meinung •Die Lage am Morgen Die tägliche Brutalität von Putins Krieg
Heute geht es um die Toten in der Ukraine, 100 Tage Schwarz-Rot und den wahren Preis von Lebensmitteln.
Im Osten nichts Neues
Europa blickt in diesen Tagen nervös nach Alaska, wo sich am Freitag US-Präsident Donald Trump und der russische Machthaber Wladimir Putin zum Ukrainegipfel treffen wollen. Der Fokus der Berichterstattung liegt naturgemäß auf diesen beiden Männern und ihren Charaktereigenschaften, die über Europa ohne europäische Beteiligung sprechen.
Heute aber richten wir den Blick auf die Ukraine und darauf, wie Putin seinen Krieg dort führt, noch immer führt. Hier Meldungen aus den vergangenen Tagen, eine unvollständige Auswahl:
10. August: Zwölf Verletzte, als Gleitbomben auf Saporischschja niedergehen und nach ukrainischen Angaben Wohnhäuser, einen Busbahnhof und eine Klinik treffen.
6. August: Zwei Tote nach einem Angriff auf ein Ferienlager im Süden der Ukraine.
5. August: Zwei Tote bei Angriffen auf Züge und Bahngebäude in der Region Charkiw.
31. Juli: 31 Tote in Kyjiw, darunter ein zwei Jahre altes Kind, nachdem Putins Truppen mehr als 300 Drohnen und acht Raketen auf die ukrainische Hauptstadt abfeuern.
Allein im Juli habe Russland mehr als 5100 Gleitbomben, 3800 Kampfdrohnen und fast 260 Raketen eingesetzt, sagte der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj unlängst.
Rettungseinsatz nach russischem Artilleriebeschuss in Kostjantyniwka am 9. August
Foto: Diego Herrera Carcedo / Anadolu Agency / IMAGOAuch in Russland sterben Menschen, wenn auch nicht so viele wie in der Ukraine. Zuletzt gab es laut russischen Angaben drei Tote in den Regionen Tula und Nischni Nowgorod nach ukrainischen Drohnenangriffen. Das ist der Hintergrund, vor dem das Treffen in Alaska stattfindet: das Sterben unschuldiger Menschen, das russische Morden, und die wachsende Müdigkeit des Westens, mit der Russlands Machthaber kalkuliert. (Hier erfahren Sie mehr darüber, wie Russen auf den Gipfel blicken.)
Putin wird erst dann ernsthaft verhandeln, wenn er sein Ziel, die Ukraine vollständig unter seine Kontrolle zu bringen, militärisch nicht mehr erreichen kann, das wurde bei den bisherigen Gesprächen deutlich. »Zugeständnisse überzeugen einen Mörder nicht«, sagte Selenskyj am Montag. Das gesamte diplomatische Bemühen Europas und auch des deutschen Kanzlers liegt nun darin, Trump vor dem Treffen in Alaska davor zu warnen, dem Kremlherrscher auf den Leim zu gehen.
Mehr Hintergründe hier: Wie der Kanzler Trump von einem schnellen Ukrainedeal abhalten will
100 Tage AargKo
Klingbeil war der Erste, der sich gratulierte. Schon vorigen Donnerstag, eigentlich sieben Tage zu früh, zog der Vizekanzler und SPD-Finanzminister eine Bilanz nach 100 Tagen schwarz-roter Koalition. Sie war hervorragend. »Unterm Strich haben wir in dieser ersten Zeit vieles gemeinsam geschafft, was unser Land positiv verändern wird«, sagte Lars Klingbeil.
Koalitionäre Klingbeil, Merz beim Kabinettstreffen am 6. August
Foto: Liesa Johannssen / REUTERSAm 6. Mai hatte die schwarz-rote Bundesregierung unter Kanzler Friedrich Merz ihre Arbeit aufgenommen, an diesem Donnerstag wird sie 100 Tage alt. Der Start war ungut, Merz bekam bei der Kanzlerwahl erst im zweiten Anlauf eine Mehrheit, und auch danach gab es eine Menge, na ja, Herausforderungen.
Entgegen allen Plänen wurde die Stromsteuer für private Haushalte doch nicht gesenkt, ein zentrales Versprechen der Koalition damit gebrochen. Inzwischen ist das Misstrauen unter den Koalitionspartnern immens (hier lesen Sie mehr dazu), wichtige Probleme sind ungelöst, etwa die Reform des Bürgergelds. Und die nächsten großen Streitthemen stehen bereits an, wie der Haushalt 2026 oder die Reform der Schuldenbremse.
