meinung •Die Lage am Abend Tesla macht den Kafka
Die drei Fragezeichen heute:
Geplante Übernahme der Commerzbank – wie blickt Italien auf den Bankenkrimi?
Hochwasser in Brandenburg – wie haben sich die Helfer vor Ort vorbereitet?
Tesla auf Kontrollbesuch – darf der Arbeitgeber krankgemeldete Mitarbeiter zu Hause aufsuchen?
1. Italienische Sehnsucht
Die Commerzbank steht womöglich vor der Übernahme durch die italienische UniCredit. Huch, das ging aber schnell, oder? Meine Kollegen Tim Bartz und Frank Hornig schreiben von einem »tollkühnen Feldzug, wie ihn die europäische Bankenszene kaum je erlebt hat«.
Und der wird unterschiedlich bewertet. Tim ist Korrespondent in Frankfurt, Frank in Rom, und die beiden beschreiben, wie unwirsch die geplante Übernahme in Deutschland aufgenommen wird, während die italienische Politik und Wirtschaft über UniCredit-Chef Andrea Orcel jubelt .
Bundeskanzler Olaf Scholz kritisierte den Deal als »unfreundliche Attacke« und »feindliche Übernahme«, was wiederum in Italien für eine Mischung aus Befremden und Triumphgefühl sorgt.
Das Triumphgefühl rührt laut Tim und Frank daher, dass endlich einmal ein italienisches Unternehmen Stärke gegenüber den Nachbarn im Norden zeige. Dass die von ihrer Wirtschaftskraft manchmal wie berauscht wirkenden, arroganten Deutschen nicht als Sieger dastehen wie sonst so oft.
In Rom habe man sich von den Deutschen mitunter belächelt und bemitleidet gefühlt. Doch nun fühlt das Land neue Stärke, schreiben Tim und Frank: Die italienische Wirtschaft wächst seit einigen Jahren stärker als die deutsche. Und Ministerpräsidentin Giorgia Meloni (Fratelli d’Italia) regiert mit breiter Zustimmung.
Man darf gespannt sein, wie der italienisch-deutsche Bankenkrimi weitergeht.
Lesen Sie hier die ganze Geschichte: Giftpfeile aus Deutschland, Triumphgeheul aus Italien
2. Gut vorbereitet auf die Flut
In einigen Teilen Brandenburgs gilt die höchste Alarmstufe für Hochwasser. Für Einsatzkräfte, Helfer sowie Anwohnerinnen und Anwohner bedeutete das in den vergangenen Tagen nicht nur banges Warten – sondern auch intensive Vorbereitung. Tag und Nacht. Meine Kollegin Frauke Böger hat mit Menschen vor Ort gesprochen , unter anderem mit einer Sanitäterin, einem THW-Sachbearbeiter und mit Geflüchteten, die helfen, die Sandsäcke zu befüllen.
Beatrix Collin etwa lebt in Eisenhüttenstadt und schaut mit Sorge auf die Hochwasserlage: »Ich bin seit Tagen immer super früh wach, einfach aus Sorge. Und da wuseln hier immer schon Feuerwehrmänner rum. Die sind die ganze Nacht da, arbeiten wirklich wie die Weltmeister.«
Die ehrenamtliche Notfallsanitäterin Kate Heinrich macht aber auch Hoffnung: »Zum Glück wussten wir schon länger Bescheid, dass ein Hochwasser kommen wird. Dadurch hatten wir Zeit für Vorbereitungen. Bisher ist es weniger schlimm, als wir befürchtet haben.«
Lesen Sie hier den ganzen Text: »Die Feuerwehrmänner sind die ganze Nacht da«
3. Tesla auf Krankenbesuch
Das Tesla-Werk in Grünheide gerät mal wieder in die Schlagzeilen. Diesmal geht es nicht um Erweiterungspläne oder Umweltschutz, sondern um Beschäftigte, die sich krankgemeldet haben und nun mit überraschendem Besuch ihres Arbeitgebers rechnen müssen.
Offenbar ist der Krankenstand in der brandenburgischen Fabrik ungewöhnlich hoch. Man habe begonnen, einigen Mitarbeitern unangekündigte Kontrollbesuche abzustatten, soll der Personalchef bei einer Betriebsversammlung gesagt haben.
