Tanz im Orient-Expreß
Zwischen Bulgarien und der Türkei herrscht emsiger diplomatischer Reiseverkehr. Oberstleutnant Aral und sein Stellvertreter Hauptmann Acar von der türkischen Militärmission in Bulgarien kehrten unerwartet von Sofia zurück. Niemand weiß, ob sie zurückgerufen oder ersucht wurden abzureisen. Wenige wissen, daß sie den abenteuerumwobenen Simplon-Orient-Expreß benutzten.
Dieser Zug, um den Schriftsteller internationalen Formats wie Agatha Christie ihre Romane schrieben, bietet keine der üblichen Attraktionen. Er ist nicht so schnell wie der »Super Chief« der Stadt Los Angeles, der durch die USA braust. Er ist kein traditioneller, fahrplanmäßiger Zug wie der »Flying Scotsman« von London nach Edinburgh. Er hat keine so lange Fahrtstrecke wie der »Transsibirien-Expreß«, der von Moskau nach Wladiwostock neun Tage braucht. Was der Orient-Expreß zu bieten hat, ist Romantik.
In zwei Tagen und drei Nächten passiert er sieben verschiedene Landesgrenzen, mehr als irgendein anderer Zug auf der Erde. Er verbindet zwei Welten, von denen die eine durch Paris. Westeuropas Metropole, die andere durch Istanbul, den Koloß von Nah-Ost, repräsentiert wird.
Zahlreicher als die Nationen, durch die er fährt, sind die Nationalitäten, die er ihren Schicksalen entgegenbringt. Seit 1883 sind es dieselben Menschen: in Nerz gekleidete Geheimagentinnen, Herren mit Monokel und Bärtchen, undefinierbare Häuptlinge irgendwelcher Volksstämme, bildschöne Frauen, von denen niemand weiß, wovon sie leben, königliche Hoheiten auf der Flucht und indische Maharadschas.
In den bequemen Ledersesseln des Orient-Expreß räkeln sich Menschen, die zu Berühmtheiten wurden, ohne daß jemand ihren Namen zu nennen wüßte. Eine von Orchideen eingerahmte Französin, die ihren Gatten zum Abschied küßt, in den Expreß einsteigt und, bevor der Zug die Halle verlassen hat, einem jungen tschechischen Künstler in sein Abteil folgt.
Ebenso berühmt und unbekannt ist jene italienische Gräfin, die jeden Monat im Orient-Expreß reist. Im Speisewagen unterhält sie sich mit wohlhabenden Industriellen, macht Besuche in deren Abteilen oder empfängt in ihrem eigenen. Sie lebt davon.
In den guten alten Tagen, von denen die Kondukteure Dubois und Aublard in drei Sprachen fließend berichten, war das Dinner im Orient-Expreß das Entzücken jedes Epikuräers. Es gab sechs Schränke im eleganten Speisewagen des Zuges. Jeder Schrank repräsentierte die Nation, die der Expreß passierte. Er enthielt die Delikatessen und Weine seines Landes. Es war immer nur der Schrank geöffnet, durch dessen Land der Expreß rollte.
Wenn der Orient-Expreß Paris verließ, servierten die »Chefs« französische Weine und ein Dutzend Hors d'Oeuvres. Wurde die schweizerische Grenze passiert, schloß ein französischer Zollbeamter den französischen Schrank, und sein Schweizer Kollege öffnete den Schrank seiner Nation. Es gab Schokolade, Käse und Marmelade. Heute sind fünf Schränke leer. Der Schweizer birgt die alten Genüsse.
M. Bortolotti, seit 20 Jahren französischer Kondukteur des Orient-Expreß, erinnert sich mit behaglichem Schmunzeln an einen reichen, indischen Herrscher, der sich einen ganzen Schlafwagen mit 24 Betten mietete, um ganz privat eine reizvolle Sammlung von Reisenden mitzunehmen. »Dieser Inder, ein Maharadscha, oder so etwas ähnliches, verlangte, daß außer mir niemand den Wagen betreten durfte.
»Ich konnte es natürlich gar nicht abwarten: der Maharadscha hatte seinen ganzen Harem mitgenommen. Glauben Sie nicht, daß moderne Haremsbewohnerinnen nicht hübsch sind. Sie waren wunderhübsch. Eine wie die andere. Und tolle Figuren. Jede trug einen dünnen Schleier, und jede hatte eine kostbare Diamantengarnitur an der rechten Nasenseite und im rechten Ohrläppchen.«
M. Bortolottis Kollege Dubois hat eine noch intimere Erinnerung, von der er zehrt. Josephine Baker verlangte von ihm morgens um 2 Uhr Käsebrötchen und Bier. Die Genüsse waren nicht leicht zu beschaffen. Josephine versprach dem schlaftrunkenen M. Dubois, für ihn zu tanzen, für ihn allein, wenn er ihre Wünsche erfüllen würde. M. Dubois zögerte nicht. Josephine Baker ging mit ihm in den Speisewagen und tanzte im Négligé »La Bakhair« für den Kondukteur.
M. Aublard erzählt von Carl Fürstenberg, dem deutschen Bankier. Er war regelmäßiger Fahrgast des Orient-Expreß. Er liebte das Alleinsein und mietete sich das untere und obere Bett eines Abteils. Der Zug war einmal gedrängt voll, und ein neuer Fahrgast bat, das obere Bett für die Nacht benutzen zu dürfen. Fürstenberg rümpfte die Nase: »Ich mache es mir immer zur Regel, mein Herr, meine Entscheidungen zu überschlafen. Ich werde Ihnen meinen Entschluß morgen früh mitteilen.«
»Aber das waren die guten alten Zeiten«, sagen die Schlafwagenleute. Die meisten Reisenden von heute sind Geschäftsleute, die nach Zürich fahren, Italiener, die Pässe gefälscht haben, französische Schwarzhändler oder chinesische UNESCO-Vertreter. »Ich schätze, 40 Prozent unserer Reisenden beschäftigen sich mit Schwarzhandel oder Schmuggel.«
Wie der Luxus, die Speisen und die Menschen, änderte sich auch der Inhalt der Gepäckwagen des Orient-Expreß. Die amüsanteste Fracht, die sie transportierten, war für den verstorbenen türkischen Diktator Kemal Ata Türk bestimmt, der aus Moscheen Kornspeicher machte und der Polygamie ein Ende setzte.
Ata Türk hatte entschieden, sein Land durch das Verbot des traditionellen Fezes noch mehr nach dem Westen auszurichten. Die Türken waren auf verzweifelter Suche nach einer neuen Art der Kopfbedeckung. Die Hutgeschäfte und Bazare von Istanbul und Ankara sandten SOS-Rufe an die Hutmacher von Europa. Ueber Nacht wurden die Gepächwagen des Orient-Expreß mit Eilgut bepackt: steife Filzhüte aus London, Homburger aus Paris, polnische Kappen, »Wassermelonen« - alles für die unbedeckten Häupter der Türkei.
Das Gepäck von heute spiegelt die Zeit wider: Hunderte von Nahrungsmittelpaketen, gebrauchte Fahrräder, etliche Kinderwagen und endlose Kleiderbündel. Wenige Koffer mit dem verblichenen Glanz der Stammgäste von Monte Carlo und St. Moritz sind die letzten Spuren der guten alten Zeit.