Zweite Chance für Politiker: Karriere nach Rücktritt
Politiker-Comebacks Da bin ich wieder!
Berlin - Er sei immer bereit gewesen zu kämpfen, doch jetzt habe er die Grenzen seiner Kräfte erreicht, begründete seinen Rücktritt. Im politischen Berlin macht auch eine andere Deutung die Runde: Vielleicht entschied sich der beliebte Verteidigungsminister trotz tagelanger Durchhalteparolen jetzt doch für einen Rücktritt, um seinen Ruf nicht völlig zu ramponieren - und nach einigen Jahren wie Phönix aus der Asche in die Politik zurückzukehren.
Diese Strategie ist durchaus erfolgversprechend, denn schon zahlreiche über einen Skandal gestürzte Politiker sind nach einer Zeit im politischen "Abklingbecken" zurückgekommen.
SPIEGEL ONLINE hat prominente Beispiele gesammelt.
Wolfgang Schäuble - Rücktritt wegen Parteispenden
Der prominenteste von ihnen saß zusammen mit Guttenberg am Kabinettstisch und gilt heute als einer der glaubwürdigsten Politiker überhaupt: Wolfgang Schäuble. Als Nachfolger von Helmut Kohl stand er an der Spitze der CDU, als Ende 1999 ein System geheimer Konten und illegaler Parteispenden enthüllt wurde. Konnte sich Schäuble zunächst noch als Aufklärer inszenieren, geriet er selbst unter Druck, nachdem seine Kontakte zu dem Waffenhändler Karlheinz Schreiber bekannt geworden waren. Im Januar 2000 gab er zu, von Schreiber eine Parteispende über 100.000 Mark in bar entgegengenommen zu haben. Nachdem Schäuble ein weiteres Treffen mit dem Rüstungslobbyisten einräumen musste, erklärte er am 16. Februar 2000 seinen Rücktritt vom Partei- und Fraktionsvorsitz.
Allerdings behielt Kohls langjähriger Kronprinz seinen Platz im Präsidium der CDU und war in den Folgejahre immer wieder auch für Spitzenämter im Gespräch. Nach der Bundestagswahl 2002 übernahm er den stellvertretenden Fraktionsvorsitz der CDU, nach der Bildung der Großen Koalition 2005 wurde er Innenminister. Als 2009 die schwarz-gelbe Regierung die Arbeit aufnahm, wechselte Schäuble an die Spitze des Finanzministeriums.
Franz Josef Jung - Rücktritt wegen schwarzer Kassen
Ähnlich wie Schäuble stürzte auch Franz Josef Jung über die Spendenaffäre der CDU, und ähnlich wie Schäuble war auch er nicht der Hauptschuldige. Nachdem bekannt geworden war, dass es auch in der hessischen Landespartei schwarze Kassen und geheime Auslandskonten gegeben hatte, trat Jung im September 2000 als hessischer Minister für Bundes- und Europaangelegenheiten sowie als Chef der Wiesbadener Staatskanzlei zurück.
Nicht wenige Beobachter werteten den Rückzug Jungs als "Bauernopfer", um Ministerpräsident Roland Koch zu entlasten. Der revanchierte sich, indem er den Boden für das Comeback Jungs bereitete und seinen alten Vertrauten bei der Regierungsbildung der Großen Koalition als Verteidigungsminister durchsetzte. Nach der Bundestagswahl 2009 wechselte Jung ins Arbeitsministerium, musste aber nur einen Monat später die Verantwortung für die Kunduz-Affäre übernehmen und zum zweiten Mal in seiner politischen Karriere zurücktreten.
Franz Josef Strauß - Rücktritt wegen der SPIEGEL-Affäre
Auch in Guttenbergs eigener Partei, der CSU, hat es bereits fulminante Comebacks von Politikern gegeben. Der berühmteste von ihnen wird bis heute als eine Art Übervater verehrt: Franz Josef Strauß. Seine größten politischen Erfolge feierte er sogar nach seinem Rücktritt. Wie Guttenberg musste er das Amt des Verteidigungsministers aufgeben, trotzdem prägte er seine Partei noch über Jahrzehnte.
1962 war Strauß Verteidigungsminister, als die SPIEGEL-Affäre für Aufregung sorgte. Journalisten des Nachrichtenmagazins wurden wegen angeblichen Landesverrats verhaftet, die Büros des SPIEGEL wochenlang von der Polizei besetzt. Die Fäden im Hintergrund zog Strauß - ohne den Justizminister zu informieren. Vor dem Bundestag log er und beteuerte, er habe mit der Sache nichts zu tun. Die Affäre führt zur Regierungskrise, in der ein neues Kabinett gebildet wurde - Strauß war nicht mehr mit von der Partie.
