Gillamoos, Abensberg
Einzug Hubert Aiwanger ins Weißbierstadl. Die Ankunft des Chefs der Freien Wähler gleicht an diesem Tag einem Triumphzug.
Reporterin:
»Herr Aiwanger, wie ist denn die Stimmung heute?«
Hubert Aiwanger, Vorsitzender Freie Wähler:
»Ja, ist schön, dass so viele Leute da sind.«
Zur selben Zeit im Hofbräuzelt: Ankunft Markus Söder, mit CDU-Chef Friedrich Merz im Schlepptau. Der Applaus für den CSU-Ministerpräsidenten ist nicht ganz so tosend wie bei seinem Stellvertreter nebenan – aber laut genug für eine Ausrede.
Reporterin:
»Herr Söder, darf ich Sie mal ganz kurz fragen? Wie herausfordernd war denn jetzt die Woche für Sie?«
Markus Söder, CSU-Ministerpräsident Bayern:
»Jetzt hören Sie mal, was ich dann nachher zu sagen habe. Schön, dass Sie da sind, freut mich sehr.«
Montag im bayerischen Abensberg auf der Gillamoos-Wiese: Das hier ist nicht nur ein Volksfest, sondern es ist der »größte politische Stammtisch der Welt«, so die bescheidene Selbstauskunft der Organisatoren. An diesem Tag wird bei den Freien Wählern die »Causa Aiwanger« endgültig, so scheint es, ad acta gelegt.
Teilnehmer:
»Wir sind Kehlheimer. Wir fahren nach Gillamoos weil wir einen gescheiten Politiker sehen wollen.«
Teilnehmerin:
»Wir stehen stark hinter dem Hubert, also, das war immer schon so und das wird sich auch nicht ändern. Der ist einfach für uns da, genauso wie wir auch für ihn da sind.«
Reporterin:
»Sie sagten, Sie stehen hinter ihm: Hat sich da irgendetwas verändert für Sie nach dieser Flugblatt-Affäre?«
Teilnehmerin:
»Überhaupt nicht. Weil jeder wer was anders sagt soll lieber vor seiner Haustür kehren.«
Teilnehmerin:
»Ich denke, dass der Aiwanger auf jeden Fall gepunktet hat durch die ganze Situation.«
Reporterin: »Inwiefern?«
Teilnehmerin: »Weil man einfach merkt, dass viel mehr Leute so denken, dass das was mit 16 war, dass man das nicht nach 35 Jahren auf den Tisch legen kann.«
Teilnehmerin:
»Ich weiß ja teilweise noch nicht mal, was gestern war, also. Ja gut, nun ist ja auch Gillamoos…«
Reporterin: »Und hat diese Flugblatt-Affäre für Sie irgendeine Konsequenz?« Teilnehmer:
»Die hat für mich keine Konsequenz. Für mi ist es alte Zeiten. Das ist aufgeblasen worden von den Medien. Also ich bin immer noch im Team Aiwanger.«
Reporterin:
»Er sagt ja, dass er eigentlich Opfer einer Kampagne war, sehen Sie das auch so?«
Teilnehmer:
»Ich muss sagen, der Lehrer, der es losgestoßen hat, ich bin aus dem Ort, wo der Aiwanger her ist, und man kennt den, der ist ortsbekannt. Komisch, dass das sechs Wochen vor der Wahl gekommen ist. Der Herr ist bei der SPD – sehr verdächtig.«
Von Aiwanger selbst gab es an diesem Tag keine Silbe zum antisemitischen Flugblatt. Über die Affäre, und vor allem über die angebliche »Hexenjagd« auf den Freie-Wähler-Chef, durften seine Vorredner ausgiebig sprechen. Aiwanger hingegen redet für seine Verhältnisse geradezu staatsmännisch:
Hubert Aiwanger, Vorsitzender Freie Wähler:
»Dieses Land wir derzeit tief gespalten – bis hin zu einer Situation der Regierungsunfähigkeit.«
Zurück im Hofbräuzelt.
Markus Söder, CSU-Vorsitzender:
»Ich sag mal eins: Die Hampel-Ampel ist die schlechteste Regierung, die Deutschland je hatte, meine Damen und Herren. Das kann man, glaube ich, schon mal festhalten.«
Für die CSU steht nach einer turbulenten Woche offenbar fest: jetzt volle Fahrt voraus, bloß kein Zurückblicken. Dafür kommt das gewohnte Ampel-Bashing hier gut an.
Teilnehmer:
»Er ist genau mein Politiker, er spricht so, wie ich persönlich fühle. Es gibt gewisse Kernthemen, die angesprochen worden, die meiner Meinung nach für uns normale Bürger wichtig sind. Und das hat er komplett auf dem Kopf getroffen. Das passt.«
Über die Flugblattaffäre seines Vizes verliert auch Markus Söder kein Wort. In der CSU-Basis überwiegt das Verständnis für das Krisenmanagement des Ministerpräsidenten – und die Rettung des Koalitionspartners:
Reporterin:
»Aber seine Erklärung hat Sie erst einmal zufriedengestellt?«
Teilnehmerin:
»Da müsste man lange ausholen. Zufriedengestellt würde ich nicht sagen, ich würde sagen, er hatte keine andere Wahl, als es so zu verpacken, weil er gesagt hat, er wird nicht mit den Grünen koalieren. Für ihn war es die richtige Lösung, mich selber zufriedengestellt kann ich so nicht sagen.«
Teilnehmer:
»Irgendwann sollte man Ruhe geben. Ich kann mich erinnern, wir hatten einen Bundesaußenminister, der hat mit Steinen auf Polizisten geworfen, die ihn später dann beschützen mussten.«
Teilnehmer:
»Da haben die Grünen und die Sozis gesagt: Alles nicht so wild, war doch nur ne Jugendsünde – und jetzt beim Aiwanger so ein Tam-Tam.«
Teilnehmerin:
»Wir sind ja Frauenunion: Und drum ist es ein bisschen anders, man sieht es anders, man hat selber Kinder – und man kann auch für die Kinder nicht alles gerade biegen, wenn man auch meint, man macht´s. Aber das gelingt manchmal nicht. Also daher, ich sehe es als nicht so schlimm.«
Dass Söder von seinem Koalitionspartner getrieben wird, steht allerdings auch fest. Denn jegliche Koalitionsalternative schlägt er nach wie vor kategorisch aus:
Markus Söder, CSU-Vorsitzender:
»Meine sehr verehrten Damen und Herren, die Grünen passen mit ihrem Weltbild nicht zu Bayern und deswegen wird es keine Grünen in der bayerischen Staatsregierung geben.«
In Gillamoos endet an diesem Tag das Volksfest. Das Wahlkampf-Karussell aber wird sich in den nächsten Wochen weiterdrehen. Am 8. Oktober wird sich dann zeigen, wie die Stimmung in ganz Bayern aussieht.