meinung •Die Lage am Morgen Zieht Merz heute Trump auf seine Seite?
Heute geht es um den Ukraine-Gipfelmarathon, den Friedrich Merz organisiert hat. Um die gefährliche Hitze in Europa. Und um TikTok-Mitarbeiter, deren Job künftig eine KI erledigt.
Danke für nichts, Mark
Von wegen Sommerpause: Außenpolitisch läuft Berlin auf Hochtouren. Es gilt, US-Präsident Donald Trump vor dessen Treffen mit Kremlchef Wladimir Putin am Freitag in Alaska auf Europas Kurs zu bringen. Gespräche in verschiedenen Konstellationen stehen für diesen Mittwoch an, alle virtuell.
Es beginnt um 14 Uhr mit einem von Kanzler Friedrich Merz eilig organisierten Videocall zwischen den Regierungschefs von Frankreich, Italien, Finnland, Großbritannien und Polen, Vertretern der EU und der Nato, und dem ukrainischen Präsidenten. Um 15 Uhr soll eine einstündige Schalte mit US-Präsident Donald Trump und seinem Vize JD Vance folgen. Ab 16.30 Uhr tauscht sich die »Koalition der Willigen« aus, angeführt von Deutschland, Frankreich und Großbritannien.
Selenskyj und Merz Ende Mai in Berlin
Foto: Odd Andersen / AFPEs werden die großen Fragen diskutiert, allen voran: Wie lässt sich der Druck auf den Kriegstreiber Putin in der Ukraine erhöhen? Wie könnten Schritte auf dem Weg zu einem Friedensplan aussehen? Wie sichert Europa einen möglichen Waffenstillstand ab, welche Garantien können wir der Ukraine geben?
Mein Kollege Matthias Gebauer im SPIEGEL-Hauptstadtbüro hat die hektische Vorbereitung der Gipfeldiplomatie beobachtet (hier lesen Sie mehr zur Strategie des Bundeskanzlers). Matthias schreibt mir: »Die Europäer werden Trump mit viel Lob und Huldigung überschütten und versuchen, ihm ein wenig beizubringen, wie man einen Friedensdeal abschließt.«
Das ein oder andere Gesicht auf dem Videobildschirm wird sich heute zudem fragen: Was treibt Nato-Generalsekretär Mark Rutte eigentlich dazu, noch vor Trumps Treffen mit Putin Zugeständnisse an Russland zu formulieren? Rutte hatte am Sonntag dem US-Sender ABC News gesagt, es könne in einem Abkommen etwa anerkannt werden, dass Russland »de facto einen Teil des Territoriums der Ukraine kontrolliert«. Putin wird fröhlich gejauchzt haben, als er das hörte. Für etliche in Europas Hauptstädten klang das wie eine vorsätzliche Schwächung der eigenen Verhandlungsposition, und viele Verantwortliche werden sich heute im Stillen sagen: Danke für nichts, Mark.
Mehr Hintergründe zu früheren Gipfeltreffen hier: Misstrauen, Machtspiele und eine Misswahl
Die Abwesenheit von Kälte
Es gab eine Zeit, so lange ist das noch gar nicht her, als die Hitze, der Wassermangel und das Feuer in Europa große Themen waren. Waldbrände in Griechenland, Spanien, Portugal nahmen in den Nachrichten viel Platz ein, Temperaturrekorde wurden prominent vermerkt, Hitzeopfer gezählt. Die Aufregung ist weitgehend verschwunden, wir haben uns an die Katastrophe im Sommer gewöhnt, so scheint es. Auch wenn sie nicht zu Ende ist, auch wenn es fast täglich Tote gibt.
Brandbekämpfung aus der Luft im spanischen Seixalbo
Foto: Rosa Veiga / EUROPA PRESS / dpaIn Portugal kämpften Feuerwehrleute gestern gegen drei große Waldbrände. In Frankreich wurden in mindestens fünf Gemeinden neue Hitzerekorde verzeichnet, teilweise stiegen die Temperaturen über 42 Grad. In Italien wurde in elf Städten, darunter Rom und Mailand, die Alarmstufe Rot ausgerufen. In Deutschland galten großflächige Hitzewarnungen (hier mehr dazu, wie heiß es diese Woche in Deutschland wird). Und in Griechenland baten Behörden die EU um Hilfe bei der Bekämpfung von mehr als hundert Waldbränden.
Hitze ist mehr als die Abwesenheit von Kälte, sie ist zur Bedrohung geworden. Sie ist ein hochpolitisches Thema, weil sie Millionen Menschen betrifft. Die Anpassung an immer heißere Sommer ist eine Aufgabe für jetzt, nicht für die Zukunft.
