Halle (Saale)-Anschlag: Die Spuren des Täters Stephan Balliet - DER SPIEGEL
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Der Attentäter von Halle Die Spuren des Stephan Balliet

Wie wurde der Angreifer von Halle zum Judenhasser und Mörder? Wie gut war er in rechtsextremen Internetforen vernetzt? Wollte er die Ermittler, die sein Zimmer durchsuchten, verhöhnen? Lesen Sie hier die SPIEGEL-Titelstory.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Von Maik Baumgärtner, Sven Becker, Felix Bohr, Jörg Diehl, Matthias Gebauer, Hubert Gude, Thomas Heise, Roman Höfner, Max Holscher, Martin Knobbe, Roman Lehberger, Timo Lehmann, Claas Meyer-Heuer, Adrian-Basil Müller, Ann-Katrin Müller, Henrik Neumann, Rachelle Pouplier, Sven Röbel, Marcel Rosenbach, Thies Schnack, Philipp Seibt, Steffen Winter, Wolf Wiedmann-Schmidt und Klaus Wiegrefe


Am Tag bevor in Sachsen-Anhalt ein Antisemit eine Synagoge angreift, sitzen in Berlin einige der wichtigsten Strafverfolger des Landes zusammen. Der Generalbundesanwalt ist gekommen, Staatsanwälte aus den Ländern, die Bundesjustizministerin.

Im lichtdurchfluteten Innenhof des Deutschen Historischen Museums sprechen sie darüber, wie die Justiz rechte Gewalt bekämpfen kann. Auf Twitter trägt die Veranstaltung den Hashtag #unantastbar, das entscheidende Wort in Artikel 1, Absatz 1 des Grundgesetzes, der von der Würde des Menschen handelt.

Generalbundesanwalt Peter Frank hat eine Botschaft an die Gäste, er trägt sie in ruhigem Ton vor, aber sie ist nicht beruhigend: Rechtsextreme Einzeltäter seien heutzutage oft gar keine Einzeltäter, sagt Frank. Selbst wenn sie ihre Taten allein verübten, seien sie in eine virtuelle Gemeinschaft eingebunden, die im Internet ihre Morde bejubele.

Was der höchste Ankläger des Landes beschreibt, ist eine neue Form des Terrorismus. Begangen von vermeintlich "einsamen Wölfen", die sich weitgehend isoliert von der Außenwelt radikalisiert haben, zum Beispiel im Internet. In Wahrheit aber, so kann man die Aussage Franks interpretieren, bilden diese Wölfe ein wachsendes Rudel. Es ist eine weltweit vernetzte Bewegung des rechtsextremen Hasses.

Aus heutiger Sicht wirken die Worte des Generalbundesanwalts wie eine unheimliche Vorhersehung. Denn keine 24 Stunden nach dem Vortrag lässt einer dieser Wölfe seinem Hass freien Lauf.

Ausgestattet mit schwarzen Stiefeln, Helm und olivfarbener Tarnjacke, versucht in Halle Stephan Balliet, 27 Jahre alt, die Synagoge an der Humboldtstraße zu stürmen – in seinem Mietwagen ein Arsenal an Sprengkörpern, Gewehren und Pistolen.

Es ist Jom Kippur, das Fest der Versöhnung, der höchste Feiertag der Juden, 51 Menschen halten sich in dem Gotteshaus auf. Die hölzerne, aber gut gesicherte Eingangstür rettet ihr Leben.

Balliet schießt mit seinem Gewehr mehrfach auf die Tür. Das Holz splittert, aber das Schloss und die Angeln halten stand. Also tötet er auf der Straße eine Passantin und richtet in einem Dönerimbiss einen Bauarbeiter hin. Er filmt die Tat und überträgt sie im Internet, fünf Nutzer schauen live zu, 2200 weitere sehen sich das Video kurz nach der Tat an. Offenbar meldet es zunächst keiner der Polizei.

Der Anschlag von Halle ist eine Zäsur. Die zweite in diesem Jahr, nach dem Mord am Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke (CDU). Er war der erste Politiker, der nach 1945 einem rechtsextremen Anschlag zum Opfer gefallen ist. Nun hätte es beinahe ein Massaker an betenden Juden gegeben. Es ist nicht hysterisch, von einer bedrohlichen Eskalation zu sprechen und von einem untragbaren Zustand: Juden in Deutschland müssen wieder um ihr Leben fürchten.

Noch am Abend des Anschlags eilte die Kanzlerin zu einer Mahnwache an der Neuen Synagoge in Berlin-Mitte, die 1938 in der Reichspogromnacht angezündet worden war. An der Fassade mahnt ein Schild: "Vergesst es nie!" Am Donnerstag besuchten Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und der Vorsitzende des Zentralrats der Juden, Josef Schuster, den Tatort in Sachsen-Anhalt.

Die Bluttat von Halle zeigt, dass längst Realität ist, was der Generalbundesanwalt noch als dunkle Prophezeiung beschrieben hat. Die rechtsextreme Bedrohung nimmt zu, es gibt neue Radikalisierungsformen, und auch die Tat selbst unterscheidet sich von früheren Anschlägen, sie wirkt wie makaberes Reality-TV.

Die Sicherheitsbehörden, auch das macht das Attentat deutlich, sind auf dieses Szenario noch nicht eingestellt, trotz spürbarer Bemühungen seit dem Lübcke-Mord, den verlorenen Boden der vergangenen Jahre gutzumachen. Ein hochrangiger Verfassungsschützer, der anonym bleiben will, zeigt sich tief betroffen. "Die Sicherheitsbehörden allein werden an dieser Aufgabe scheitern."

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