sich der Eindruck verfestigt, die Mehrheit bekomme mehr aufgebürdet als nötig und eine Minderheit könne sich aus der Misere verabschieden, hätte das fatale Folgen für die Akzeptanz des Staats überhaupt.«
Bundeskanzler Friedrich Merz hat Ende September seine Parteifreunde mit dem Satz überrascht, das Nebeneinander von gesetzlichen und privaten Kassen werde von vielen Menschen als »Gerechtigkeitsproblem« betrachtet. Doch die neue Parole dient wohl nur dazu, bekannte Reformvorhaben ideologisch zu unterfüttern und den Koalitionspartner SPD, der sich in Sachen Gerechtigkeit für die erste Adresse hält, vor sich herzutreiben. »Ein neuer Ansatz, ein Kanzler Merz, der sich wirklich neu erfindet, eine Koalition, die eine der größten Ungerechtigkeiten im Land tatsächlich angehen will, wie es für einen Moment schien, all das ist nicht zu entdecken«, schreiben meine Kollegen. Und sie zitieren Ernst Fehr, einen Verhaltensökonomen an der Universität Zürich, mit dem Satz: »Vielen Menschen fällt es schwer, zu ertragen, wenn andere, mit denen sie sich vergleichen, bessergestellt sind als sie selbst.«
Lesen Sie hier die ganze Geschichte: Alle reden von Gerechtigkeit. Das größte Problem geht keiner an
3. Offenbar haben die Raupen im Norden zu wenig Fressfeinde
Einpunkt-Graseulen-Raupe an einer Wand
Foto: Gianluca Volpe / SL Druck + Medien AG / dpaSehr viele heute lebende Menschen sind mit einem Kinderbuch von Eric Carle aufgewachsen, über dessen Heldin es in einem populären Kinderlied heißt: »Ich bin die Raupe Nimmersatt / Die immer großen Hunger hat.« Die Bewohnerinnen und Bewohner der Gegend um den Schweizer Ort Sargans finden Raupen im Augenblick nicht besonders niedlich. Millionen von Raupen der Art Einpunkt-Graseule, aus denen sich die gleichnamigen Nachtfalter entwickeln, haben rund 50 Hektar Wiesen kahl gefressen, zehn Prozent der gesamten Wiesenfläche in der Region (hier mehr).
Im Raupenstadium ist das Tier nur wenige Zentimeter lang und ernährt sich von Gräsern. Bruno Inauen, Chef des St. Galler Amts für Landwirtschaft, nannte gegenüber dpa das warme Wetter als einen der Gründe für die derzeitige Ausbreitung. »Die Eulenfalter sind wärmeliebend und fliegen aus Südeuropa ein.« Sie kommen auch im südlichen Kanton Tessin vor. In diesen Breitengraden hätten sie wohl nicht genügend Fressfeinde, was ebenfalls zu einer Ausbreitung der Population beitragen könnte.
Jeder Falter kann mehr als tausend Eier legen. Immerhin sterben die Tiere bei winterlicher Kälte offenbar ab. Der Experte Inauen warnt trotzdem: Eine Ausbreitung weiter Richtung Norden sei nicht auszuschließen. Ob Carles Kinderbuch von der »Raupe Nimmersatt« in Zukunft auf weniger Begeisterung stößt?
»Dass sich Arten, die überwiegend in Südeuropa heimisch sind, plötzlich massenhaft nordwärts ausbreiten können, ist ein Phänomen, auf das wir uns einstellen müssen«, sagt mein Kollege Marco Evers. »Durch den Klimawandel steigt auch in Deutschland die Durchschnittstemperatur, die Winter werden in der Tendenz milder.«
Lesen Sie hier mehr: Raupen fressen in St. Gallen 50 Hektar kahl
Was heute sonst noch wichtig ist
Arbeitsagentur warnt vor Kürzung der Zuwanderung: Die Westbalkanregelung erleichtert seit 2016 Arbeitsuchenden den Zugang zum deutschen Arbeitsmarkt – und das erfolgreich. Trotzdem wollen Union und SPD das Kontingent kürzen. Die Wirtschaft hält das für einen Fehler.
Netzstörung beeinträchtigt Flugverkehr in Italien über Stunden: Viele Flüge fielen aus, andere hatten erhebliche Verspätung: Wegen einer Störung ging am Himmel über Italien stundenlang nicht viel. Auch der Flugverkehr von und nach Deutschland war betroffen.
Mehr als 30 Schüler retten sich aus brennendem Bus: Schock auf dem Weg zur Schule: In Bayern ist in einem Linienbus ein Feuer ausgebrochen. Alle Schüler an Bord und der Fahrer konnten sich in Sicherheit bringen. Das Fahrzeug brannte vollständig aus.
Was wir heute bei SPIEGEL+ empfehlen
Nato-General Grynkewich
Foto: NurPhoto / Getty Images»Unsere militärischen Fähigkeiten übertreffen die Moskaus bei Weitem.« US-General Alexus Grynkewich führt alle Nato-Truppen in Europa, Carsten Breuer ist der ranghöchste Soldat der Bundeswehr. Im SPIEGEL-Interview erläutern beide, wie sie die Allianz für einen Konflikt mit Russland rüsten .
Was heute weniger wichtig ist
Ben Affleck
Foto:Elisabetta A. Villa / Getty Images
Mehr Mut zum Kinoflop! Ben Affleck, 54, Hollywoodstar, hat die Filmsatire »Digger« verteidigt und sich gegen die Schadenfreude über den kommerziellen Misserfolg des sperrigen Kinowerks von Regisseur Alejandro González Iñárritu gewandt. »Es ist ein bisschen wie Mobbing in der Schule«, sagte Affleck. »Wenn man Filme bestraft, die Risiken eingehen, was bekommt man dann wohl? Einen Haufen beschissener, gleichförmiger Filme.«
Mini-Hohlspiegel
Aus dem »Tagesspiegel«
Hier finden Sie den ganzen Hohlspiegel.
Cartoon des Tages
Entdecken Sie hier noch mehr Cartoons
Klaus Stuttmann
Und heute Abend?
Rockband Fontaines D.C.
Foto:Elizaveta Porodina
Könnten Sie sich das neue Album der Rockband Fontaines D.C. anhören. »Das Album entfaltet sich, selten laut, dafür überraschend behutsam und nach Harmonien tastend, wie ein dystopisches Arthouse-Drama im Kino«, lobt mein Kollege Andreas Borcholte. Besonders hat es ihm der Song »Where Is Gone?« angetan, in dem neben dem Bandsänger und Texter Grian Chatten auch die spanische Musikerin Rosalía zu hören ist. »Zwei bestimmende Pop-Acts der Stunde in Weltschmerz und Fatalismus vereint«, berichtet Andreas. »Es ist einer der größten Popmomente des Jahres.«
Einen schönen Abend. Herzlich
Ihr Wolfgang Höbel, Autor im Kulturressort
Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version hieß es, der Reim über die Raupe Nimmersatt stamme aus dem Buch von Eric Carle. Er stammt aber aus einem Kinderlied über die Heldin des Buchs. Wir haben den Fehler korrigiert.