News: EU-Krisentreffen, Kopenhagen, Drohnen, Russland, Ukraine, Afghanistan - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Christoph Scheuermann

meinung •Die Lage am Morgen Putins Geld, Europas Angst

Heute geht es um die Frage, ob die EU russisches Vermögen für die Ukraine nutzen kann. Was in Afghanistan ohne Internet geschieht. Und warum niemand den Mann aufhielt, der voriges Jahr auf dem Magdeburger Weihnachtsmarkt sechs Menschen tötete.

Dieses Audio ist derzeit nicht verfügbar.
Podcast Cover

Putins Milliarden, Europas Angst

Am heutigen Mittwoch versammeln sich in Kopenhagen die EU-Staats- und Regierungschefs zu einem Krisentreffen. Ein wichtiges Thema sind die Drohnen, die seit Wochen über Teilen Nord- und Osteuropas gesichtet werden, über Flughäfen, Kraftwerken, Militärbasen. Der Verdacht liegt nahe, dass Moskau hinter diesen Provokationen steckt. Ende vergangener Woche wurden auch in Schleswig-Holstein verdächtige Flugkörper beobachtet, die Behörden beschäftigt die Frage, ob die Drohnen gezielt wichtige Einrichtungen der kritischen Infrastruktur überflogen, um diese zu vermessen (lesen Sie hier mehr ) – darunter ein Kraftwerk, das Universitätsklinikum Kiel und der Sitz der Landesregierung.

Bundeswehr-Fregatte »Hamburg« in Kopenhagen am Montag: Wie lassen sich Drohnen bekämpfen?

Bundeswehr-Fregatte »Hamburg« in Kopenhagen am Montag: Wie lassen sich Drohnen bekämpfen?

Foto: Kristian Tuxen Ladegaard Berg / NurPhoto / IMAGO

Wie lassen sich Drohnen bekämpfen? Können wir die Dinger nicht einfach abschießen, wenn sie nicht gerade über Wohnhäuser fliegen? Und überhaupt, was kann Europa dem russischen Machthaber und dessen Nadelstichen entgegensetzen, außer ungemütlichen Worten?

Eine Antwort auf die letzte Frage könnte sein: genügend Geld. Seit Beginn des russischen Großangriffs auf die Ukraine hat die EU mehr als 200 Milliarden Euro der russischen Zentralbank eingefroren. Lange lag das Geld bei der Clearing-Gesellschaft Euroclear in Brüssel einfach so herum, zu groß waren die juristischen Bedenken, auch Deutschlands, trotz der russischen Invasion die Milliarden zu verteilen. Im vergangenen Jahr rang man sich dazu durch, zumindest die Zinsen an die Ukraine weiterzugeben, bislang knapp fünf Milliarden Euro.

Nun hat die EU-Kommission vorgeschlagen, das russische Vermögen zwar nicht zu beschlagnahmen, aber einen Teil davon, 140 Milliarden Euro, in Form von sogenannten »Kommissionsanleihen« zu investieren. Diese würden dann als Darlehen an die Ukraine weitergegeben. Es ist ein Finanztrick und es gibt immer noch Skeptiker in der EU, aber zumindest Bundeskanzler Friedrich Merz hat seine Zustimmung bekundet. Es könnte sich also etwas bewegen. 140 Milliarden Euro an die Ukraine würden Putin schmerzen und Europas Rücken inmitten der Drohnenangst ein wenig stärken.


Blackout am Hindukusch

Kein Netz, kein Empfang, kein digitaler Zugang zur Welt: So muss man sich seit gestern das Leben in Afghanistan vorstellen, wo eine landesweite Internetblockade herrscht. »Acht- bis neuntausend Telekommunikationsmasten« hätten die Taliban abgeschaltet, hieß es gestern. Wie lange die Unterbrechung dauert, weiß niemand. Banken können kein Geld mehr überweisen, der Flugbetrieb funktioniert nur noch eingeschränkt, auch digitaler Unterricht findet nicht mehr statt. Die BBC zitiert eine Studentin im Land mit den Worten: »Unsere letzte Hoffnung waren Onlinekurse. Jetzt ist auch dieser Traum zerstört.«

Männer vor einem schwarzen Smart-TV in Kabul: »Talibanfeindliche Inhalte«

Männer vor einem schwarzen Smart-TV in Kabul: »Talibanfeindliche Inhalte«

Foto: Sayed Hassib / REUTERS

Vor Wochen schon hatten die Taliban damit begonnen, Bücher von Frauen aus den Universitäten des Landes zu entfernen, wie die »New York Times« berichtete. Rund 140 Titel – darunter Bücher über Arbeitssicherheit in Laboren – waren als »bedenklich« eingestuft worden, da sie »anti-scharia- und talibanfeindliche Inhalte« enthielten (mehr dazu hier). Im Mai hatten die Herrscher bereits Schach verboten, weil es angeblich das Glücksspiel fördere, das sie als Laster betrachten.

