Ole von Beust: Hamburgs amtsmüder Bürgermeister
Ole von Beust Der Entzauberte
Berlin - "Führung kann heißen, dass ich Menschen enttäusche. Wer führt, der macht sich Feinde."
Das sagte (CDU) der "Süddeutschen Zeitung" vor zehn Tagen. Jetzt ist Hamburgs Erster Bürgermeister zurückgetreten. Vielleicht wollte er keine Feinde mehr haben. Früher war bundesweit kaum ein Politiker beliebter als Beust - sogar seine politischen Gegner mussten zugeben, dass er ein "netter Mensch" ist. Der Hamburger beherrschte den gepflegten Small Talk in Perfektion, trat frisch und fröhlich auf - ohne sich dabei bei den Wählern anzubiedern. Für die CDU verkörperte der bekennende Homosexuelle das Ideal eines großstädtischen, weltoffenen liberalen Konservativen.
Aber in den vergangenen Monaten reihte sich für Beust Pech und Unvermögen aneinander - der ewig Gutgelaunte reagierte ungewöhnlich pampig, giftete gegen seine Stammwähler, gegen Hamburgs Wohlhabende. Mit Reichtum protzen, so etwas habe man früher in Hamburg nicht getan, polterte Beust.
"Jetzt ist die Luft raus"
Seine Demontage, das Ende des Sunnyboys für alle, begann mit einer großen persönlichen Enttäuschung: Kanzlerin Angela Merkel (CDU) machte den Hamburger 2009 nicht zum Minister im Bundeskabinett, darauf hatte Beust lange gehofft. Als dann Dirk Niebel an seiner statt Entwicklungsminister wurde, sagte ein Vertrauter Beusts dem SPIEGEL: "Jetzt ist die Luft raus."
Das Verhältnis zu Merkel, die im Jahr 2008 enthusiastisch für Beusts Wiederwahl geworben hatte, schien getrübt. Beust übte scharfe Kritik am Sparpaket der schwarz-gelben Koalition, weil es sich gegen sozial Schwache wende - und musste selbst heftige Kritik einstecken. Vor allem, , ein Herzensanliegen seines grünen Koalitionspartners, unterstützte. Plötzlich hagelte es böse Worte von denen, die ihn in den vergangenen Jahren noch mit Ovationen gefeiert hatten. Beim Neujahrsempfang der "Versammlung Eines Ehrbaren Kaufmanns", einer hanseatischen Institution, warf ihm ein Redner vor: Ein ehrbarer Kaufmann verkaufe seine Kunden "nicht für dumm, wie es der Senat mit dem Volksbegehren gegen die Schulreform getan hat". Beust machte gegenüber der Presse seinem Ärger Luft: "Das ist taktlos."
Sein Rückhalt schwand auch in Umfragen und in der eigenen Partei: Offenbar war Beust davon persönlich stark gekränkt: In kleiner Runde soll er gesagt haben, dass ihn Kritik heute härter treffe als früher. In einem Interview sprach er auch darüber, dass hinter seinem Rücken über ihn geredet werde.
Die schlechten Tage - auch in Beusts politischem Umfeld - setzten sich fort. Zuletzt ging alles schief, was schiefgehen konnte: Sein Finanzsenator Michael Freytag warf, schwer beschädigt durch den Streit um Milliardenverluste der HSH Nordbank, die Brocken hin - nicht nur als Regierungsmitglied, sondern auch als Vorsitzender der Hamburger CDU. Beinahe zeitgleich eskalierte der Streit über die explodierenden Kosten des Prestigeprojekts Elbphilharmonie, deren Eröffnung um ein Jahr auf 2013 verschoben werden musste. Und dann brachte auch noch Sozialsenator Dietrich Wersich mit einer kräftigen Erhöhung der Kita-Gebühren viele Eltern gegen den Senat in Stellung.
Wofür stand Beust inhaltlich?
