Serdar Yüksel, SPD Bochum:
»Vor 20 Jahren hätte man uns für das Ergebnis noch hier in Bochum rausgejagt. Wir haben hier Ergebnisse eingefahren von über 50 Prozent, das heißt wir waren auch immer sehr verwöhnt hier.«
Am Tag nach der Wahl ist Serdar Yüksel erleichtert: Der Direktkandidat der SPD in Bochum zieht in den Bundestag ein. Yüksel hat 32 Prozent der Stimmen geholt – ein gutes Ergebnis. Und doch sind die guten alten Zeiten für die Genossen hier im Ruhrgebiet längst vorbei. Im einst tiefroten Revier werden sie nicht nur von der CDU verdrängt, sondern zunehmend auch von der AfD, so wie fast überall in Deutschland.
Serdar Yüksel, SPD Bochum:
»Dass zwölf Millionen Menschen in diesem Land die AfD gewählt haben, ist demokratiegefährdend und auch -zersetzend. Und ich weiß, dass wir als demokratische Mitte nicht mehr ganz so viel Vertrauensvorschuss der Bürgerinnen und Bürger haben, und dass wir es wirklich in den nächsten vier Jahren gut machen müssen. Wenn es vier Jahre mit dieser Kakophonie weiter gehen sollte mit anderen Protagonisten, dann bekommen wir 2029 ein Problem. Und ich fürchte, ein ganz großes Problem.«
Im benachbarten Gelsenkirchen gibt es das Problem schon jetzt.
Serdar Yüksel, SPD Bochum:
»Hier ist Gelsenkirchen. Der hat sein Wohnzimmer hier in Wattenscheid und sein Badezimmer in Gelsenkirchen. Hier klebt alles aneinander.«
Gelsenkirchen ist einer von zwei Wahlkreisen in Westdeutschland, in denen die AfD erstmals die meisten Zweitstimmen bekam. Viel ist ohnehin nicht mehr übrig vom alten SPD-Kernland. Und nun, mittendrin, der erste blaue Fleck: 24,7 Prozent für die AfD, dahinter die SPD mit 24,1 Prozent.
Frau:
»Schrecklich, mehr kann man nicht sagen. Das ist das Einzige, was man sagen kann.«
Frau:
»Ich schäme mich, dass Gelsenkirchen so gewählt hat.«
Mann:
»In der heutigen Gesellschaft, wo wir eigentlich ein bisschen mehr aufeinander achtgeben sollten, dann jetzt so eine Partei so stark hier in Gelsenkirchen, da tue ich mich ganz schwer mit. «
Mann:
»Die hohe Quote für die AfD ist schon wirklich besorgniserregend hier in Gelsenkirchen.«
Gelsenkirchen gilt als ärmste Stadt Deutschlands: mit einem der niedrigsten Durchschnittseinkommen, einer der höchsten Arbeitslosenquoten und einem überdurchschnittlich hohen Anteil von Migrantinnen und Migranten, auf denen manche ihren Frust abladen.
Mann:
»Gucken Sie mal hier in Gelsenkirchen, ist schlimm: Ist kein Deutscher mehr hier. Schlimm. Die ganzen Leerstände hier, so etwas wie Kaufhof und C&A gibt’s ja hier gar nicht mehr. Nur noch TEDi, Ein-Euro-Läden.«
Mann:
»Ich habe mir etwas ganz anderes gewünscht, meine ganzen Kinder haben sich etwas ganz anderes gewünscht.«
Birgit Großekathöfer, DER SPIEGEL:
»Was haben Sie sich gewünscht?«
Mann:
»Dass die AfD noch mehr Stimmen bekommt. Ich habe auch mal früher SPD gewählt, ja.«
Birgit Großekathöfer, DER SPIEGEL:
»Warum jetzt nicht mehr?«
Mann:
»Weil ich enttäuscht bin. Weil ich richtig, als Deutscher, enttäuscht bin, was in Deutschland passiert: Zum Beispiel sind die Mieten viel zu hoch, die ganzen Häuser sind alle besetzt, aber nicht von Deutschen. Ich bin kein Ausländerfeind, überhaupt nicht.«
Birgit Großekathöfer, DER SPIEGEL:
»Aber die AfD ist doch eine in Teilen rassistische Partei?«
Mann:
»Nein, das erzählen die Leute, die Propaganda, die gemacht wird. Die Deutschen fallen darauf rein.«
Frau:
»Ich glaube, dass die Politik vor Ort hier versagt hat. Und ich kann aber nicht akzeptieren, dass die AfD gewählt wird, weil die aus meiner Sicht menschenverachtend und rechtsradikal ist und verboten gehört.«
Den Strukturwandel haben große Teile des einstigen Kohlereviers nicht geschafft. Heute sieht es in manchen Stadtteilen so aus.
Mann:
»Die Bürger haben, auf Deutsch gesagt, die Schnauze voll. Ich habe mein Büro hier, wenn Sie da mal hingucken, das ist jetzt noch human hier, es gab Wochen, da lag der Müll bis auf der Straße. Wenn man sich dann beschwert und es wird kein Gehör gefunden, dann passiert so etwas.«
Mann:
»Ich meine, dass man dann die Alternative wählt – das finde ich ganz schwierig. Das kann man nicht nur der Politik in die Schuhe schieben. Das ist ein gesellschaftliches Ding. Da muss jeder mit anpacken. Gerade was das Integrieren von Leuten, die auf der Flucht und hilfebedürftig sind, gerade die leben doch davon. Das bringt ja nichts, wenn irgendein Politiker sich dahinstellt und sagt: Wir machen dat und dat.«
Die SPD-Wahlparty am Sonntagabend in Bochum: Die Genossen feiern ihren Wahlkreissieger Serdar Yüksel– Sohn kurdischer Eltern, im Ruhrgebiet geboren und aufgewachsen. Fast 15 Jahre saß der gelernte Krankenpfleger im nordrhein-westfälischen Landtag, nun geht es nach Berlin.
Serdar Yüksel, SPD Bochum:
»Dieses Ergebnis ist für uns Verpflichtung. Mit diesem Erfolg, mit diesen Themen, mit denen wir auf der Straße waren, nämlich mit den Brot-und-Butter-Themen, die Menschen ernst zu nehmen mit ihren Sorgen und Nöten, ihnen zuzuhören, wo der Schuh drückt.«
Noch spürt Yüksel einen Vertrauensvorschuss.
Serdar Yüksel, SPD Bochum:
»Es kann aber durchaus sein, dass es anders wird, wenn wir es nicht gut machen. Aber wenn wir es gut machen, dann bin ich davon überzeugt, dass sich die demokratische Mitte wieder stabilisieren wird.«
Gelingt das nicht, befürchtet Yüksel einen weiteren Niedergang der einstigen Arbeiterpartei. Schon jetzt hat der Sozialdemokrat im Wahlkampf gespürt: Auch die rechtsradikalen Positionen der AfD sind salonfähig geworden.
Serdar Yüksel, SPD Bochum:
»Viele wählen sie genau wegen ihrer rechtsextremen Haltung. Das darf man nicht vergessen. Und dann sagen die Leute: Herr Yüksel, verstehen Sie, noch ist das hier unser Land. Wenn man das doch alles schon im Bundestag sagen kann, warum kann ich das dann auf der Kortumstraße in Bochum genauso sagen? Oder noch schlimmer. Es gibt mit Sicherheit viele, die aus Frust und Ärger auch die AfD wählen, die kann man, glaube ich, zurückgewinnen. Ich würde das aber hier vor Ort auf ein Drittel schätzen, die anderen wissen inzwischen schon, wen sie wählen.«