Mittlerweile hat der Leiter des Tesla-Werks, André Thierig, die Hausbesuche verteidigt. Das Vorgehen sei nicht ungewöhnlich und stoße auf Zustimmung innerhalb der Belegschaft. Es habe nämlich bereits das Feedback gegeben, dass Beschäftigte wegen der Abwesenheit ihrer Kolleginnen und Kollegen frustriert seien.
»Wir haben gut 200 Mitarbeiter festgestellt, die sich in der Lohnfortzahlung befinden, aber die in diesem Jahr noch gar nicht arbeiten waren. Sie bringen mindestens alle sechs Wochen neue Krankmeldungen«, sagte Thierig. »Wir haben uns zwei Dutzend Fälle herausgesucht.«
Die Meldung über die unangekündigten Krankenbesuche erinnerte mich zunächst an Franz Kafka. In dessen Erzählung »Die Verwandlung« hat Gregor Samsa, der über Nacht zu einem »Ungeziefer« wurde, wahrlich schon genug Probleme – als auch noch der Prokurist vor seiner Schlafzimmertür auftaucht und wissen will, warum er unentschuldigt bei der Arbeit fehlt. Das geschah zwar – anders als im Fall Tesla – schon am ersten Fehltag, aber ein Attest hatte Samsa nun auch nicht vorgelegt.
Sind Hausbesuche vom Arbeitgeber nun kafkaesk oder völlig normal? Und sind sie überhaupt erlaubt? Die letzte Frage hat meine Kollegin Verena Töpper dem Arbeitsrechtler Ulrich Sittard gestellt. Im Interview erklärt er, ob der Arbeitgeber zu Hause vorbeikommen darf – und ob man ihm dann die Tür öffnen muss.
Lesen Sie hier das ganze Interview: Darf mein Chef kontrollieren, ob ich krank bin?
Was heute sonst noch wichtig ist
Steuern, Jobs, Staatsgeld – mit diesem Wirtschaftsplan will Kamala Harris gegen Trump bestehen: Wofür steht Kamala Harris? Als Trump-Gegenspielerin legte die Demokratin in den Umfragen schnell zu, doch zuletzt wuchs der Druck auf die US-Präsidentschaftskandidatin, ihr inhaltliches Profil zu schärfen. Jetzt geht sie in die Offensive.
»Was Sie hier treiben, ist Machtergreifung!«: Streit, Unterbrechungen, Ordnungsrufe: In Thüringen sind erstmals in der Nachkriegsgeschichte extreme Rechte stärkste Kraft im Landtag. Bei der konstituierenden Sitzung liefern sich die anderen Parteien heftige Wortgefechte mit der AfD.
ZDF trennt sich endgültig von Moderator Matthias Fornoff: Matthias Fornoff war ein Gesicht des ZDF, moderierte das »Politbarometer«. Nachdem ihm Kolleginnen Fehlverhalten vorgeworfen hatten, musste er seine Führungsrolle abgeben. Inzwischen arbeitet er gar nicht mehr für den Sender.
Meine Lieblingsgeschichte heute: Eine Art Liebesbrief
Unser neuestes Angebot ist in dieser Woche an den Start gegangen: In SPIEGEL Extra bündeln wir Texte zu Themen des Alltags und schicken sie Ihnen auf Wunsch auch zu (lesen Sie hier mehr dazu). Jeder Wochentag hat sein eigenes Thema – und donnerstags geht es im LOVELETTER um Liebe und Partnerschaft. In der heutigen Ausgabe spricht das Schweizer Paartherapeutenpaar Felizitas Ambauen und Amel Rizvanovic über das Beziehungsleben, zum Beispiel ihr eigenes.
Felizitas Ambauen mit ihrem Partner Amel Rizvanovic
Foto:Anne Morgenstern
Für mich war es geradezu beruhigend zu lesen, dass auch zwei Paartherapeuten in ihrer Beziehung auf ganz normale Probleme stoßen und den Stress im Familienalltag kennen. »Wir haben keinen Vorteil durch das Fachwissen«, heißt es von Felizitas Ambauen. Ihr Partner Amel Rizvanovic beantwortet die Frage meines Kollegen Claudio Rizzello, ob er denn an die große Liebe glaube, so: »Ja, aber trotzdem bleiben Beziehungen Arbeit. Das ist ein ganz großes Disney-Missverständnis, dass es anders ist.« Und nebenbei räumt der Therapeut noch mit einem anderen Missverständnis auf. Er sagt einen Satz, bei dem das ein oder andere Paar aufatmen dürfte: »Die Vorstellung vom spontanen Sex in langjährigen Beziehungen halte ich für einen Mythos.«
Lesen Sie hier das Interview in voller Länge: »Spontanen Sex in langjährigen Beziehungen halte ich für einen Mythos« – wie Lust im Alltag trotzdem gelingt
Und hier geht es zur kompletten Ausgabe des LOVELETTER: Was macht Paare glücklich?