Mehr Hintergründe hier: Die gefährliche Hitze in Europa
Jetzt bringt die KI den Müll raus
Experten prognostizieren schon länger, dass künstliche Intelligenz für Verwerfungen in der Arbeitswelt sorgen wird. Ein Beispiel in Deutschland illustriert das derzeit auf traurige Weise. Die Berliner Niederlassung der chinesischen Videoschnipsel-Plattform TikTok hat angekündigt, ihre Abteilung »Trust and Safety« mit 150 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zu schließen und die Leute zu entlassen. Die Contentmoderatoren haben bislang Beiträge etwa daraufhin geprüft, ob sie zu gewalttätig oder hetzerisch sind. Diese Prüfung soll künftig eine KI übernehmen.
Warnstreik von TikTok-Beschäftigten Ende Juli in Berlin
Foto: Christian Ditsch / picture alliance / SZ PhotoMeine Kollegin Angela Gruber hat mit TikTok-Angestellten in Berlin gesprochen, die seit Wochen für den Erhalt ihrer Jobs kämpfen. Die Moderatoren seien »Teil einer digitalen Müllabfuhr, die auf der Videoplattform den Dreck wegmacht, den andere nicht sehen sollen«, schreibt Angela. 500 bis 1000 Videos könne eine Contentmoderatorin pro Tag bearbeiten. Psychisch sei das oft ein Horrorjob, und doch machen ihn die Angestellten. Die traurige Ironie: Ausgerechnet diese Mitarbeiter haben dabei mitgeholfen, jene KI zu trainieren, die sie jetzt ersetzen soll.
Die Gewerkschaft Ver.di sagt, es handle sich um einen frühen Fall von Verdrängung von Menschen durch künstliche Intelligenz. Und nicht nur die TikTok-Angestellten fragen sich: Ist das der Beginn einer größeren Entlassungswelle?
Die ganze Geschichte hier: Sie haben die Lösch-KI mittrainiert – nun will TikTok sie loswerden
Lesen Sie hier den aktuellen SPIEGEL-Leitartikel
Merz hat ein Führungsproblem: Friedrich Merz dachte, die Union würde seiner Politik ohne Murren folgen. Nach 100 Tagen im Amt zeigt sich, dass der Kanzler etwas Entscheidendes dazulernen muss .
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Noch mehr Rätsel wie Wordle, Wortsuche und Paarsuche finden Sie bei SPIEGEL Games.
Gewinner des Tages…
Linkshändige Schülerin in Bayern
Foto: Matthias Balk / picture alliance…sind Linkshänder. Ihnen ist seit 1976 der »Internationale Tag der Linkshänder« am 13. August gewidmet, an dem Fachleute und Betroffene auf Alltagsprobleme aufmerksam machen. Zwischen zehn und zwanzig Prozent aller Menschen sind Studien zufolge Linkshänder, manche Forscher schätzen den Anteil sogar auf 50 Prozent. Doch noch immer sind Gegenstände wie Scheren, Messer oder Computermäuse meist auf Rechtshänder abgestimmt, noch immer kämpfen Kinder, die mit Links schreiben, mit Schwierigkeiten.
Dennoch ist die Akzeptanz der Linkshändigkeit eine gesellschaftliche Errungenschaft. Die Umerziehung von Linkshändern in der Schule, die bis in die Neunzigerjahre praktiziert wurde, ist Geschichte. Es ist längst Allgemeinwissen, dass solche Umschulungsversuche zu Problemen bei der Konzentration führen können, manchmal auch zu psychischen Störungen. Die meisten Lehrerinnen und Lehrer können mit Linkshändern gut umgehen. Die Links-Rechts-Geschichte – sie ist ein Erfolg.
Die jüngsten Meldungen aus der Nacht
Spahn attestiert der Regierung beim Thema Zusammenarbeit noch Luft nach oben: »Weder eine Liebesheirat noch ein großes gesellschaftliches Projekt«: Nach fast 100 Tagen Regierungszeit zieht Unionsfraktionschef Jens Spahn Bilanz. Derweil fällt der FDP-Chef ein hartes Urteil über den Kanzler.
Kulturstaatsminister nennt AfD und Linke »gleichermaßen schlecht für Deutschland«: Laut Kulturstaatsminister Weimer müssen sowohl die Linkspartei als auch die rechte AfD tunlichst von der Macht ferngehalten werden – »mit allen demokratischen Mitteln«. Ein AfD-Verbotsverfahren lehnt er aber ab.
Weißes Haus droht Obdachlosen mit Gefängnis: Donald Trump will Verbrecher und Obdachlose von den Straßen der US-Hauptstadt vertreiben – und macht zwischen beiden Gruppen offenbar kaum Unterschiede. Das lässt zumindest die Ansage seiner Sprecherin vermuten.
Heute bei SPIEGEL Extra: Wo Sie noch kostenlose Girokonten kriegen
Viele Banken erhöhen stetig die Kosten für Konten. Es gibt noch Anbieter mit fairen Konditionen, allerdings muss man auch dort auf Fallstricke achten .
Ich wünsche Ihnen einen guten Start in den Tag.
Ihr Christoph Scheuermann, Ressortleiter Reporter
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