Gewagt: Blütenträume aus Venezuela - DER SPIEGEL
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Gewagt Blütenträume aus Venezuela

Wer pfiffige Architektur mag, sollte dem Expo-Pavillon Venezuelas unbedingt einen Besuch abstatten. Doch das südamerikanische Land hat noch mehr zu bieten.
Von Alexander Stirn
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

"Mach es wie die Sonnenuhr, zähl' die heiteren Stunden nur", ist in unzähligen Poesie-Alben der vergangenen Jahrzehnten zu lesen. Und genau danach richtet sich der Pavillon Venezuelas: Scheint die Sonne und steigen die Temperaturen, heben sie die einzelnen Dachsegmente des Pavillons wie Blütenblätter in die Höhe. Ist der Himmel bedeckt, klebt die Decke am Pavillon, und der Expo-Auftritt Venezuelas erinnert eher an ein nüchternes Observatorium denn an ein blühendes Architekturerlebnis.

Zumindest äußerlich. Hinter den weißen Mauern wird jedoch eines schnell klar: Die Venezolaner haben bei der Gestaltung ihres Expo-Auftritts viel Wert auf Details gelegt: Die Decke im Eingangsbereich, im Prinzip nicht mehr als weißlackierte Stahlträger, zieren geschwungene Neonröhren, die dem Ganzen einen angenehmen Touch verleihen.

Daneben erwartet den Besucher des venezolanischen Pavillons - die Überraschung hält sich in Grenzen - Venezolaner. Doch nicht etwa in echt treten die Bewohner des südamerikanischen Landes dem Expo-Touristen gegenüber, sondern in Form von etlichen lichtdurchfluteten Säulen. Die empfangen den Gast im Eingangsbereich des Pavillons - und versuchen, egal ob Kind, Mann oder Frau, unentwegt gute Laune zu verbreiten.

Die indirekt beleuchteten Foto-Monolithen sind typisch für den gesamten Expo-Auftritt des südamerikanischen Landes: Transparente Fototapeten, von hinten beleuchtet, finden sich an allen Ecken und Enden des Pavillons. Dazu passen (echte) Pflastersteine und Holzbalken, die nicht nur im Erdgeschoss einen passablen Untergrund abgeben.

Der Weg führt in einen kreisrunden Raum, an dessen Decke viele verschiedene Speere hängen. Im Fußoden ist - unter dicken Plexiglasscheiben - indianischer Schmuck vergraben. Die passende, halbwegs indianische Musik kommt vom Band. Die Vitrinen am Rand sind gefüllt mit Masken, Schmuck und Werkzeug.

Hinter dem Raum voller Traditionen finden sich Schautafeln mit bekannten Köpfen aus der Geschichte Venezuelas: Simon Bolivar lächelt da genauso von den Wänden herab wie Andres Bello oder der deutsche Forscher Alexander von Humboldt.

Dazu liefern die Venezolaner viel, beinahe zu viel, Lesestoff. Von unvermeidbaren Infoscreens herab gibt es traditionelle Tänze und Melodien. Rund herum informieren großformatige Poster über Natur, Menschen und Tourismus im südamerikanischen Land. Soweit das Vorspiel: Der erste wirkliche Höhepunkt wartet - zumindest für die meisten Besucher - hinter Humboldt und Co. Dort haben die Macher der Ausstellung ein Aquarium aufgebaut, in dem sich Kammbuntbarsch, Wels und Zitteraal tummeln. Parallel dazu können sich Gäste vorbei an Glasvitrinen mit Holzfiguren bekannter und unbekannter Venezolaner schieben - ein eher langweilige Erlebnis. Interessanter sind da schon mehrere Setzkästen mit toten Schmetterlingen - auch wenn die gesamte Präsentation in solchen Momenten in Richtung einer naturkundlichen Ausstellung abzudriften droht.

Im ersten Stock ändert sich an der grundlegenden Linie des venezolanischen Expo-Auftritts wenig: Aquarien mit Piranhas und Bassins mit Wasserblumen an der Außenseite des Pavillons; großformatige Folien zu Gebieten wie Wasser, Öl oder Umweltschutz im Innern des Gebäudes. Dabei überzeugen die Schautafeln nicht nur durch handwerklich toll gemachte Fotos, sondern auch durch prägnante Erläuterungen. "Viel Visualität, wenig Text", lautet die Devise.

Das zeigt sich auch beim Höhepunkt des ersten Stockwerks, einer großen Videopräsentation auf zwei LCD-Bildschirmen. Zu schneller Musik und noch schnelleren Schnitten bauen sich fragmentarische Eindrücke Venezuelas auf, die sich erst nach längerem Verweilen zu einem kompletten Bild zusammensetzen.

Ganz oben, unter dem imposanten Blütendach, wird die Präsentation etwas langweiliger: Vier Dioramen zu den Themen Gebirge, Urwald, Meer und Savanne bringen die verschiedenen Landschaftstypen Venezuelas plastisch näher - jeweils inklusive der passenden Geräuschkulisse.

Vor den Wänden des Pavillons und entlang der Rampe, die den Besucher wieder hinab auf hannoverschen Boden führt, finden sich plätschernde Becken voller Wasserpflanzen. Die allerdings geraten schnell in Vergessenheit bei einem Blick auf die gewaltige hydraulische Konstruktion, die den architektonisch außergewöhnlichen Pavillon regelmäßig zum Erblühen bringt.

Bewertung:
Note: 2
Prädikat: blumig
Verweildauer: 30 Minuten
Erholungswert: angenehme Temperaturen, aber lange Wege


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Auf einen Blick: Von A bis Z - Die Expo-Teilnehmer

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