Es ist in diesen Tagen ein Kanzler zu beobachten, der um die Zustimmung seiner Parteigenossen ringt und den Willen seiner Basis zur Aufmüpfigkeit offenbar unterschätzt hat, sowohl bei der Wahl der Kandidaten für das Bundesverfassungsgericht als auch bei der Israelpolitik (hier mehr dazu). Kann es sein, dass Friedrich Merz, der im November 70 wird, mit seinem Führungsstil in den Achtzigerjahren festhängt? Papa macht die Ansage, die anderen laufen hinterher. So funktioniert es aber nicht.
Merz wurde anfangs hin und wieder gefragt, wie seine Koalition heißen soll. GroKo ging nicht, gab es schon. Der Kanzler schlug »Arbeitskoalition« vor, ArKo, sowie »Koalition für Aufbruch und Erneuerung«, AuErKo. Beides hat sich so wenig durchgesetzt wie der CDU-Hashtag #Koa25. Wie wäre es stattdessen mit MigeLäZweiKo, der Koalition des Misstrauens, der gegenseitigen Lähmung und des Zweifels?
Mehr Hintergründe hier: Führung bestellt, Merz bekommen
Was Brot und Eier kosten müssten
Wenn Sie wie viele Menschen über die steigenden Preise für Lebensmittel klagen, seien Sie jetzt bitte stark oder scrollen Sie weiter. Meine Kollegen Nina Krug und Stefan Schultz haben sich angeschaut, wie teuer Brot, Eier und Milch eigentlich sein müssten, wenn man die tatsächlich anfallenden Kosten berechnet, etwa für Umweltschäden oder Gesundheitsrisiken für Arbeiterinnen.
Fleischregal im Supermarkt
Foto: Rolf Vennenbernd / dpaNina und Stefan haben mit Expertinnen und Wissenschaftlern über die »wahren Preise« von Lebensmitteln gesprochen, um zu verstehen, »an welchen Stellschrauben wir als Gesellschaft drehen könnten, um Lebensmittel fairer und nachhaltiger zu machen«. Ihre Erkenntnis: Wenn man Klimaschäden, Nitratbelastung, Bodenschäden und Gesundheitsrisiken berücksichtigt, müsste etwa ein Pfund Hackfleisch im Supermarkt nicht fünf Euro kosten, sondern das Doppelte. Klingt schmerzhaft, aber die Lektüre lohnt sich.
Die ganze Geschichte hier: Das kosten Brot, Eier und Milch wirklich
Hier geht’s zum aktuellen Tagesquiz
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Gewinner des Tages…
…sind alle Sternenfans, Himmelsbeobachter und Guck-in-die-Lufts. Denn in der Nacht zum Mittwoch erreicht der Sternschnuppenstrom der Perseiden seinen Höhepunkt, mit etwas Glück kann man bis zu 30 Sternschnuppen pro Stunde sehen. Das sind ziemlich viele Wünsche. Laut Meteorologen sollen vor allem die Mitte und der Süden der Republik die besten, wolkenarmen Bedingungen bieten. Die Ursache der Perseiden liegt darin, dass die Erde auf ihrer Bahn um die Sonne die Bahn des Kometen 109P/Swift-Tuttle kreuzt und auf die von ihm verstreuten Teilchen trifft. Diese verglühen dann als leuchtende Sternschnuppen, wenn sie in die Erdatmosphäre eintreten.
Die jüngsten Meldungen aus der Nacht
Außenminister Wadephul verteidigt Merz’ Israel-Entscheidung: Der Beschluss des Kanzlers, bestimmte Waffenlieferungen nach Israel einzuschränken, sei richtig und angemessen, sagt sein CDU-Kollege Johann Wadephul. Er sei als Außenminister in der Frage eingebunden gewesen.
Bürgermeisterin von Washington, D.C., nennt Trumps Einmischung »nicht überraschend«: Einheiten der Nationalgarde sollen in der angeblich hochkriminellen US-Hauptstadt für Sicherheit sorgen – so will es Donald Trump. Die Bürgermeisterin von D.C. findet für diesen Plan klare Worte.
Polizeigewerkschaft klagt über heruntergekommene Dienststellen: Hunderte Polizeistationen sind laut GdP marode und teils gesundheitsgefährdend. Den Zustand zahlreicher Dienstfahrzeuge nennt die Gewerkschaft »peinlich«.
Heute bei SPIEGEL Extra: Bouldern lernen vom Weltmeister – wenn der ganze Körper an einem Finger hängt
Immer an der Wand lang, ohne Seil und Gurt: Unser Autor war noch nie bouldern und trifft einen Athleten der Weltspitze. Yannick Flohé zeigt ihm, wie die Profis klettern .
Ich wünsche Ihnen einen guten Start in den Tag.
Ihr Christoph Scheuermann, Ressortleiter Reporter
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Anmerkung der Redaktion: In einer ersten Version dieses Textes haben wir Lars Klingbeil als Wirtschaftsminister bezeichnet. Er ist Finanzminister. Wir haben das korrigiert.