Doch er kehrte zurück: Ab 1966 saß Strauß wieder mit am Kabinettstisch, als Finanzminister in der Großen Koalition unter Kurt Georg Kiesinger. 1978 wurde er bayerischer Ministerpräsident, bis er 1988 an den Folgen eines Herzinfarktes starb.
Otto Wiesheu - Rücktritt nach Alkoholfahrt
Wie viel Gras über politische Skandale wachsen kann, zeigte auch der Fall des bayerischen CSU-Politikers Otto Wiesheu. Als CSU-Generalsekretär verursachte er im Oktober 1983 betrunken einen schweren Verkehrsunfall, bei dem ein Mensch getötet und ein weiterer schwer verletzt wurde. Das Landgericht München verurteilte ihn wegen grob fahrlässiger Tötung zu 12 Monaten Haft auf Bewährung. Otto Wiesheu trat als Generalsekretär zurück.
Seine Rückkehr in die höhere Politik beweist, dass manche Fehler schnell vergessen werden: Nach sieben Jahren wurde er Staatssekretär, um dann 1993 ausgerechnet bayerischer Verkehrsminister zu werden.
Jürgen W. Möllemann - Rücktritt nach Chip-Affäre
Doch nicht nur konservative Politiker kehrten nach Skandalen zurück. Als "Stehaufmännchen" machte auch der FDP-Politiker Jürgen W. Möllemann Zeit seines Lebens immer wieder Schlagzeilen. Als Bundeswirtschaftsminister und Vizekanzler musste er am 3. Januar 1993 zurücktreten, weil er auf dem Briefpapier des Ministeriums Werbung für Einkaufswagen-Chips gemacht hatte, die von der Firma eines angeheirateten Vetters vertrieben wurden. 1994 verlor er nach dem Rücktritt des kompletten Vorstands auch noch den Landesvorsitz der nordrhein-westfälischen FDP.
Es dauerte gerade einmal zwei Jahre, bis Möllemann zurückkehrte. 1996 wurde er wieder Landeschef, 2000 errang er für die NRW-FDP, die zuvor nicht im Düsseldorfer Landtag vertreten war, mit einem ganz auf seine Person zugeschnittenen Wahlkampf 9,8 Prozent der Stimmen.
Ein israelkritisches Flugblatt, illegale Parteispenden an die nordrhein-westfälische FDP und Ermittlungen wegen Steuerhinterziehung führten zum zweiten Abstieg Möllemanns. Am 5. Juni 2003 sprang er kurz nach der Aufhebung der Immunität durch den Bundestag mit dem Fallschirm in den Tod.
Cem Özdemir und Gregor Gysi - Rücktritt wegen Bonusmeilen
Der Vorsitzende der Grünen, Cem Özdemir, kam zu Fall, noch bevor er zum Parteichef wurde. Als innenpolitischer Sprecher der Grünen hatte der aufstrebende Jungpolitiker zwei Skandale gleichzeitig zu bewältigen. Zunächst kam heraus, dass Özdemir für Steuerrückzahlungen den Kredit eines umstrittenen PR-Beraters in Anspruch genommen hatte - Özdemir entschuldigte sich und warf sich selbst "Naivität und mangelnde Vorsicht" vor.
Nachdem bekannt wurde, dass er dienstlich erworbene Bonusmeilen von Fluggesellschaften für Privatreisen nutzte, reichten Entschuldigungen nicht mehr - seine Glaubwürdigkeit war zu stark beschädigt. Özdemir legte sein Amt nieder und zog sich aus dem Bundestag zurück. 2008 kam er jedoch wieder nach Berlin: Zusammen mit Claudia Roth ist er seitdem Bundesvorsitzender der Grünen.
Über die Flugmeilen-Affäre war auch Gregor Gysi gestolpert. Der damalige PDS-Politiker hatte wie Özdemir einräumen müssen, in seiner Zeit als Bundestagsabgeordneter dienstlich gesammelte Bonusmeilen privat in Anspruch genommen zu haben. Im Juli 2002 musste er als Berliner Wirtschaftssenator und Bürgermeister zurücktreten.
Doch die politische Wiederauferstehung sollte nicht lange auf sich warten lassen. Drei Jahre nach seinem Rücktritt verkündete Gysi sein politisches Comeback und trat für das neugegründete Linksbündnis aus PDS und WASG bei der vorgezogenen Bundestagswahl Ende 2005 zusammen mit Oskar Lafontaine als Spitzenkandidat an. Mit 8,7 Prozent der Stimmen verzeichnete das Wahlbündnis einen großen bundespolitischen Erfolg. Gysi, der außerdem mit 40,4 Prozent der Stimmen das Direktmandat im Wahlkreis Berlin-Treptow-Köpenick gewann, wurde zusammen mit Lafontaine Vorsitzender der neuen Fraktion und hat dieses Amt bis heute inne.
Mit dieser Perspektive könnte Karl-Theodor zu Guttenberg vermutlich ganz gut leben.