In der "Zeit" hieß es, man könne die Geschichte von Beust und Hamburg als die Geschichte einer Entfremdung erzählen. "Beide schienen lange Zeit füreinander bestimmt zu sein, Hamburg, die kleine Weltstadt erkannte sich gern wieder in dem zugleich zugewandten und zurückhaltenden, eigensinnigen aber taktvollen Mann. Und der repräsentierte die Stadt so, wie sie sich selbst am liebsten sieht: tolerant und weltoffen, selbstbewusst, aber nicht abgehoben." Aber der Blick des Bürgermeisters auf seine Stadt habe sich verändert: "Und die Stadt, besonders ihr bürgerlicher Teil , versteht ihren Bürgermeister nicht mehr."
Geboren wurde Beust 1955 als Carl-Friedrich Arp Freiherr von Beust in eine alte Hamburger Adelsfamilie. Sein Vater Achim-Helge Freiherr von Beust war Bezirksbürgermeister in Wandsbek. "Ole" war nur ein Spitzname, den seine Oma für ihn gefunden hatte - Beust ließ den Namen eintragen, als er 18 Jahre alt war.
Mit 16 Jahren trat Beust in die CDU ein, mit 23 Jahren wurde er jüngster Bürgerschaftsabgeordneter der Union. 23 Jahre später wurde Ole von Beust Erster Bürgermeister. Die Herzen der Hamburger Wähler gewann er mit dem Wahlslogan: "Alster, Michel, Ole" - aber sein Weg an die Macht war heikel. Zusammen mit dem Rechtspopulisten und der FDP bildete Beust ein Bündnis. Bei den Neuwahlen 2004 holte Beust für die CDU in der Hansestadt die absolute Mehrheit der Mandate. 2008 wurde Beust zum zweiten Mal wiedergewählt und gründete die erste schwarz-grüne Koalition in Deutschland.
"Gute Politik erkennt man an ihrer Alltagstauglichkeit" sagte Beust einst. Sein Politikstil galt als moderat. Beust ließ die Behörden oft erst einmal machen, mischte sich nicht gleich in jeden Streit in Fraktion und Partei ein. Der 55-Jährige gilt nicht als penibler Analytiker, sondern auch politisch eher als Bauchmensch.
Wofür Beust inhaltlich stand, war schon immer etwas schwierig zu sagen - sicher war immer sein Einsatz für gesellschaftspolitische Liberalität und seine Abneigung gegen sturen Konservatismus. Niemand wisse für welche konkreten politischen Inhalte Beust stehe - es gebe nur bestimmte Grundwerte, wie seine Abneigung gegen Diskriminierung, schrieb die "Welt".
"Ich entspreche wenig dem Politikerklischee"
Widersprüche gab es während seiner Laufbahn zahlreiche: Früher warb Beust für mehr direkte Demokratie. Das war Ende der Neunziger, damals galt der CDU-Mann als einer der "jungen Wilden" in der Union. Doch als Rathaus-Chef setzte sich Beust 2004 gleich über zwei Hamburger Bürgerentscheide hinweg. Beust wollte auch ein moderner Wirtschaftspolitiker sein. Die Privatisierung des Hafenbetriebs HHLA brachte er nach Druck aus der Belegschaft und gescheiterten Verhandlungen mit der Deutschen Bahn allerdings nur halbherzig auf den Weg: Lediglich 30 statt der geplanten 49,9 Prozent der Anteile gingen an die Börse. Und aus grundsätzlichen Fragen der Bundespartei hielt Beust sich einige Zeit lang lieber ganz heraus.
Über Beust persönlich weiß man nicht viel - er ist kein Kumpelpolitiker wie etwa Ministerpräsident Peter Harry Carstensen (CDU) aus Schleswig-Holstein. Beust liebt Sylt, abends spaziert er gerne an der Außenalster. Er kocht gerne, kauft billig ein, seine Anzüge auch gerne mal bei "Peek und Cloppenburg". Er ist einer, der nicht nur arbeitet, sondern auch das Leben genießen will.
Beust selbst sagte über sich: "Ich entspreche wenig dem Politikerklischee." Im Grunde sei er schüchterner und introvertierter als Leute denken.
Zuletzt fuhr Beust ohne sein Handy auf eine Nordseeinsel - Medien erfuhren von seinem geplanten Rücktritt, noch bevor der grüne Koalitionspartner davon etwas gewusst haben soll. Ein souveräner Rückzug aus der Politik sieht anders aus.