Das Heikle: Etliche westliche Staaten brauchen einen halbwegs belastbaren Draht nach Kabul, das macht den Umgang mit den Taliban so kompliziert. Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) hat seit Längerem Gespräche angebahnt, um Abschiebeflüge an den Hindukusch zu organisieren.


Warum stoppte niemand den Täter von Magdeburg?

Es war einer der folgenreichsten Anschläge in der jüngeren deutschen Geschichte: Vier Tage vor Heiligabend 2024 stieg Taleb Al Abdulmohsen in einen zwei Tonnen schweren BMW X3 und fuhr in das Gedränge des Magdeburger Weihnachtsmarkts. Sechs Menschen starben, mehr als 300 wurden verletzt. Nun soll in wenigen Wochen der Prozess gegen den Täter beginnen, und was meine Kolleginnen und Kollegen im Deutschlandressort des SPIEGEL über Abdulmohsen recherchiert haben, lässt die Sicherheitsbehörden nicht gut aussehen.

Trauernde in Magdeburg nach dem Anschlag im Dezember 2024: Keine Behörde fühlte sich zuständig

Trauernde in Magdeburg nach dem Anschlag im Dezember 2024: Keine Behörde fühlte sich zuständig

Foto: Ingmar Björn Nolting / DER SPIEGEL

Abdulmohsen war für sein aufbrausendes Temperament bekannt, selbst der Geheimdienst aus seiner saudi-arabischen Heimat warnte vor ihm. Er war 2006 nach Deutschland gekommen und arbeitete zuletzt als Arzt in Sachsen-Anhalt, wo er suchtkranke Straftäter betreute (mehr zum Tod eines Patienten lesen Sie hier ). Immer wieder zettelte er Streit an, mit Vorgesetzten, Kollegen oder Exil-Aktivisten aus Saudi-Arabien, er hetzte im Netz gegen den Islam und unterstützte die AfD. Schon 2023 hegte er offenbar Anschlagspläne. Knapp ein Jahr vor dem Attentat in Magdeburg schrieb er auf der Plattform X: »Wenn Taleb Al Abdulmohsen willkürlich deutsche Staatsbürger töten würde, was ist eure Meinung dazu?«

Abdulmohsen passte nicht in die Schubladen extremistischer Gefährder, keine Behörde fühlte sich für ihn so richtig zuständig. »Wenn es in jüngerer Vergangenheit einen Attentäter in Deutschland gab, dessen bedrohliche Radikalisierung lange im Voraus erkennbar war, dann war das Abdulmohsen«, schreiben meine Kollegen. Ein Blick in seine Akte zeigt, was geschehen kann, wenn Hass sich ungebremst Bahn bricht.


Lesen Sie hier den aktuellen SPIEGEL-Leitartikel

  • Ein kleines bisschen Frieden: Donald Trumps Plan für Gaza ist eine Sammlung von luftigen Ideen – und trotzdem die derzeit einzige Chance auf ein Ende des Krieges .


Hier geht’s zum aktuellen Tagesquiz

Noch mehr Rätsel wie Wordle, Wortsuche und Paarsuche finden Sie bei SPIEGEL Games.


Gewinner des Tages…

…ist Leica. Der Kamerahersteller mit Sitz im hessischen Wetzlar feiert dieses Jahr das 100-jährige Jubiläum der Leica I., der ersten in Serie produzierten Kleinbildkamera der Welt. Nun hat das Unternehmen einen neuen Rekordumsatz von knapp 600 Millionen Euro im vergangenen Geschäftsjahr vermeldet.

Logo von Leica

Logo von Leica

Foto: Patricia de Melo Moreira / AFP

Offenbar gibt es etliche Menschen, die sich die Kameras trotz der Preise leisten können, auch das Geschäft mit Heimkino-Projektoren, Uhren und Brillengläsern boomt. Einen kleinen Anteil am Erfolg werden aber sicher auch die kamerabehängten Hipster haben (und alle, die sich dafür halten), die seit Jahren in den Metropolen der Welt so tun, als hätten sie die analoge Fotografie neu erfunden.

Die jüngsten Meldungen aus der Nacht


Heute bei SPIEGEL Extra: 6,4 Prozent Rendite pro Jahr – so bauen Sie den norwegischen Staatsfonds mit ETFs nach

Eva Revolver / DER SPIEGEL

Norwegens Ölfonds hat seine Milliarden so gut angelegt, dass sein Erfolg manchen Bürgern schon unheimlich wird. Hier erfahren Sie, wie Sie die Norwegen-Formel in Ihrem Depot kopieren .

Ich wünsche Ihnen einen guten Start in den Tag.

Ihr Christoph Scheuermann, Ressortleiter Reporter

Extern anhören

Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es zu einem späteren Zeitpunkt erneut.