NRW: Bündnis für Inklusion stemmt sich gegen Neubau von Förderschule - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Zur Ausgabe
Artikel 9 / 65

Kosten von 97 Millionen Euro Inklusionsbündnis will Förderschule in NRW verhindern

Zu teuer und nicht im Sinne des Schulgesetzes: Ein Bündnis, das sich für das gemeinsame Lernen von Kindern mit und ohne Behinderung einsetzt, lehnt den Neubau einer Förderschule in NRW ab.
• aus DER SPIEGEL 4/2026
Kinder mit und ohne Behinderung lernen gemeinsam (Symbolbild)
Kinder mit und ohne Behinderung lernen gemeinsam (Symbolbild)

Kinder mit und ohne Behinderung lernen gemeinsam (Symbolbild)

Foto: Maurizio Gambarini / picture alliance / dpa

In Nordrhein-Westfalen will ein Bündnis von Behinderten-, Eltern- und Sozialverbänden den Bau einer neuen Förderschule für Kinder mit körperlicher Beeinträchtigung verhindern. Es hat gemeinsam eine Kommunalaufsichtsbeschwerde eingereicht. »Dieser Baubeschluss ignoriert Bestimmungen des nordrhein-westfälischen Schulgesetzes«, erklärte Eva-Maria Thoms für den beteiligten Elternverein Mittendrin dem SPIEGEL. Die Kosten für den Neubau in Neunkirchen-Seelscheid im Bergischen Land sind mit mehr als 97 Millionen Euro veranschlagt. Die Schule soll 180 Plätze anbieten.

Förderschulen besuchen Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf, getrennt von anderen Kindern. Im Sinne der Inklusion, so Thoms, müssten die kommunalen Schulträger Kindern mit und ohne Behinderung gemeinsamen Unterricht an den Regelschulen ermöglichen – und zwar »in angemessener Qualität«. Der Landschaftsverband Rheinland, der die neue Förderschule bauen will, beachte nicht ausreichend, dass inklusives Lernen nach dem Gesetz Vorrang habe.

Der Verband verweist darauf , dass es in der Region zu wenige Förderschulplätze für körperlich beeinträchtigte Kinder gebe. Die Kapazitäten seien »seit Jahren erschöpft«. Die Entscheidung zum Neubau der Förderschule sei »nicht leichtfertig getroffen« worden. Ziel sei, den »steigenden Bedarf an Schulplätzen in der Region dauerhaft zu decken und die bestehenden Förderschulen nachhaltig zu entlasten«. Die neue Förderschule solle zudem »von Beginn an auf Kooperationsbereitschaft« mit den allgemeinen Schulen vor Ort ausgerichtet werden.

Das Bündnis hingegen argumentiert, es sei nicht nachvollziehbar, warum 180 Kinder nicht an den bestehenden Schulen inklusiv beschult werden könnten: »Die Schulen im Einzugsgebiet müssten im Schnitt nur maximal einen zusätzlichen Schüler pro Jahrgang aufnehmen«. Auch vor diesem Hintergrund seien die »erheblichen Investitionskosten« für den Neubau nicht gerechtfertigt.

Elternverein kritisiert Zunahme neuer Förderschulen

Der Verein Mittendrin hatte schon vor Monaten kritisiert, dass die Förderschullandschaft in NRW massiv ausgebaut werde. Der Verein listete 30 Fälle auf, in denen Städte, Kreise oder Landschaftsverbände neue Förderschulen für Kinder mit Behinderung oder Förderbedarf planen. Damit würden perspektivisch rund 6000 neue Schulplätze entstehen. Der Elternverein setzt sich seit 2006 dafür ein, dass Kinder mit Behinderung in der Mitte der Gesellschaft aufwachsen können, nicht in Sondereinrichtungen wie Förderschulen.

Hintergrund der Elternrecherche, die sich auf lokale Medienberichte stützt, ist, dass die Kommunen als Schulträger über den Bau neuer Schulen entscheiden. Eine Steuerung vonseiten des Schulministeriums gibt es nicht. Die Kritik des Elternverbands teilte das Ministerium im Sommer 2025 nicht: Regelschulen und Förderschulen seien »gleichwertige Lernorte«. Sie sicherten Eltern eine Wahlfreiheit und ermöglichten »ganz individuelle Inklusion, Teilhabe und passgenaue Förderung«.

Die Uno-Staatenprüfer sehen das allerdings anders: Sie haben Deutschland bei der letzten Überprüfung, wie das Land mit der Umsetzung der Uno-Behindertenrechtskonvention vorankommt, erneut gerügt: Inklusive Bildung sei im gesamten Bildungssystem unzureichend umgesetzt. Dabei ist seit Inkrafttreten der Konvention 2009 die Vorgabe eigentlich klar, dass Kinder mit und ohne Behinderung gemeinsam lernen sollen.

fok
Zur Ausgabe
Artikel 9 / 65