Einkaufszentrum in Dubai: Shopping-Tempel deluxe
Shoppen in Dubai Hai in der Umkleidekabine
Früher konnten die Haie zuschauen, wenn jemand eine Jeans anprobierte. Der Panoramablick aus den Umkleidekabinen in das Zehn-Millionen-Liter-Aquarium sollte der Clou sein. Er würde, da waren sich die Macher der Dubai Mall sicher, die Leute scharenweise in das Kleiderkaufhaus locken. Sie lagen nicht falsch - nur blieben die Kunden zu lange: in den Umkleidekabinen. Ohne sich am Ende überhaupt etwas kaufen zu wollen.
Sie zogen einfach den Vorhang hinter sich zu, setzen sich auf den Hocker in der Kammer und ließen sich vom Blick durchs 75 Zentimeter dicke Spezialglas ins angrenzende Riesenaquarium verzaubern. 32 ausgewachsene Tigerhaie ziehen dort ihre Runden, Rochen scheinen durchs sattblaue Wasser zu fliegen, und ein Tunnel aus ultragehärtetem Acrylglas führt über den vermeintlichen Meeresboden. Besucher können so trockenen Fußes durch das Mega-Aquarium laufen - über sich all die Millionen Liter Wasser und rund 33.000 Meeresbewohner.
In Dubai braucht man so etwas. Da baut man das, was allen anderen zu aufwendig oder zu kostspielig ist. Oder zu verrückt. Alles, was derlei Weitererzählwert hat, ist am Golf gefragt, denn es zieht die Besucherscharen aus aller Welt an: am besten zum Einkaufen.
Zusätzlicher Thrill: Ein Leck im Becken
Seit die Dubai Mall mit 1200 Geschäften und gut 502.000 Quadratmeter Verkaufsfläche auf drei Etagen als das größte Kaufhaus der Welt eröffnet wurde, zählt das Aquarium mittendrin zu den Besuchermagneten - obwohl zwischendurch mal das Becken leckschlug und Wassermassen die Umgebung fluteten.
Der Zwischenfall hat die Aufmerksamkeit nur noch mehr gesteigert, dem Ganzen sogar einen zusätzlichen Thrill verliehen. Menschen blieben unverletzt, längst ist die Scheibe geflickt. Und angeblich ist bei der Panne nicht mal ein Fisch zu Schaden gekommen.
Shopping in Dubai lebt von der Inszenierung, von den Rekorden. Da findet sich ein Eislaufring in Olympia-Abmessungen mitten in der Mall, der größte Goldbasar der Welt ebenfalls. Erbaut fürs Guinness-Buch der Rekorde - und um noch mehr Leute zum steuerbegünstigten Shoppen in das Emirat zu locken. Ganz besonders jetzt zur Weihnachtszeit, wenn Einkaufspaläste wie dieser auch im Morgenland mit Tannen und goldenem Lametta dekoriert sind.
In der Weltrangliste der größten Einkaufszentren ist die Dubai Mall inzwischen auf Platz 14 abgerutscht, was die Ladenfläche angeht. Ein Unding. Deshalb wird auf Geheiß des Herrschers Scheich Mohammed nun zügig Abhilfe geschaffen. Eine neue Weltrekord-Mall ist bereits in Planung - größer als alles, was es in China und sonstwo gibt. Weil man sich in Dubai nicht gerne die Superlative abnehmen lässt. Was danach kommen wird? Nach ein paar Jahren? Mit Sicherheit ein noch größeres Einkaufszentrum, weil sich das Spiel immer wiederholen, die Spirale sich weiterdrehen wird.
Dubai Creek: Gegenwelt zu den spacigen Shopping-Malls
Foto: Helge Sobik
Platz eins hält die Dubai Mall nach wie vor, was das Besucheraufkommen angeht: 65 Millionen Menschen kommen jedes Jahr zum Einkaufen hierher, zum Essen und Trinken in 120 Restaurants und Cafés, zum Schlittschuhlaufen, sogar zum Karussellfahren, auch zum Zugreifen im mit 930 Quadratmetern größten Bonbongeschäft der Welt. Und natürlich zum Fischegucken.
Dabei ist diese Mall nur eines unter mehreren riesigen Einkaufszentren im Emirat. In der Ibn Battuta Mall etwas außerhalb sind die Wände eines Themenbereichs mit Hieroglyphen verziert und ganz im Look des alten Ägypten gehalten. Ein Stück weiter wähnt man sich im Klischee-Persien unter Kuppeln mit türkisfarbenen Fliesen, noch ein Stück weiter in China.
In die Mall of the Emirates unterdessen ist eine Skipiste integriert - mit 400 Meter langer Abfahrt, mit Rodelbahn und der Möglichkeit zur Schneeballschlacht. Die exklusivsten Zimmer des unmittelbar angrenzenden Hotels haben Pistenblick. Besonders beliebt sind sie bei Arabern, die lange aufbleiben, um mitten in der Nacht vom Sofa aus den ersten Schneefall ihres Lebens zu bestaunen. Denn Punkt halb drei Uhr geht die vollautomatische Beschneiungsanlage an.
Ein Shake aus Kamelmilch, eine CD mit Arab-Techno
Und, ganz nebenbei, ein wenig Altes gibt es auch noch: den Gemüsemarkt im Zentrum nicht weit vom Creek mit den arabischen Handelsschiffen, die Gassen der Goldhändler dort, die Shops voller preiswerter Elektronik im alten Teil der Stadt. Und ständig neue Einkaufszentren vom Reißbrett - mit allen Marken von Weltrang, mit Shopping-Festivals und Schnäppchen-Schlussverkäufen.
Wer zwischendrin rausfinden möchte, wo in der Welt er eigentlich gerade ist, kann sich im Café einen Shake aus Kamelmilch ordern, im Restaurant arabisch essen gehen, im Musikladen eine CD mit Arab-Techno kaufen - oder einfach schauen, wer neben und mit einem bummelt: Männer in langen weißen Dishdashas, Frauen in schwarzen Gewändern. Was sie alle eint: die Freude am Shopping - und daran, gut unterhalten zu werden.
Nur die Umkleidekabinen mit vermeintlichem Meerblick gibt es in der Dubai Mall inzwischen nicht mehr. Wo einst der Blick zu den Haien war, stapeln sich heute in einem raumhohen Regal leichte Pullover für die Wintermonate auf der arabischen Halbinsel - für Tage mit 25 Grad. Seit dem Umbau laufen die Geschäfte des Ladens besser, weil die Leute wieder Augen für die Waren haben, um die es geht. Und nicht für Haie, Rochen und Meereszauber.
Wer den Fischen besonders nah kommen will, kann sie füttern gehen. Dafür muss er allerdings durchs Treppenhaus hinter den Kulissen des Aquariumbetriebes stiefeln und von außen uneinsehbar ganz oben am Beckenrand ein Glasbodenboot besteigen. Damit geht es auf Rundfahrt übers Aquarium mitten im Einkaufszentrum - Hand-ins-Wasser-halten verboten! Gegen Aufpreis gibt es Tütchen mit Fischfutter.
Ob Haie unterdessen auf Jingle Bells stehen? Ob sie die Weihnachtsmelodien hören, die ein bisschen verklebt aus den Lautsprechern tropfen? Damian Prendergast zuckt mit den Schultern. "Ganz sicher nicht, weil die Beckenwand so dick ist", sagt der australische Meeresbiologe, der fürs Wohlbefinden der Dauergäste mit den Kiemen zuständig ist: "Irgendwie schade eigentlich."