Die Lage am Morgen Die Welt gehört den Tanzenden, nicht den Hatern
Heute geht es um den Angriff auf einen Rave im Schweizer Kanton Aargau, um die Folgen der Sturzflut in Nepal und Tibet und um die permanenten Attacken gegen die Ukraine.
Die Schweiz jagt ein Phantom
Es ist ein Albtraum: Hunderte vorwiegend junge Menschen kommen zusammen, um friedlich zu feiern und zu tanzen – und werden mit Waffen angegriffen. Für Augenzeugen dürften das Momente sein, die sie wohl nie wieder in ihrem Leben vergessen werden.
Polizistinnen in der Nähe des Rave-Veranstaltungsorts: Motive noch völlig unklar
Foto: Michael Buholzer / EPASo geschehen zuletzt in Berlin Ende Juli am Rande des Christopher Street Day (mehr dazu hier ). Und jetzt bei einem Rave im kleinen Aarau im Schweizer Kanton Aargau. In der Nacht von Sonnabend auf Sonntag, gegen Ende der Veranstaltung mit rund 3500 Teilnehmenden, fielen Schüsse (mehr dazu hier). Eine 22-jährige Italienerin, die in der Schweiz lebte, wurde tödlich getroffen. Fünf weitere Personen kamen teils schwer verletzt ins Krankenhaus, darunter eine Deutsche.
Nach solchen schrecklichen Ereignissen fällt oft der richtige wie hilflose Satz, dass »wir« uns unsere offene Lebensweise nicht wegnehmen lassen dürfen. Die Tanzenden an die Macht. Bis zur Fertigstellung dieser Lage Sonntagnacht war noch völlig unklar, was die möglichen Motive des Täters oder der Täter sein könnten. Die Fahndung läuft. Die Kantonspolizei Aargau, die am Sonntag die Presse mehrmals unterrichtete, schließe weder einen Terroranschlag noch einen Amoklauf oder »ein kriminelles Geschehen mit unbekanntem Hintergrund« aus, wie Schweizer Medien berichteten. Auch die deutsche Polizei hilft bei den Ermittlungen.
Mein Kollege Jan Petter berichtet von vor Ort, er war auch auf der Pressekonferenz der Polizei. Jan schreibt: »Man ahnt die Erschöpfung der Ermittler. Und doch sind da viele Fragen«, die die Ermittler bislang nicht beantworten können oder wollen.
Die ganze Geschichte hier: Wer tötete auf einer Technoparty?
Verbotene Lagerung
In unzähligen Meldungen, Analysen und Reportagen, in Morgen- und Abendlagen haben meine Kolleginnen und Kollegen Angriffe gegen die Ukraine thematisiert – aber selten hat mögliche Fahrlässigkeit auf ukrainischer Seite die Folgen einer Attacke derart verschärft wie am vergangenen Wochenende. Ein russischer Drohnenangriff in der Region um die Hauptstadt Kyjiw am Freitagabend wurde zu einem der folgenschwersten in diesem Jahr, weil ein Munitionslager getroffen wurde.
Präsident Selenskyj legt an einem provisorischen Gedenkort nach einem Angriff Blumen nieder: Es mangelt an Patriot-Abfangraketen
Foto: Ukraine Presidency / ZUMA Press Wire / IMAGOEin Lager, das »dort definitiv nicht hätte sein dürfen«, sagte Präsident Wolodymyr Selenskyj in einer Videoansprache und meinte: in der Nähe von besiedeltem Gebiet. Bei dem folgenden Großbrand und den Explosionen starben 37 Menschen, Dutzende wurden verletzt. Ein Pflegeheim für Senioren und behinderte Menschen in der Nähe sei zerstört worden. Selenskyj kündigte eine Untersuchung an. Es sollte nicht der einzige Angriff an diesem Wochenende bleiben.
Der Sommer hat Russland keine bedeutsamen Erfolge an der Front beschert. Also verstärkt es den Druck auf die Ukraine durch permanente, groß angelegte Angriffe mit Drohnen, Marschflugkörpern, ballistischen Raketen. Vor allem gegen letztere kann sich die Ukraine derzeit schlecht wehren, weil es ihr an Patriot-Abfangraketen mangelt (mehr dazu hier ), die Verteidigung ist überfordert. Darüber werden die EU-Verteidigungsminister bei ihrem informellen Treffen im irischen Wicklow von heute an sprechen müssen, aber das Problem ist: Die Europäer haben selbst zu wenige Abfangraketen. Die Bestände sind knapp, auch, weil im Krieg gegen Iran ein großer Teil verschossen wurde.
Zur russischen Strategie gehört, die Menschen mürbe zu machen. Fahrlässigkeit darf sich die Ukraine nicht erlauben.