Was wir heute bei SPIEGEL+ empfehlen
Warum Iran die Hisbollah alleinlässt: Iran und die Hisbollah sind enge Verbündete. Doch das Regime in Teheran zögert, der Miliz im Konflikt mit Israel militärisch beizuspringen. Es verfolgt eine eigene Agenda .
Die Verjüngungsolympiade: Forscher haben herausgefunden, wie sich das echte biologische Alter des Menschen messen und ausbremsen lässt. Ein Silicon-Valley-Millionär kämpft nun mit Hightech gegen den Tod. Aber es gibt auch einfachere Wege .
»Es ist Wahnsinn, wie wir Verkehr heute finanzieren«: Brücken kollabieren, die Bahn blamiert sich vor der Welt: Das deutsche Verkehrssystem hat große Probleme. Die Ökonomin Philippa Sigl-Glöckner sieht die Ursache in Regeln wie der Schuldenbremse und in der Angst vor den Wählern .
Was heute weniger wichtig ist
Unverpackt: Die Schauspielerin Catherine Zeta-Jones wurde am Mittwoch 55 Jahre alt, ihr Mann Michael Douglas feierte am selben Tag seinen 80. Geburtstag. Zeta-Jones fand es in diesem Jahr offenbar schwierig, ein passendes Geschenk zu finden, also überraschte sie ihn mit einem Nacktfoto, das sie auf Instagram postete . Auf dem Bild trägt sie nur High Heels und steht in einem Badezimmer. Das Bild sei Geschenkoption zwei, schreibt die Schauspielerin, Option eins seien Golfbälle. »Nach mehr als 25 Jahren, in denen ich meinen Geburtstag mit meinem Mann geteilt habe, gehen mir langsam die Geschenkideen aus.«
Mini-Hohlspiegel
Aus der »Stuttgarter Zeitung«
Hier finden Sie den ganzen Hohlspiegel.
Cartoon des Tages
Entdecken Sie hier noch mehr Cartoons.
Illustration: Thomas PlaßmannUnd heute Abend?
Schauspieler Næss, Wollf in »So long, Marianne«: Grau ist London, blassblau Norwegen, farbensatt Griechenland
Foto:Nikos Nikolopoulos / NDR
Könnten Sie sich um Ihr Liebesleben kümmern (siehe oben) oder, wenn das dann doch zu ambitioniert klingt für einen schnöden Donnerstagabend, sich am Liebesleben anderer erfreuen. Zum Beispiel an der Liebesgeschichte zwischen Leonard Cohen und Marianne Ihlen, die derzeit in einer achtteiligen Serie in der ARD-Mediathek erzählt wird .
Mein Kollege Arno Frank hat sich »So long, Marianne« bereits angesehen und eine Rezension geschrieben. »Die Liebesgeschichte von Marianne und Leonard gehört zu den schönsten Erzählungen, die die Popkultur zu bieten hat«, schreibt er darin, »gerade weil sie durch die Realität gedeckt und eigentlich eine Tragödie ist.« (Den ganzen Text lesen Sie hier. )
Arnos Rezension hat auch mich dazu bewogen, die Serie anzusehen. Gestern habe ich die ersten beiden Folgen geschafft; sie haben mir nicht nur gefallen, sondern auch mein Fernweh geweckt. Denn Cohen und Ihlen begegnen sich auf der griechischen Insel Hydra, und als Zuschauerin fühlte ich mich zwischendurch, als wäre ich selbst auf der Fähre dorthin mitgereist. Heute Abend geht es weiter mit Folge drei.
Ich wünsche Ihnen einen harmonischen Abend.
Herzlich
Ihre Judith Horchert, Blattmacherin in der Chefredaktion