Fabian Pieper, DER SPIEGEL:
»Der Kanzler kommt heute nach Erfurt. Interessiert Sie das?«
Mann:
»Nein.«
Mann:
»Ich mag den gar nicht.«
Fabian Pieper, DER SPIEGEL:
»Warum nicht?«
Mann:
»Weil er mir in der Ukraine-Politik absolut nicht gefällt.«
Fabian Pieper, DER SPIEGEL:
»Können Sie sich vorstellen, SPD zu wählen?
Frau:
»Nein, absolut nicht.«
Die Mission Aufholjagd der SPD war nie einfach, an diesem Donnerstag, einen Tag nach der Messerattacke von Aschaffenburg ist sie noch schwieriger geworden.
Mann:
»Ich bin nicht per se pro SPD eingestellt, aber vielleicht kann er mich heute überzeugen.«
In einer Stunde wird der Bundeskanzler hier Rede und Antwort stehen.
Frau:
»Ich nehme trotzdem mal eins mit.«
Thüringen ist ohnehin schon kein leichtes Pflaster für Scholz, die Umfragewerte für die SPD sind hier einstellig.
Fabian Pieper, DER SPIEGEL:
»Was treibt Sie im meisten um?«
Frau:
»Eigentlich die Kosten, ich bin verrentet. Ich wohne hier nebenan. Das Leben wird immer teurer. Und ich weiß auch nicht, ob die Renten noch stabil sind in den nächsten zehn Jahren.«
Fabian Pieper, DER SPIEGEL:
»Machen Sie sich Sorgen um solche Taten wie gestern in Aschaffenburg?«
Frau:
»Definitiv auf alle Fälle. In Erfurt ist es noch relativ ruhig, aber was da passiert ist und auch in Magdeburg, das ist eine Katastrophe.«
»Mit Sicherheit der Richtige. Bundeskanzler Olaf Scholz.«
Wie sehr wird die Messerattacke und die Rufe nach einer härteren Migrationspolitik den Termin prägen? Die Zuschauer mussten sich bei der SPD , können Fragen stellen. Scholz beginnt mit einem Statement – und spricht auch über die Bluttat in Franken.
Olaf Scholz, Bundeskanzler:
»Ich will ausdrücklich sagen: Es ist furchtbar, da ist ein Kind gestorben, ein weiteres verletzt. Und wir wissen nicht, wie das weitergeht. Jemand, der sich dem Täter entgegengestellt hat, ist daran auch gestorben, soweit wir das jetzt verstehen. Und das sind Dinge, die wir nicht hinnehmen können, die wir nicht akzeptieren können und über die wir auch nicht achselzuckend hinwegsehen können.«
Der Bürgerdialog dauert eine gute Stunde. Fragen rund um das Thema Migration und Aschaffenburg gab es nicht. Für die Besucher waren offenbar andere Dinge wichtiger.
Mann:
»Wir buttern jedes Jahr über 120 Milliarden Euro in das Rentensystem.«
Frau:
»Es geht mir um die Kosten der Krise und die Kosten unserer Zukunft.«
Mann:
»Wir wollen Sicherheit gegenüber Russland, behalten hier aber riesige Reserven an Munition und Panzern vor, obwohl doch sie gerade jetzt in dieser Minute in der Ukraine gebraucht werden, um Menschenleben zu retten.«
Olaf Scholz, Bundeskanzler:
»Wir haben das gemacht mit Waffen, die wir verfügbar machen können, wie die Luftabwehr-Flak-Panzern und dann viel Artillerie und Ähnliches. Eine Abwägungsentscheidung. Ich glaube, wir haben den richtigen Schnitt gefunden, wie man es macht, damit man selber sich nicht unverteidigbar macht und trotzdem das Maximale für die Ukraine tut.«
Christian Teevs, DER SPIEGEL:
»Eigentlich sind das hier die Formate, die Scholz liegen: Kleinteilige Fragen, die sehr speziell sind, wo er mit seinem Detailwissen auch glänzen kann. Aber er war teilweise zu umständlich wieder, würde ich sagen. Vieles hat er sehr lange ausgeführt, sehr umständlich. Das hat man auch gemerkt. Es gab relativ wenig Applaus, obwohl die Leute ihm eigentlich wohlgesonnen waren. Es war oft, dass er nicht so richtig zum Punkt kam und er hat so keine richtige Begeisterung oder so ausgelöst.«
Fabian Pieper, DER SPIEGEL:
»Sind Sie zufrieden mit der Antwort, die er Ihnen gegeben hat?«
Frau:
»Nicht wirklich. Ich hätte gerne eine Nachfrage gestellt, aber das ist in so einem Format nicht möglich.«
Fabian Pieper, DER SPIEGEL:
»Wie fanden Sie es denn?«
Mann:
»Positiv überrascht. Ich fand vor allem das Eingangsstatement sehr stark. Man hat richtig Enthusiasmus gespürt. Ab und zu hat er aber wieder ein bisschen rumgescholzt. Aber im Großen und Ganzen bin ich wirklich positiv überrascht.«
Fabian Pieper, DER SPIEGEL:
»Herr Bundeskanzler, wie war der Termin für Sie?
Olaf Scholz, Bundeskanzler:
»Das war eine tolle Veranstaltung mit vielen, vielen Fragen der Bürgerinnen und Bürger. Für mich sind die Bürgergespräche das Beste, was es in der Politik überhaupt gibt. Übrigens auch viel interessanter als manches Interview, weil es wird nicht über den Klatsch gesprochen, wer mit wem, wer gegen wen, sondern über die Fragen: Was ist eigentlich wirklich los mit Rente, mit Gesundheit, mit Pflege, mit den Investitionen in die Infrastruktur. Was tun wir für unsere Sicherheit? Wie geht es mit der Ukraine Unterstützung weiter? Was ist zu bedenken? Und all den Fragen, die wirklich der Fall sind. Und das gefällt mir gut.«
Wahlkampf nach Scholz' Geschmack, das wird es in den kommenden Tagen und Wochen vermutlich nicht immer geben.