Mehr Hintergründe hier: Ukraine meldet mindestens 37 Tote bei russischem Angriff nahe Kyjiw
Wenn die Information an der Grenze abbricht
Heute ist der fünfte Tag nach der Sturzflut-Katastrophe in Nepal und Tibet, und die Hoffnung schwindet, noch Überlebende zu finden. Dennoch gibt es auch immer wieder gute Nachrichten. Etwa die Rettung eines kleinen Mädchens, vielleicht sechs oder sieben Jahre alt, das die Einsatzkräfte aus verschlammten Trümmern zogen. Auf weiteren Aufnahmen konnte man sehen, wie sich die Rettungskräfte in Camouflage über das kleine, in Decken gewickelte Kind beugten und es fütterten.
Zerstörung in Nuwakot: Nicht nur Nepal, auch Tibet ist betroffen
Foto: AP Tolang / Nexpher Images / ddpDie Regierung von Premierminister Balendra Shah braucht diese Bilder, um die Moral in dem verwundeten Land aufrechtzuerhalten. Zuletzt kamen im Katastrophengebiet Zweifel auf, ob der im vergangenen Jahr an die Macht gekommene Ex-Rapper dem Krisenmanagement gewachsen ist (mehr dazu hier ).
Wer erst keine Zweifel aufkommen lassen will, ist Nachbar China. Auch die dortige Führung gibt Bilder heraus – solche, die zeigen, dass die Rettungsmaßnahmen im von China kontrollierten Tibet effizient ablaufen. »Die Informationslage bricht an der Grenze in zwei Teile«, schreibt unsere Peking-Korrespondentin Maria Stöhr (mehr hier ). Während in Nepal unabhängige Berichterstattung möglich ist, ist die einzige Quelle auf der anderen Seite der Grenze der chinesische Staat. Betroffene der Katastrophe in Tibet kommen kaum zu Wort, sodass fast in Vergessenheit gerät: Nicht nur Nepal, auch Tibet ist betroffen.
Ein Video unseres Korrespondenten aus dem Katastrophengebiet sehen Sie hier: »Als ich die Welle sah, bin ich nach oben gerannt. Dann fing ich an zu weinen«
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Verliererin des Tages…
Veranstaltung der »Ja«-Kampagne in Reykjavík: Die EU konnte die Skeptiker nicht gewinnen
Foto: Marco Di Marco / AP / dpa…ist neben der isländischen Premierministerin Kristrún Frostadóttir die Europäische Union, weil sie offensichtlich die Mehrheit der Isländer nicht für Brüssel und Verhandlungen für einen Beitritt in die EU gewinnen konnten. Bei einem Referendum zu der Frage stimmten 53 Prozent der Isländerinnen und Isländer nun dagegen. Den Menschen auf der Insel im Nordatlantik geht es wirtschaftlich gut, die Nato-Mitgliedschaft (Island hat selbst keine reguläre Armee) und der Zugang zum EU-Binnenmarkt reichen ihnen vielleicht (mehr dazu hier ). Es war knapp. Und dennoch: Vielleicht braucht es auch mehr als Besuche von Spitzenpolitikern vom europäischen Festland, um die Menschen zu überzeugen.
Mehr zum Thema: Isländer stimmen gegen EU-Beitrittsverhandlungen
Die jüngsten Meldungen aus der Nacht
USA greifen erstmals seit Wochen Iran an – Teheran reagiert mit Gegenschlägen: US-Einheiten nehmen Ziele auf der iranischen Insel Larak ins Visier. Das Regime in Teheran beklagt Todesopfer und attackiert zur Vergeltung zwei US-Stützpunkte in Jordanien. Der Überblick.
Gluthitze, leere Flüsse, brennende Wälder – das ist die Sommerbilanz 2026: Mehr als 40 Grad am Tag, gefolgt von Tropennächten: Der diesjährige Sommer erreichte laut Wetterdienst »Dimensionen, wie sie in Deutschland bislang nicht beobachtet wurden«. Das gilt auch für die Zahl der Hitzetoten.
Sturzflut im Grand Canyon – mindestens 15 Menschen vermisst: Der US-Nationalpark Grand Canyon gilt als Paradies für Wanderer, kann aber bei Wetterumschwüngen zur Falle werden. Schwere Unwetter haben nun Brücken weggespült und Zeltplätze geflutet. Die Suche nach Vermissten ist schwierig.
Heute bei SPIEGEL Extra: »Es gibt ein Wort, bei dem ich weiß: Jetzt scheitert es«
Matthias Schranner
[M] Lea Rossa / DER SPIEGEL; Foto: Schranner AG
In vielen Bereichen verändert sich das Verständnis von Fairness und Miteinander. Was bedeutet das für Verhandlungen? Experte Matthias Schranner über Konflikte mit Narzissten und Rechthabern .
Ich wünsche Ihnen einen guten Start in den Tag.
Ihre Özlem Topçu, Leiterin des SPIEGEL-Auslandsressorts