Inselwandern: Chinesische Mauer von Malta - DER SPIEGEL
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Inselwandern Chinesische Mauer von Malta

Goldene Bucht, blaue Lagune und weiße Felsen – auf Malta ist die aufregende Küstenlinie immer gegenwärtig. Quer über die kleine Insel ziehen sich andere Linien: die Victoria Lines, das Bollwerk der Briten aus dem 19. Jahrhundert. Eine Wanderung entlang der mächtigen Mauer.
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Mosta/Mgarr - Mit Sonne und Felsen haben die Götter Malta gesegnet. Auf dem nur 27 Kilometer langen und gut 14 Kilometer breiten Eiland ist die Küste immer zu sehen. Und im hügeligen Landesinneren brennt die Sonne unbarmherzig vom Himmel. Die Victoria Lines, eine Befestigungsanlage der Engländer, trennen Malta in eine Nord- und eine Südhälfte. Wer dem Empire-Bollwerk folgt, wird mit Sehenswürdigkeiten und großartigen Ausblicken belohnt - und hat sich anschließend eine Abkühlung im Mittelmeer verdient.

Ausgangspunkt der Wanderung ist das Zentrum von Mosta mit seiner Maria-Himmelfahrts-Kirche von 1860. 27 Jahre werkelten die frommen katholischen Bauern, bis sie ihre 61 Meter hohe Mosta Church fertig hatten. Mit einem Kuppeldurchmesser von knapp 40 Metern reicht das Gotteshaus fast an die 42 Meter des Petersdoms in Rom heran.

Am Ortsausgang von Mosta beginnt das Isperanza-Tal. Granatapfelund Johannisbrotbäume stehen dort neben Orient- und Zirbelkiefern, Maulbeer- und Mandelbäumen. Am Ende des Tales erscheint linkerhand Mdina am Horizont. Die einstige Hauptstadt Maltas thront umgeben von mächtigen Festungsmauern uneinnehmbar auf einem knapp 200 Meter hohen Ausläufer des Dingli-Plateaus. Am Ende dieser Anhöhe liegt die steile Südküste mit den weißen Dingli-Klippen vor tiefblauem Meer.

Bollwerk gegen die Franzosen

Oberhalb des Weges sind bereits die Victoria Lines zu erahnen. Auf einer Länge von zwölf Kilometer bauen sie auf einem Gebirgskamm namens Great Fault auf und sollten Malta vor Angriffen aus dem Norden schützen. Bereits die Ritter des Johanniterordens nutzten von 1722 an den steil nach Nordosten abfallenden Kamm für Verteidigungszwecke und bauten Schutzräume für Fußsoldaten.

Die Engländer errichteten dann von 1875 an drei strategische Forts entlang des Kammes. Im Laufe der Zeit kamen weitere Befestigungsanlagen hinzu. Bis 1897 wurden alle Bauten durch eine Mauer verbunden und zum 60-jährigen Thronjubiläum von Königin Victoria nach ihrer Majestät benannt. Das Bollwerk war vor allem als Schutz gegen die Franzosen gedacht, wurde aber nie Kriegsschauplatz.

Links und rechts des Weges wuchern Feigenkakteen. Wie die überall sorgsam von Hand aufgetragenen Mauern aus Steinen, manchmal aber auch nur aufgeschütteten Wälle aus Geröll, sollen sie die Felder vor Wind schützen. Vor allem Wein wächst hier dicht am Boden in kleinen Parzellen ohne größere Pflege und Bewässerung. Die maltesischen Tropfen müssen sich keineswegs verstecken. Um sicher zu gehen, dass man auch echten Inselwein im Glas hat, sollte auf der Flasche ein Vermerk wie "Malta grown" stehen. Oft werden einfach Trauben aus Italien eingeschifft und in Malta gekeltert.

Auf der Höhe von Dwerja ist es an der Zeit, für einige Kilometer auf den Victoria Lines selbst zu wandern. Die so genannten Dwerja Lines sind die am besten erhaltenen und eindrucksvollsten Teilstücke der Maueranlage, die seit 1998 Weltkulturerbe ist. Ein schattiges Plätzchen sucht der Wanderer in der verkarsteten Landschaft vergebens. Dicht an der soliden Mauer aus Kalksandstein entlanggehen kann er auch nicht û in deren Schatten wachsen in einem gut fünf Meter tiefen Graben Eukalyptus-, Pfirsich- und Feigenbäume.

Tauben auf dem Teller

Plötzlich wird aus der Befestigung mit Schießscharten eine begehbare Brücke, die sich sanft ins Tal herunterschlängelt und Erinnerungen an die Chinesische Mauer weckt. In der Talsohle angekommen, wird der Blick frei auf Katakomben und ein in Fels gehauenes Columbarium, ein Taubenschlag aus der Römerzeit. Die Tauben flogen nicht nur Botschaften aus, sondern landeten auch auf dem Teller. Dass die Malteser heutzutage ähnliche kulinarische Vorlieben haben, davon zeugen die vielen bunten, leer geschossenen Hülsen von Schrotpatronen am Wegesrand. Mit Vorliebe erlegen die Insulaner Singvögel, die zusammen mit Kaninchen beinahe die ganze heimische Fauna ausmachen.

Der Duft von Wildem Thymian hängt in der Luft. Gelb blüht der Wilde Fenchel, aus dem die Malteser gerne Schnaps brennen. Vorbei an den vergitterten Eingängen punischer Gräber im Fels geht es heraus aus dem Tal. Am Rande des Abhangs steht die kleine, 1680 erbaute Itria-Kapelle. Ein Marmortäfelchen neben dem Eingang erinnert auf Latein daran, dass es in diesem Gotteshaus kein Kirchenasyl gibt - angebracht haben muss es ein entnervter Pfarrer, der keine Strolche mehr aufnehmen mochte.

Die Victoria Lines links liegen lassend, geht es bergab weiter in Richtung Bingemma. Alle Felder sind gegen Erosion terrassenförmig untereinander zum Hang hin angeordnet. Das Erdreich leuchtet in einem intensiven Ockerton. Wo gewässert wird, wachsen Tomaten und Kürbisse. Doch Wasser ist Mangelware auf der Insel ohne Flüsse. Regen wird in Zisternen aufgefangen. Quietschende Windräder versuchen, der Erde einige Tropfen Wasser abzuringen.

Baden in der Golden Bay

Auf der Straße nach Mgarr rollen in Staubwolken gehüllt die alten grünen oder blauen Landrover der Farmer, einige mit roten Zwiebeln beladen. Beim Betreten der 3000-Seelen-Stadt zieht die zu groß geratene Pfarrkirche von 1946 alle Blicke auf sich. Hier war die Gemeinde ganze 34 Jahre mit dem Bau beschäftigt. Bescheidener nimmt sich da der prähistorische Tempel Ta'Hagrat gleich um die Ecke aus.

Von Mgarr geht es westwärts hinunter zum Meer. Nach gut 13 Kilometern ist das Ziel erreicht: Die Golden Bay, einer der beliebtesten Sandstrände Maltas, lädt nach der schweißtreibenden Wanderung zum Baden ein. Und wer es noch ein wenig karibischer mag, besteigt ein Ausflugsboot in Richtung Blue Lagoon, die in schönstem Türkis vor der kleinen Nachbarinsel Comino liegt.

Von Dirk Averesch, gms